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Vom Zauber der Oper

Wenn die Stimme die Seele berührt ...

Verdis Otello an der Bayerischen Staatsoper:
Vom (Zer-)Fall eines Helden und einer Liebe ohne Zukunft

München, 12.12.2018

Ich berichte heute über die 5. Vorstellung dieser Neuproduktion unter der Regie von Amélie Niermeyer, die am 23. November am Münchner Nationaltheater Premiere feierte.

Nach der Premiere gab es bedauerlicherweise nur wenige positive Kritiken und immer wieder wurde die Regieführung negativ bewertet und mit ihr leider auch Jonas Kaufmann, der die Titelpartie übernommen hat. Vollkommen zu Unrecht wie man feststellen muss. Gut 2100 Zuschauer im Nationaltheater konnten sich bisher bei jeder einzelnen Vorstellung von der überzeugenden Darstellungskraft und den großen stimmlichen Qualitäten des Münchner Opernsängers überzeugen. Anja Harteros in der Rolle der Desdemona, Gerald Finley als Bösewicht Jago und vor allem Kirill Petrenko, der die musikalische Leitung inne hatte, wurden bereits nach der Premiere mit viel Lob und Anerkennung überschüttet. Vollkommen zu Recht und hoch verdient. Wer leider kaum zur Erwähnung kam, war der wunderbare Chor der Bayerischen Staatsoper; er gehört zu den besten seiner Art und ist genauso wie das Bayerische Staatsorchester immer wieder mit Preisen ausgezeichnet worden. Die Sängerinnen und Sänger bereichern jede Aufführung und begeistern durch Stimmgewalt und eine große Bühnenpräsenz.

Da nach dem Livestream und dem Einblick durch den Trailer, das Videomagazin und die zahlreichen Fotos das Bühnenbild gut bekannt sein sollte, werde ich auf diesen Punkt nur kurz eingehen. So viel sei gesagt: Der zweigeteilte Raum in Hell und Dunkel, Licht und Schatten, die Traumwelt Desdemonas und die harte und brutale Realität sind schlüssig und nachvollziehbar dargestellt. Der so gestaltete Bühnenraum in weiß und schwarz unterstützt die Erzählweise von Regissseurin Amélie Niermeyer, die ihren Fokus auf die drei Hauptdarsteller gelegt hat, insbesondere auf die von Beginn zum Scheitern verurteilte Liebe von Otello und Desdemona. Es ist, wie angekündigt, als ein intensives Kammerspiel gestaltet, das die menschlichen Gefühle, die Stärken und Schwächen der Protagonisten und die daraus resultierenden Handlungsweisen in den Mittelpunkt stellt. Die Frage, die sich immer wieder stellt ist: Warum handeln und reagieren sie so wie im Libretto beschrieben? Wer oder was zwingt die Menschen in diesem Stück dazu, etwas Bestimmtes zu tun oder zu sagen? Gibt es am Ende tatsächlich nur den einen Weg, der letztlich alle ins Verderben führt?

Bevor ich darauf näher eingehe, seien noch ein paar Worte zu Kirill Petrenko gesagt und zu den exzellent besetzten Nebenrollen. In der Rolle der Emilia war Rachel Wilson zu hören und zu sehen, als Rodrigo Galeano Salas, die Partie des Cassio wurde von Evan LeRoy Johnson übernommen, Montano von Milan Siljanov und der Herold von Markus Suhikonen. Allesamt begabte junge Sänger, die entweder im Jungen Opernstudio singen oder bereits etabliert sind im Ensemble der Bayerischen Staatsoper. In Sachen Nachwuchs gibt es München also höchstens Luxusprobleme, alle die jungen Sänger in den verschiedenen Produktionen unterzubringen.

Die musikalische Leitung hatte wie schon erwähnt Kirill Petrenko, der aus beruflichen Gründen am 6. Dezember für eine Vorstellung den Dirigentenstab an Asher Fish übergibt. Kirill Petrenko, der als sehr sängerfreundlich gilt und ausgesprochen akribisch ist in der Vorbereitung auf ein neues Werk, bewies auch jetzt wieder, dass er in der Lage ist, noch viel Neues zu entdecken in einem der anspruchsvollsten Werke der Opernliteratur. Der russische Dirigent, der es vermag, auch die kompliziertesten musikalischen und kompositorischen Vorgänge dem interessierten Laien verständlich zu vermitteln, dirigierte nun zum ersten Mal in seiner Laufbahn Verdis Musikdrama Otello und konnte schon zum Auftakt mit der mitreißenden Eröffnung Una vela überzeugen. Kirill Petrenko leitet und führt Orchester, Solisten und Chor durch alle Untiefen und Gefahren der Partitur und bringt am Ende alle sicher zurück an Land. Als Zuschauer wird man mitgenommen auf eine emotionale Reise, manchmal auch durch die Tiefen der eigenen Seele. Er drückt auch diesem Werk sanft seinen Stempel auf, und zurück bleibt am Ende jedes Mal ein Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Bravo, Maestro!

Kehren wir nun zurück zu den drei Hauptprotagonisten von Verdis Drama und ihren hochkarätigen Sängerdarstellern. Jonas Kaufmann in der Titelpartie des Kriegsherren Otello, Anja Harteros als seine Gemahlin Desdemona und Gerald Finley als Otellos Dämon, der ihn für immer vernichten und zerstören will.

In Amélie Niermeyers Regiekonzept sind die Figuren nun ein wenig anders zu erleben als man es bisher gewohnt war:

Otello ist in München ein Kriegsheimkehrer, der von den schlimmen Erlebnissen auf dem Schlachtfeld geprägt und traumatisiert ist. Natürlich gibt es kein Blackfacing für den Darsteller des Otello; das ist weder notwendig noch zur heutigen Zeit politisch korrekt. Stattdessen ist Jonas Kaufmann in einem schlichten Soldatenoutfit zu erleben, in einer grau-grünen Hose und einer kurzen Jacke, beides erinnert an die Kleidung eines GIs im 2. Weltkrieg, dazu schwarze Schnürstiefel. Unter der Jacke ist ein einfaches weißes Baumwollhemd zu sehen und Hosenträger. Sein Markenzeichen, die dunklen Locken, sind unter einer Perücke mit einem leicht biederen, glatten Kurzhaarschnitt in aschbraun verschwunden. Der Bart ist kurz getrimmt und hat seine natürliche grau-weiße Färbung behalten. Otello ist deutlich älter als seine Ehefrau und so wirkt der Münchner Opernsänger im Gegensatz zu Anja Harteros und auch dem Rest seiner Kollegen optisch sehr zurückgenommen. Er scheint fast wie aus einer anderen Zeit. So gibt es auch ohne schwarze Schminke im Gesicht den eindeutigen Hinweis, dass Otello ein Außenseiter der Gesellschaft ist, in der Desdemona große Verehrung und Anerkennung findet. Anerkennung, die der Feldherr nur bezogen auf seine Siege auf dem Schlachtfeld gewonnen hat.

Im Gegensatz zu ihrem Ehemann auf der Bühne erlebt man die schöne Halbgriechin in Amélie Niermeyers Inszenierung als starke Frau, selbstbewusst, abenteuerlustig und davon überzeugt, mit ihrer starken Liebe alle Hindernisse zu überwinden und das Gute im Menschen zu stärken. So ist Anja Harteros in dieser Produktion am Münchner Nationaltheater in langen Gewändern zu erleben, elegant und aus edlen Stoffen gefertigt, oder im dritten Akt in einem schwarzen Hosenanzug unter dem recht aufreizend ein roter BH hervorblitzt. Im Gegensatz zu ihren Kollegen ist sie die einzige, die ihre Bühnenoutfits immer wieder wechseln darf. Eine Konstante gibt es aber, mit Ausnahme des gesamten dritten Aktes, ein cremefarbenes langes Kleid; sie trägt es in der ersten Liebesnacht zwischen Otello und Desdemona am Ende des ersten Aktes und bei ihrem Tod im vierten Akt. Man könnte sagen, auch dieses Kleid hat einen gewissen symbolischen Charakter.

Ein schlichter goldener Ring als sichtbarer Beweis ihrer Ehe ist an der linken Hand von Jonas Kaufmann und Anja Harteros zu sehen und verleiht der Darstellung der Sänger sowie der Art dieser Inszenierung eine zusätzliche Tiefe.

Gerald Finley als Jago ist mit seiner Kleidung am ehesten in der heutigen Zeit einzuordnen. In T-Shirt, einer lässig geschnittenen Hose und Sneakers fällt er wenig auf und kann sich so gut in der Menge verstecken. Die Figur des Bösewichtes in Verdis Drama ist hier in München viel subtiler dargestellt vom britischen Bariton. Jago ist in dieser Neuinszenierung mehr Verführer, ein Mensch, der es genießt, seine Macht unauffällig auszuüben, der mehr und mehr Gefallen an der Zerstörung findet und immer mehr erkennt, wozu er in der Lage ist. Sein Ziel ist es, Otello zu vernichten, genau wie Cassio, die er beide aus tiefster Seele hasst. Dass auf diesem Weg Kollateralschäden entstehen, nimmt er als unvermeidbar hin, oder vielmehr ist es ihm vollkommen egal.

Zusätzlich zur 3. Vorstellung lief am 2. Dezember auch noch der kostenlose Livestream der Bayerischen Staatsoper. Er setzte ganz besonders die große Qualität und das beeindruckende schauspielerische Können der drei Hauptdarsteller in den Mittelpunkt. Wenn solch wunderbare Sängerdarsteller auf der Bühne stehen, sind die Close-ups von besonderer Intensität geprägt. Hervorzuheben sind hier der 49-jährige Münchner Opernsänger und sein britischer Kollege. Diese zwei Künstler in den Nahaufnahmen zu erleben, ist ein ganz besonderes Erlebnis, sie fesseln ihre Zuschauer und man wird fast in diese dunkle Welt hineingezogen, kann sich dem kaum mehr entziehen.

An der gesanglichen Leistung gab es ohnehin zu keinem Zeitpunkt etwas auszusetzen. Jonas Kaufmann, Anja Hartreos und Gerald Finley bewiesen wieder einmal, warum sie zu den Besten ihres Fachs gehören und überall in Europa und der Welt gefeiert werden, wenn sie auf der Bühne stehen.

Gerald Finley, der in den letzten Jahren schon einige Auftritte an der Bayerischen Staatsoper hatte, war sicher eine der Überraschungen dieser Otello-Neuproduktion und gewann die Herzen des Münchner Opernpublikums im Sturm. Sein Jago ist ein Verführer, ein geschickter Stratege, der zuerst in kleinen Versuchen austestet, was er in der Lage ist auszurichten oder viel mehr anzurichten. Nach und nach findet er Gefallen an der Macht des Bösen und baut sein Netz aus Intrigen immer weiter aus. Sein Äußeres ist lässig-unauffällig, er gibt sich als vertrauter Freund und Berater in schwierigen Lebenslagen. Er verspritzt leise und sanft sein Gift und zieht somit die Menschen um sich herum nach und nach ins Verderben. Geschmeidig wie eine Raubkatze, die ihre Beute ins Visier nimmt, schleicht er um seine Opfer herum. Gerald Finley dabei zu beobachten, ist eine große Freude, er hat diesen Charakter, die Figur des Jago verinnerlicht, wird immer stärker in seinem Ausdruck und der Interpretation. Sein fast lyrischer Bariton, der trotzdem kraftvoll und ausdrucksstark ist, unterstreicht die Darstellung und verstärkt das Gefühl, eine Person vor sich zu haben, deren einziger Wunsch es ist, das Gute in der Welt zu zerstören. Zu den gesanglichen Höhepunkten des in London lebenden kanadischen Baritons zählen ganz sicher das Credo zu Beginn des zweiten Aktes und das Racheduett von Otello und Jago, zusammen mit Jonas Kaufmann am Ende des zweiten Aktes.

Anja Harteros auf der Bühne zu erleben ist ohne Ausnahme jedes Mal ein außergewöhnlicher musikalischer Genuss. Die Sopranistin mit griechischen Wurzeln offenbart einen Zauber in ihrer Stimme, der die Seele berührt. Sie hat eine ganz besondere Gabe, die Menschen für sich zu gewinnen und verzaubert schon in dem Moment, in dem sie die Bühne betritt. So ist es auch in der Neuproduktion von Verdis Otello an der Bayerischen Staatsoper. Schon der erste Auftritt während des Eingangschores Una vela offenbart ihre starke Bühnenpräsenz, ohne dass sie nur einen Ton zu singen hat. Ihre Desdemona ist eine starke und mutige Frau, ein Mensch, der sich einmischt, kämpft und einsetzt für andere. Diese Frau ist davon überzeugt, mit der Kraft ihrer Liebe alle Hindernisse überwinden zu können und übersieht dabei die Gefahr, die von ihrem Ehemann ausgeht, da dieser schon längst unter dem Einfluss von Jago steht. Anja Harteros gewinnt mit dem Alter immer mehr Kraft auch in der szenischen Darstellung, ganz besonders, wenn sie mit ihrem Münchner Kollegen zusammen auf der Bühne steht. Die beiden kreieren jedes Mal eine dichte und gerade hier im Otello manchmal fast beklemmende Atmosphäre. Die zwei Opernsänger, die man, gerade in München, schon in zahlreichen Neuproduktionen erleben konnte, sind in der Lage, sich zu gesanglichen und schauspielerischen Höchstleistungen anzutreiben. Wer die zwei Künstler beobachtet, spürt die Verbundenheit und das große Vertrauen, das sie einander entgegenbringen und das gerade in einem Werk mit einer so emotionalen Dichte von so besonderer Bedeutung ist. Abgesehen von jeder einzelnen Szene zusammen mit Jonas Kaufmann, sind die gesanglichen Höhepunkte von Anja Harteros ganz sicher das A terra, si am Ende des dritten Aktes und ihr Salce Salce sowie das anschließende Ave-Maria zu Beginn des vierten Aktes. Etwas Schöneres hören zu wollen, ist nur schwer möglich.

Nun zum Otello-Darsteller in München, Jonas Kaufmann. Leider hatte es dieser wunderbare Sänger und begnadete Darsteller gerade nach der Premiere nicht ganz einfach. Die Kritiken für den 49-jährigen Münchner Opernsänger waren insgesamt durchwachsen, was vermutlich auch ein wenig dem Regiekonzept von Regisseurin Amélie Niermeyer geschuldet war. Otello ist bekanntermaßen in dieser Inszenierung von Beginn an ein schwer traumatisierter Kriegsheimkehrer. Ein erfolgreicher Feldherr ja, aber von den Kriegserlebnissen gezeichnet und geprägt. So herrscht von Beginn an eine triste und depressive Stimmung, das Heldische fehlt weitgehend. Otello ist von Anfang an als gebrochener Mensch zu erleben. Auch bei Jonas Kaufmann habe ich ausführlich die äußere Erscheinung angesprochen, die das Charakterbild des traumatisierten Kriegsheimkehres noch optisch unterstreicht und ihn zudem als Außenseiter der Gesellschaft kennzeichnet. Mit Beginn der Vorstellung am 2. Dezember und dem parallel ausgestrahlten Livestream im Internet, änderte sich dann merklich die Art der Interpretation, insbesondere die von Jonas Kaufmann. Nun durfte der erste Auftritt mit dem Esultate! - Jubelt! für ein paar Takte stark und siegreich klingen und noch mehr der zweite Auftritt mit dem Abbasso le spade - Nieder mit den Säbeln. In seiner Funktion als Kriegsherr ist Otello anerkannt, selbstbewusst und streng. Im Liebesduett mit Anja Harteros zeigt uns der Münchner Opernsänger die weiche, zarte und überaus verletzliche Seite seiner Figur. Eine unglaubliche Sehnsucht nach Frieden, Ruhe und Geborgenheit bewegen den Feldherren und sind die spätere Ursache für alles, was dann folgt. Zärtlich, ja fast schüchtern wirken die Annäherungen und Berührungen gegenüber Desdemona/Anja Harteros, die in ihrer Rolle dagegen selbstbewusst wirkt und damit kontrastreich die Interpretation ihres Bühnenpartners unterstreicht. Mit Beginn des zweiten Aktes ändern sich die Stimmung auf der Bühne und vor allem die Darstellung von Jonas Kaufmann. Die ersten Anzeichen von Zweifel sind in seinem Gesicht abzulesen, die Mimik und Gestik wechseln zwischen Misstrauen und Ungläubigkeit, erste kleine Ausbrüche unterstreichen die Tatsache, dass Jago den Keim des Bösen in Otello gesät hat. Es sind die kleinen Details, die eine besonders große Authentizität entstehen lassen. Kurz vor der Traumerzählung versucht sich Otello verzweifelt den Ehering vom Finger zu ziehen, erst mit der Hand und dann mit den Zähnen, ohne Erfolg. Dieses ist nur ein kleines Beispiel für die detaillierte Ausarbeitung seiner Rolle. In einer anderen Situation kickt er wütend einen der Blumensträuße, die am Boden liegen, mit dem Fuß weg, trommelt nervös mit den Fingern auf die Sessellehne oder kaut vermeintlich an seinen Nägeln. Langsam lässt der Münchner Opernsänger den Wahn entstehen, der Otello am Ende dazu bringt, auf furchtbare Weise seine Ehefrau zu töten. Er lässt die Zuschauer teilhaben am stetigen Absturz und an der immer stärker werdenden Eifersucht, die in seinem Alter Ego tobt. Die Ausbrüche werden mit dem dritten Akt immer heftiger; die Zuschauer erleben den 49-jährigen Opernsänger zunehmend brutaler und aggressiver in seiner Darstellung. Otello demütigt und quält Desdemona. In vielen Momenten wirkt die Interpretation erschreckend echt und manch einer wird zusammengezuckt sein, wenn Jonas Kaufmann die Hand erhebt, tobt und immer wieder bedrohlich seine Stimme erklingen lässt. Dazwischen gibt es aber auch die verzweifelten Momente, in denen der mittlerweile psychisch sehr labile Feldherr in sich zusammensinkt, verloren wirkt, sich verschließt und insbesondere seine Frau nicht mehr an sich heranlässt. Der dritte Akt ist eine Achterbahn der Gefühle, die Otello und Desdemona hin und her wirbeln wie in einem Sturm. Eine gemeinsame Zukunft ist längst nicht mehr möglich. Ein besonderer musikalischer Höhepunkt ist der von Otellos Monolog, den Jonas Kaufmann mit einem Ausdruck des stärksten Schmerzes in seiner Stimme und einer Art monoton wirkenden Sprechgesangs, der eine unglaubliche Tristesse, eine innere Leere und Hoffnungslosigkeit vermittelt, darbot. Er schleppt sich gebeugt über die Bühne, als trüge er eine kaum zu ertragende Last auf den Schultern. Erst am Ende des Monologes kehrt das Leben und die Kraft für einen Augenblick zurück. Kurz danach ist das Gefühl von Schmerz und Verzweiflung wieder da. Hilflos muss Otello mit ansehen, wie Jago mit Cassio über die vermeintliche Liaison mit seiner Frau spricht. Er irrt kreuz und quer durch den Raum, um nur ein Wort zu verstehen. In Anwesenheit der venezianischen Gesandtschaft folgen weitere Demütigungen und Beleidigungen an Desdemona, und wieder ist die Darstellung von Jonas Kaufmann erschreckend authentisch. Das Sextett mit Chor zum Ende zeigt den einst so geachteten Kriegsmann, wie er in seinem Wahn versinkt. Während der Raum sich mittels der Wandprojektionen zu drehen scheint, jagt Otello wie von Sinnen alle davon und verflucht Desdemona, die einen letzten Versuch wagt ihn zu retten. Otello sinkt weinend, vom Schmerz überwältigt, zu Boden, den Arm vor das Gesicht geschlagen. Über ihm steht der Mensch, der ihn am Ende zerstört, Jago. Der nachfolgende vierte Akt war sicher für viele Fans des sympathischen Opernsängers am schwersten auszuhalten. Verstörend erlebte man Jonas Kaufmann, der sich nach und nach in einen Rausch gespielt hatte, wie er als Otello, vom unbändigen Wunsch nach Rache erfüllt und von Eifersucht getrieben, das Schlafzimmer betritt. Zuerst noch ganz ruhig, ohne eine Regung im Gesicht. Noch deutet nichts auf die bevorstehende Tat hin. Brutal dann die angedeutete Vergewaltigung, die heftigen körperlichen und verbalen Angriffe und der eiskalte Blick, der sagte, ich fühle mich im Recht, Dich zu töten. Der Augenblick des Mordes, wenn Otello wie von Sinnen schreit mori - stirb, ihr jede Gnade verweigert, wenn er die Hände um Desdemonas Hals legt und immer wieder zudrückt, scheint die Welt kurze Zeit still zu stehen. Jonas Kaufmann und seine langjährige Bühnenpartnerin Anja Harteros in all diesen von Hass geprägten Situationen zu erleben, ist nicht ganz leicht zu ertragen.

Der Schluss dieses Abends endet mit tiefer Trauer und Schmerz. Als Otello bewusst wird, dass er seine unschuldige Frau ermordet hat, bricht sich die Verzweiflung Bahn. Ergriffen lauscht man Jonas Kaufmann, wenn er mit gebrochener Stimme um Desdemona weint, das Gesicht in die Kissen gedrückt. Otello stirbt am Ende, einsam und isoliert von der ganzen Welt, vor dem leeren Ehebett. Die letzten Momente in dieser Inszenierung sind ganz besonders grausam und der Münchner Opernsänger kann ein letztes Mal zeigen, warum er zu den besten Sängerdarstellern der Welt zählt. Auf allen vieren schleppt er sich zum Bett, auf der ansonsten leeren schwarzen Bühne. Er bittet um einen letzten Kuss, der ihm auf tragische Weise verwehrt bleibt. Dann sinkt der Kopf sacht auf das Bett nieder, die Stimme verebbt, wird leiser und leiser, der Blick erstirbt und langsam schließen sich die Augen. Otello fu….

Ein paar Sekunden der Ruhe und Besinnung nach diesem ausgesprochen emotionalen Abend wären schön gewesen, aber die Begeisterung der Zuschauer brach sich sofort ihre Bahn. Fast 20 Minuten Applaus gab es nach der Vorstellung des 10. Dezember 2018. Die Solisten, der Chor, das Orchester und der Dirigent wurden gefeiert und bejubelt. Immer wieder erschallten Bravo-Rufe durch den Raum, so dass die Solisten und der Dirigent immer wieder vor den Vorhang traten und mit großer Freude und Rührung das Lob und die Anerkennung des Münchner Opernpublikums entgegennahmen. Die Stimmung war gelöst und eine große Zufriedenheit stellte sich ein, bei den Opernbesuchern und sicher auch bei den Künstlern auf der Bühne.

Im Anschluss ging es weiter nach Hause oder zu einem gemütlichen Essen mit Freunden in ein nahegelegenes Grillrestaurant, wo der Abend wie jedes Mal in fröhlicher Runde ausklang. Dieses wunderbare und musikalisch hochkarätige Erlebnis wird sicher noch lange Zeit nachklingen.

Und jetzt frage ich noch: Was wäre das Leben ohne die Oper und ohne die einzigartig schöne Musik von Giuseppe Verdi? Antwort: Sehr traurig und öde!

Also bis bald, oder wie man in Italien sagt: Ciao a presto!   

Das Geheimnis um die Bühnentür

München, 01.12.2018

Die Bühnentür, die Stagedoor, Bühnenausgang, Bühneneingang: Ein Name für denselben Ort, wo man nach der Vorstellung Freunde trifft, sich verabredet und wiedersieht. Ein Ort der Begegnung und des Austauschs über das eben Erlebte im Opernhaus. Auch wer sich unterwegs zur Garderobe verloren hat, findet sich im Zweifelsfall ganz sicher an der Bühnentür wieder. Es ist gewissermaßen auch ein Ort der Sehnsüchte und um die angestauten Gefühle zu kanalisieren. Es ist ein Ritual, das einfach zum Abend dazu gehört, egal wie kurz die Dauer ist, und auch, wenn der Lieblingssänger/ die Lieblingssängerin nicht immer rauskommt, endet der Abend an der Bühnentür oder im Anschluss im Stammlokal.

Ich selbst liebe diesen Ort und habe eine meiner liebsten Freundinnen und ihre Tochter dort kennengelernt. Das ist jetzt schon mindestens drei Jahre her und seitdem haben wir im Münchner Nationaltheater, in Wien, Paris oder London viele gemeinsame und unvergessliche Abende erlebt. Ach, übrigens kam unser Lieblingssänger, ein gewisser Jonas Kaufmann, nicht an die Bühnentür. Die Pralinen für ihn haben wir uns dann schmecken lassen. Es gibt Tage, an denen man das Geschehen einfach nur aus sicherer Entfernung betrachten möchte, und Tage, an denen man sich ins Gewühl stürzt. Nicht jeder Abend verläuft gleich und auch die Menge an Fans unterscheidet sich manchmal erheblich. An diesem Ort kann man die großen Stars der Opernszene treffen genauso wie die jungen Nachwuchssänger. Es gibt Sänger und Dirigenten, die sich regelmäßig blicken lassen und die Zusammenkunft mit den Opernbesuchern genießen, und andere, die solche Begegnungen scheuen. An diesem Ort wird sich ausgetauscht, diskutiert und geschwärmt. Die einen schweben, noch von den Eindrücken beeinflusst, in einer anderen Welt und die anderen sind voller Adrenalin und Enthusiasmus. Es ist ein Treffpunkt der Generationen, vom Teenager im Alter von 16 Jahren bis zum rüstigen Rentner im Alter von 85 Jahren sind alle dabei. Alle vereint die gleiche Leidenschaft, die Liebe zur Welt der Oper. Ein Autogramm oder ein Foto mit dem Lieblingssänger /der Lieblingssängerin runden einen hoffentlich wunderbaren und unvergesslichem Opernabend ab. Mag sein, dass der eine oder andere auch einen kleinen Sport daraus macht, um die Sammlung zu Hause zu vervollständigen. Die Tochter einer Freundin nannte es einmal mit einem Augenzwinkern: Jagdfieber … 

Also viel Erfolg und Waidmannsheil! Wir sehen uns an der Bühnentür; in München, Wien, Paris, London, Hamburg oder wo auch immer…

Fernsehempfehlungen für den Monat Dezember

München, 30.11.2018

Am 12. Dezember gibt es aus München die José Carreras Gala, welche die an Leukämie erkrankten Menschen und ihre Schicksale in den Mittelpunkt rückt. José Carreras, der selbst vor mehr als 20 Jahren an Leukämie erkrankte und dank einer Knochenmarkspende gerettet werden konnte, engagiert sich seit dieser Zeit für die Erforschung und Heilung dieser Krankheit. Dieser wunderbare Künstler, Opernsänger und Mensch sammelt Spenden und unterstützt die Forschung, wo es ihm möglich ist. Auch mit dieser Gala, die in diesem Jahr zum 24. Mal stattfindet, sammelt José Carreras wieder Spenden mit Hilfe seiner prominenten Mitstreiter, klärt auf und lädt auch die Menschen und ihre Familien zu sich in die Sendung ein, deren Schicksale hier zur Sprache kommen. Die José Carreras Gala wird ab 20:00 Uhr live auf Sat1Gold übertragen. Mit dabei sind u.a. Jonas Kaufmann, David Garrett, Christina Stürmer und Santiano.
sat1gold.de/tv/jose-carreras-gala
josecarrerasgala.de
josecarrerasgala.de/jonas-kaufmann
josecarrerasgala.de/david-garrett
josecarrerasgala.de/erste-zusagen

Die zweite Empfehlung betrifft eines der beiden Jubiläumskonzerte kurz vor Silvester in der Dresdner Semperoper am 30. Dezember um 22:00 Uhr. Im Mittelpunkt des Abends steht die Fledermaus von Johann Strauss. Zu erleben sein wird der zweite Akt mit dem großen Fest beim Prinzen Orlovsky, der ein Garant ist für schwungvolle Musik und ein Höhepunkt zum Jahresausklang. Die Besetzung ist ausgesprochen fein: Jonas Kaufmann gibt sein Debüt als Eisenstein, Elisabeth Kulmann übernimmt den Part des Prinzen Orlovsky und Rachel Willis-Sörensen verkörpert die Rolle der Rosalinde. Des Weiteren sind dabei Andreas Schager als Alfred und Tuuli Takala als Adele. Dieser Abend dürfte in jedem Fall ein großes Vergnügen werden und das alte Jahr stilvoll zu Ende bringen.
staatskapelle-dresden.de
Das Konzert beginnt um 22:00 Uhr und dauert 90 Minuten ohne Pause. Die genauen Programmdetails sind noch nicht einzusehen. Ich werde sie ergänzen, sobald sie zur Verfügung stehen.

Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello:
Über die drei Hauptfiguren und was sie antreibt
Was sind die Hintergründe für das Handeln von Otello, Desdemona und Jago und warum steht am Ende der Tod?
Teil 2b

München, 10.11.2018

opera-guide  -  wikipedia.org

OTELLO: Befehlshaber der venezianischen Flotte, Statthalter, als Mohr bezeichnet, heute würde man vermutlich sagen, ein Mann mit Migrationshintergrund, vielleicht ein Mann aus dem arabischen Teil der Welt, möglicherweise ein Maure. Oder einfach nur ein Mensch, der von außen in eine bestimmte Gesellschaft eindringt, in die er nicht passt und nie wirklich dazu gehören wird. Er hat Schlimmes im Krieg erlebt, Schmerz, Leid, Folter und Tod. Diese Bilder quälen seine aufgewühlte Seele und tauchen immer wieder in seinem Kopf auf.

Otello ist ein angesehener Kriegsherr, ein intelligenter und begabter Mann, aber unerfahren in allen menschlichen Beziehungen, insbesondere in der Liebe. Seine größte Schwäche ist die unkontrollierbare Eifersucht und der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit. Mit Desdemona geht er seine erste richtige Beziehung ein. Wieviel Erfahrung er in der körperlichen Liebe hat, ist nicht ganz klar. Trotz der Erfolge auf dem Schlachtfeld bleibt er ein Fremder und ein Außenseiter. Genau deshalb ist er das perfekte Opfer für Jagos perfide Intrige.

DESDEMONA: Seine schöne, junge Ehefrau, aus gutem Hause, die möglicherweise aus Rebellion oder einfach um zu Hause auszubrechen dem Feldherrn gegen den Willen ihres Vaters gefolgt ist. Vielleicht war es auch der Reiz des Unbekannten, die Liebe eines älteren Mannes oder der Wunsch nach einer eigenen Geschichte. Wie naiv ist sie oder verdrängt sie einfach nur die Gefahr? Ich würde sagen, dass sie an das Gute im Menschen glaubt und dabei außer Acht lässt, dass sie nicht die ganze Welt retten kann, insbesondere nicht ihren Mann. Wie erfahren Desdemona in Liebesdingen ist, wissen wir nicht, aber ganz sicher ist es ihre erste Ehe, vermutlich auch ihre erste Beziehung zu einem Mann.

JAGO: Fähnrich in Otellos Gefolge und seine rechte Hand. Ein Mann, der in der Lage ist, sich bis zum Äußersten zu verstellen. Ein Mensch, der das Böse in sich trägt, es lebt und an seinen Mitmenschen auf grausame Art und Weise auslebt. Er hasst den Feldherrn abgrundtief und hat nur ein Ziel, ihn zu vernichten und sein Leben zu zerstören. Er ist unglaublich gerissen und intelligent und weiß um jede Schwäche, insbesondere die von Otello. Er ist in der Lage, diese Schwachstellen für seine Pläne zu nutzen und nimmt weitere Kollateralschäden als unvermeidbar hin. Die große Frage ist, warum handelt er so, wie er es tut, und was ist der Auslöser? Er ist wohl neidisch auf Otello und fühlt sich von ihm übergangen. Irgendwann merkt er, dass er in der Lage ist, seine Mitmenschen zu manipulieren und wieviel Macht er in der Lage ist auszuüben. Er findet Gefallen daran, ein Teil des Bösen zu sein.

Es sei noch einmal auf die ungeheure Macht der Gefühle hingewiesen, mit der Verdis Meisterwerk versehen ist. Gefühle, insbesondere die negativen wie Wut, Hass, Rache, Eifersucht, stehen ganz klar im Vordergrund. Zumindest trifft dieses auf die zwei männlichen Hauptfiguren zu. Diese negativen Emotionen potenzieren sich immer mehr und führen am Schluss zu Zerstörung und Tod. Otello, der erfolgreiche und sieggewohnte Feldherr, ermordet am Ende auf ziemlich kalte und brutale Art seine Ehefrau, um sich dann, als er sein Unrecht bemerkt, selbst das Leben zu nehmen. Das klingt, wenn man das so liest, alles andere als unschuldig und liebenswert, ein Ehemann, der als Folge seiner unkontrollierbaren Eifersucht zum Mörder wird und sich im Anschluss selbst umbringt. Dieses ist das Ende der Oper, doch wie kam es zu diesen Handlungen, die innerhalb weniger Augenblicke gleich zwei Leben vernichten? Werfen wir einen Blick auf die familiären, gesellschaftlichen und politischen Hintergründe der drei Hauptfiguren. Woher kommen sie, was sind ihre Gedanken, was treibt sie an und was sind ihre Stärken und vor allem Schwächen, die sie am Ende ins Verderben führen.

Ein paar Dinge haben wir schon über die drei Hauptfiguren in Verdis Meisterwerk erfahren. Da ist Otello, der geachtete und erfolgreiche Feldherr und Soldat, der, bevor er in den Krieg gezogen ist, Desdemona geheiratet hat, eine junge Frau aus gutem Hause. Otello ist trotz seiner Erfolge ein Außenseiter geblieben, ein Fremder, der nicht in die Gesellschaft passt, in der er mit Desdemona lebt. Sowohl der Soldat Otello wie auch seine junge Ehefrau haben keine oder nur sehr geringe Erfahrungen in Liebesdingen und gar keine Erfahrungen, was Beziehungen oder gar die Ehe angeht. Desdemona, so weit von der Heimat entfernt, ist so ziemlich stark von Otello abhängig, wird aber von den Menschen in ihrer neuen Heimat sehr geachtet. Sie glaubt daran, alle Probleme lösen zu können, indem sie darüber spricht, sie hilft, wo sie kann, setzt sich ein für andere Menschen wie z.B. Cassio und ist davon überzeugt, dass niemand von Grund auf böse ist. Sie verdrängt die Gefahr, die von Otello ausgeht und erkennt zu spät, dass es sie das Leben kosten wird. Sie liebt aufrichtig und rein. Die bösartige Intrige von Jago bemerkt sie deshalb zu keiner Zeit und kann darum dieser Gefahr auch nicht entgegensteuern. Ich habe erfahren, dass die Regisseurin Amélie Niermeyer das ein wenig anders sieht, will dem aber nicht vorgreifen. Auch die Figur des Jago wird ein wenig anders gezeichnet, als man es vielleicht kennt oder vermutet. Dasselbe gilt für die Titelpartie des Otello.

Wer mehr dazu erfahren will, der sollte am kommenden Sonntag noch eine der letzten Restkarten für die Premierenmatinee um 11 Uhr im Nationaltheater erwerben. Nähere Infos gib es auf der Website der Bayerischen Staatsoper.

Weiter zu Jago, der neidisch ist auf Otello, seine Erfolge und Anerkennung als Kriegsherr, der es ihm übel nimmt, dass dieser Cassio den Posten übertragen hat, der nach seiner Meinung ihm gebührt, und der voller Hass ist auf den erfolgreichen Soldaten. Er beginnt einige Fäden zu ziehen, legt hier und da eine Falle aus, weiß sehr geschickt die Menschen um sich herum davon zu überzeugen, dass er nur Gutes tun will. So manipuliert er und spinnt langsam aber stetig eine abgrundtief böse Intrige, um sich an Otello zu rächen und sein Leben vollkommen zu zerstören. Zugleich wünscht er sich auch Rache an Cassio, der ja seiner Meinung nach den Posten innehat, den er verdient. Alle anderen Menschen sind für ihn nicht mehr als Kollateralschäden oder auch Werkzeug für sein Handeln und seine Ziele. Jago ist mit Sicherheit ein hochintelligenter Mann, der seine Fähigkeiten einzusetzen weiß, allerdings für das Böse und Schlechte in der Welt, in seiner Welt.

Wie Desdemona sieht auch Otello die Gefahr der Zerstörung und des Todes nicht kommen. Er ist aufgrund seiner Unerfahrenheit und seiner Außenseiterrolle sehr gut manipulierbar, und ohne große Mühen für Jago fällt der erfolgreiche Soldat auf die Lügen rein. Otello ist vollkommen überfordert mit den unglaublich starken Gefühlen, vor allem der Eifersucht, weil er sie nie kennengelernt hat. Dieses Thema spielte in seinem bisherigen Leben, das geprägt war von Krieg und Kampf, einfach keine Rolle. Bis zur Heirat mit seiner jungen Ehefrau musste er sich mit solchen Gefühlen nicht auseinandersetzen. Immer hatte er die Kontrolle, hat weitreichende Entscheidungen getroffen, war siegreich auf dem Schlachtfeld und anerkannt bei seinen Untergebenen. Menschliche Beziehungen und Gefühle waren vielmehr eine Gefahr der Ablenkung, die einem im Kampf das Leben kosten konnte. So braucht es nicht viel Aufwand für Jago, um seinem ahnungslosen Herrn die Saat des Bösen einzupflanzen und ihn spüren zu lassen, was Misstrauen und Eifersucht im Menschen auszulösen vermögen. Die ungeheure Kraft dieses zerstörenden Gefühls muss Otello alsbald kennenlernen. Von nun an nagt dieser Dämon in ihm und im Laufe der Geschichte steigert sich der Mann, der erfolgreich und geachtet auf dem Schlachtfeld ist, in einen Wahn, den niemand mehr aufhalten kann und der von Jago ständig mit neuer Nahrung versorgt wird. Auch Desdemona unterstützt, natürlich unbeabsichtigt, diese Spirale von Eifersucht, Wahnsinn, Verzweiflung und Wut. Sie hat Gutes im Sinne, aber vielleicht auch einen gewissen Ehrgeiz ihre Vorstellungen umzusetzen und für Frieden und Ordnung in ihrer persönlichen Welt zu sorgen. Cassio, der von Otello degradiert wurde, liegt ihr am Herzen und sie hat den Wunsch ihm zu helfen. Nichts ahnend, dass ausgerechnet der Hauptmann ein rotes Tuch für ihren Ehemann ist und der Grund von Otellos maßloser Eifersucht, geht sie unbeirrt ihren Weg. Alles wird gut. Dass dieses nicht so funktioniert, begreift sie erst, als es bereits zu spät ist. Jago zieht die Fäden und die Menschen um ihn herum handeln, ohne zu ahnen, dass sie sehr geschickt manipuliert werden. Im Laufe der Oper steigert sich der sonst so klar denkende und ruhig agierende Heerführer Otello immer mehr in einen immer schwerer kontrollierbaren Wahn, der ihn hin und her schleudert zwischen, Wut, Hass, Trauer und Verzweiflung. Er wird zunehmend aggressiver, vor allem seiner unschuldigen Ehefrau gegenüber. Er geht sie körperlich und verbal an, er beleidigt, beschimpft und demütigt sie auf schlimmste Weise. Desdemona ist schockiert, überfordert und tief verletzt durch die massiven Reaktionen und Ausbrüche ihres Ehemannes und schiebt dann doch alle ihre Ahnungen beiseite und handelt weiter wie bisher. Jago muss nur noch zusehen und hin und wieder unauffällig eine Situation steuern. Alles andere erledigen seine Opfer, insbesondere Otello, selbst. Die Spirale von Gewalt, Hass, Wut und Eifersucht dreht sich unaufhaltsam weiter nach unten, um schließlich mit dem Tod zu enden. Und der Auslöser für dieses Drama sind die Sehnsüchte der Hauptprotagonisten, ihre Schwächen und ihre unglaublich starken Gefühle, die außer Kontrolle geraten. Die Fähigkeit zur Manipulation und die Anfälligkeit manipuliert zu werden und letztendlich ein kleines Stück Stoff in Form eines Taschentuchs - Il Fazzoletto. Zum Schluss dreht der ohnehin vom Krieg traumatisierte und vom Dämon der Eifersucht erfasste Kriegsherr vollkommen durch. Das Drama endet da, wo es begann, im Schlafgemach von Otello und Desdemona, dem Ort ihrer ersten und einzigen Liebesnacht. Desdemona sieht am Ende dann doch noch, wie alles kommen wird und dass diese letzte Begegnung für sie den Tod durch ihren Ehemann bedeuten wird, aber es ist zu spät. Otello, der sich im Recht sieht und nur noch kontrolliert wird von seiner massiven Eifersucht und dem Gedanken an Rache, hat kein Gehör mehr für seine Ehefrau. Er demütigt sie abermals und bringt sie ohne weiteres Zögern auf brutale Weise um. Noch immer sieht er sich im Recht und ist ohne Reue und Bedauern. Erst als er die Wahrheit erfährt, bricht er zusammen und begreift verzweifelt, dass er sein Glück und seine Zukunft für immer zerstört hat. Für ihn gibt es nur den einen Weg, sich selbst das Leben zu nehmen. Nur so ist es möglich, sich mit Desdemona zu vereinen und diese unbefleckte Liebe für immer zu bewahren. Der Tod ist für ihn der Neubeginn in einer anderen Welt…

Auf die einzigen zarten Momente im Liebesduett am Ende des ersten Aktes bin ich schon im ersten Beitrag zur Vorbereitung auf diese Neuinszenierung von Verdis Meisterwerk eingegangen. Sie spielt natürlich eine ganz entscheidende Rolle für die Entwicklung des Stücks. Sie zeigt nicht nur die Unerfahrenheit von Otello und Desdemona in Sachen Beziehungen und die unglaubliche Sehnsucht des Feldherrn nach Glück, Liebe und Geborgenheit, sondern führt auch zum Auslöser von Otellos unkontrollierbarer Eifersucht, die Unfähigkeit Gefühle einzuordnen, zu kontrollieren und zu verarbeiten. Hinzu kommt das Aufzeigen der schrecklichen Kriegserlebnisse, Folter, Schmerzen, Leid und Tod. Sie machen einen großen Teil seiner Persönlichkeit aus, da sie ihn stark geprägt haben. Diese Zerrissenheit und Unsicherheit nutzt Jago für seine perfiden Pläne. Auch wenn er am Ende sicher nicht zu den ganz großen Gewinnern zählt, sein Plan, Otello zu zerstören, ist aufgegangen, die Rache wurde vollendet.

Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello:
Die drei Hauptfiguren und ihre Darsteller
Ein kleiner Blick in die (Abgründe der) Seele
Teil 2a

München, 08.11.2018

Im zweiten Teil meiner Vorbereitung zur Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello an der Bayerischen Staatsoper in München möchte ich mich noch etwas näher mit den drei Partien beschäftigen, die den größten Raum in dieser Oper einnehmen und deren Schicksale, Handeln und Empfinden im Mittelpunkt dieses Dramas stehen. Gleichzeitig möchte ich noch die Sänger vorstellen, auch wenn das vermutlich nicht unbedingt notwendig wäre, und ihren Ansatz bzw. ihre Methode, Rollen zu erarbeiten und auf der Bühne intensiv und glaubhaft darzustellen.

Fangen wir mit den Sängern an, die allesamt gerne als Sängerdarsteller bezeichnet werden, zu Recht!

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Jonas Kaufmann, der die Titelpartie das zweite Mal in seiner Karriere, nach seinem Debüt letztes Jahr in London, verkörpert und in München somit sein Hausdebüt gibt, ist der erste Künstler, über den ich sprechen möchte. Und nein, dieses wird kein ausführliches Portrait, sondern nur eine kleine Vorstellung bezüglich Ansatz und Arbeitsweise bei der Erarbeitung von Rollen sowie der Art der Interpretation und Darstellung auf der Opernbühne. Der Münchner ist bekannt dafür, dass er sich sehr intensiv mit der Rolle, die er aktuell einstudiert, auseinandersetzt. Das gilt für den musikalischen Teil, die stimmliche Umsetzung und Interpretation, aber mindestens genauso für die Ausarbeitung der Figur, ihre Charakterzüge, die Gefühlswelt, ihr Handeln und Tun und die Beweggründe, die sie antreiben. Der schauspielerische Part spiegelt sich in erster Linie über Gestik und Mimik wieder. Besonders die Gefühlswelt lässt sich am Gesicht ablesen. Gerade die ganz kleinen Details sind es, die den Opernsänger Jonas Kaufmann aus der Menge hervorheben, die liebevolle Ausarbeitung, die eine Darstellung besonders glaubwürdig erscheinen lassen und die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Das in Verbindung mit einer ausdrucksvollen Stimmführung, die jedes Gefühl, negativ oder positiv, intensiv unterstreicht, vermittelt und in die Herzen der Zuschauer trägt. Sich die Rolle, den Charakter ganz zu eigen zu machen und eine enge Verbindung zu schaffen zwischen der Figur und dem eigenen Ich, das ist eine besondere Gabe des Münchners, und es gibt nicht viele Kollegen, die die gleiche Intensität erreichen. Diese Verbindung zwischen der Geschichte und dem eigenen Erleben macht die Interpretation besonders glaubwürdig und berührt ganz unmittelbar. Eine weitere Stärke oder auch Vorliebe von Jonas Kaufmann ist es, die gebrochenen, die unvollkommenen Figuren auf der Bühne zu verkörpern. Der strahlende Held zu sein ist ja vielleicht hin und wieder ganz nett, aber sicher keine große Herausforderung und auf Dauer auch ziemlich langweilig. Und außerdem, wer von uns ist schon perfekt?

Jetzt schlage ich den Bogen zur aktuellen Partie, die der sympathische Künstler ab dem 23. November im Münchner Nationaltheater verkörpert: Den siegreichen Feldherren Otello, der ein Opfer seiner eigenen Schwächen wird, insbesondere einer ausgeprägten Eifersucht, und der teuflischen Intrige seines angeblich Vertrauten Jago. Insbesondere die emotionale Ebene ist eine große Herausforderung und birgt eine ungeheure Wucht der Gefühle, die durch die Musik um ein Vielfaches verstärkt werden und auch einen geübten Sänger an seine Grenzen zu bringen vermag. Wer den Opernsänger letztes Jahr  erlebt hat, ob nun live im ROH in London oder bei der HD-Kinoübertragung, der weiß, mit welch zum Teil erschreckender realistischer Darstellung Jonas Kaufmann diese Partie auf die Bühne gebracht hat. Somit darf man sich schon sehr auf das Hausdebüt des Bayerischen Kammersängers freuen, der sich genau wie seine Kollegen in der Probenendphase befindet und sicher der Premiere entgegenfiebert wie auch das Publikum.

Jonas Kaufmann - Verdi: Otello - "Dio! Mi potevi scagliar" (Royal Opera House)
Verdi's Otello - Act II finale (Jonas Kaufmann and Marco Vratogna, The Royal Opera)

An der Seite des Münchner Opernsängers steht wieder einmal eine Bühnenpartnerin, mit der er, insbesondere in München, schon viele Neuproduktionen auf die Bühne gebracht hat: KS Anja Harteros, mit einer der schönsten Sopranstimmen gesegnet, die es zurzeit gibt. Eine außergewöhnliche Künstlerin, die zusätzlich mit einer starken Bühnenpräsenz ausgestattet ist, die unglaublich fleißig ist und genau wie ihr Kollege einen besonderen Wert darauf legt, die Partie, die sie auf die Bühne bringen soll, genau zu erarbeiten und authentisch zu vermitteln. Anja Harteros ist wie Jonas Kaufmann ein sehr intelligenter Mensch, der sich bei einer Neuproduktion mit einbringt, in Dialog mit ihren Kollegen, dem Regisseur/in oder dem Dirigenten und letztendlich auch mit sich selbst geht. Auch sie ist immer bestens vorbereitet, sobald es in die letzte Phase der Proben geht, in der die Hauptsolisten mit einsteigen. Wenn die bildhübsche Halbgriechin mit der Stimme, die wahrhaft die Seele berührt, mit ihrem Münchner Kollegen auf der Bühne steht, dann potenziert sich auf beiden Seiten die Kraft der Darstellung. Gerade diese zwei Sänger, die sich seit mehr als zwanzig Jahren kennen, brauchen keine Worte, es reicht eine Geste, ein Blick um zu wissen, was der andere denkt. Wenn beide Stimmen sich vereinen, dann ist sie da, die Magie des Augenblicks, der Zauber der Oper, der die Menschen mitnimmt in eine andere Welt, in eine andere Dimension.

Es sollten aber unbedingt noch einige Worte fallen, die beschreiben, was die Sopranistin mit der außergewöhnlichen, wunderschönen und ausdrucksstarken Stimme in der Lage ist, in den Menschen auszulösen. Wenn man ehrlich ist, fällt es schwer, dieses Erleben in Worte zu fassen. Es ist wie Magie, es ist eine wundervolle Gabe, und die Erfahrung, vom Klang ihrer Stimme tief im Inneren berührt zu werden, ist unbeschreiblich und löst in mir jedes Mal tiefe Gefühle aus, die mich immer wieder überwältigen. Anja Harteros berührt mit ihrer Stimme die Seele ihrer Zuhörer.

Nun möchte ich auch hier den Bogen schlagen zwischen meiner kleinen Vorstellung und der Partie der Desdemona, die auch die Opernsängerin ab dem 23. November auf der Bühne des Nationaltheaters übernehmen wird. Für mich die Traumbesetzung neben Jonas Kaufmann als Otello und Kirill Petrenko am Dirigentenpult. Nicht nur im Zusammenspiel mit langjährigen Bühnenpartnern, sondern auch weil ich sie für die Idealbesetzung dieser Rolle halte und überzeugt bin, dass sie dieser Figur eine besondere Tiefe, Glaubwürdigkeit und Intensität geben wird durch ihre Stimme, ihre Darstellung, ihr Aussehen, ihre Mimik und Gestik. Auch wenn es zur Inszenierung noch nicht viele Informationen gibt, weder zum Ansatz, zum Bühnenbild, zu Kostümen oder Maske, wird sie sich perfekt einfügen und auch dieser Produktion ihre Signatur aufdrücken.

Anja Harteros Otello Verdi "Salce, salce"
Anja Harteros - Canzone del Salice (Willow Song)
Anja Harteros Otello Verdi "Ave Maria"

Kommen wir zum dritten der Hauptsolisten, dem britischen Bariton Gerald Finley, der die Runde abschließen soll. Er verkörpert in dieser Neuinszenierung von Amélie Niermeyer den Menschen, der mittels einer perfiden Intrige seinen Herrn und Vorgesetzten Otello zu Fall bringt und ihn schlussendlich in den Selbstmord treibt, nachdem der aufgrund seiner massiven Eifersucht Desdemona, seine junge Ehefrau, brutal getötet hat. Finley hat doch einige Male mehr an der Bayerischen Staatsoper gesungen, als zuerst vermutet. Das erste Mal verkörperte er im Juli 2011 den Don Giovanni, es folgten im Mai 2013 weitere Vorstellungen mit dieser Partie. Im Herbst 2011 konnte man den Opernsänger als Escamillo erleben. Im Jahre 2014 gab es insgesamt 7 Auftritte als Conte Almaviva in Mozarts Oper Le nozze di Figaro und zuletzt zwei Vorstellungen als Guillaume Tell im Mai 2017. Das macht doch immerhin 20 Auftritte verteilt auf 7 Jahre. Jetzt fügt Gerald Finley also die Rolle des Jago hinzu, die sich bereits in seinem Repertoire befindet. Im Januar dieses Jahres gab der Brite sein Rollendebüt als sadistischer Polizeichef Scarpia in Puccinis Oper Tosca. Nun wird Gerald Finley in wenigen Wochen neben Jonas Kaufmann und Anja Harteros zusammen die Bühne des Münchner Nationaltheaters bespielen. Da ich persönlich den britischen Bariton noch nicht live gehört habe, ist es schwierig, eine Aussage zu seiner Stimme zu machen oder zu seiner Darstellung und Bühnenpräsenz. Das, was ich über ihn erfahren habe, gibt aber großen Anlass zur Vorfreude, und es ist ziemlich sicher, dass er sich mit seinen beiden Kollegen Jonas Kaufmann und Anja Harteros bestens ergänzen und auf jeden Fall dazu beitragen wird, dass diese Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper ein großartiger Erfolg werden wird.

Um Gerald Finley und seine Herangehensweise, neue Rollen zu erarbeiten, besser kennenzulernen, sei zum einen nochmals die Novemberausgabe von Oper! Das Magazin empfohlen. Zudem gibt es eine entsprechende Homepage des Künstlers, die üblichen Social Media Accounts wie Facebook, Twitter und Instagram und auch einige Videos auf Youtube. Es gibt eine Audioaufnahme vom Otello und diverse weitere Einspielungen auf CD und DVD, zu finden z.B. bei Amazon. Die Stimme hat eine sehr angenehme Klangfarbe, klingt aber insgesamt erstaunlich hell für einen Bariton/Bassbariton und besitzt eine starke Ausdruckskraft. Das optische Erscheinungsbild des in Montreal/Canada geborenen Opernsängers ist zudem sehr wandlungsfähig, sei es auf der Bühne oder privat, und hat doch einen Wiedererkennungswert, wie seine Stimme. Ein detaillierteres Bild abzugeben wäre, ohne einen Auftritt live miterlebt zu haben, nicht korrekt. Also wird mindestens die Premiere des Otello abzuwarten sein oder auch ein paar weitere Vorstellungen im Anschluss. Mit diesen Voraussetzungen im Gepäck fällt es auch schwer zu sagen, wie genau Gerald Finley seinen Jago in München gestalten und auf die Bühne bringen wird und welche Kraft und Macht er ihm durch die Darstellung und seine Stimme verleihen wird. Auf jeden Fall wird es wie bei seinen Kollegen auch seine ganz individuelle Interpretation sein.

Gerald Finley "Credo in un Dio crudel"; OTELLO Giuseppe Verdi

Bevor ich näher auf die drei Figuren von Otello, Jago und Dedemona eingehe, würde ich gerne noch die Regisseurin Amélie Niermeyer vorstellen und einige Worte zum dem Mann sagen, der die musikalische Leitung dieser Neuinszenierung hat, GMD Maestro Kirill Petrenko. Ihn am Dirigentenpult agieren zu sehen, ist jedes Mal ein Erlebnis der ganz besonderen Art, das man nicht mehr vergisst. Wenn Maestro Petrenko den Taktstock hebt und die ersten Klänge vom Orchester ertönen, dann ist sie da, die Magie des Augenblicks. Der GMD der Bayerischen Staatsoper ist zudem in der Lage, komplizierte musikalische Zusammenhänge auf ein für alle verständliches Maß zu reduzieren und dieses mit einer unglaublichen Freude und Leidenschaft zu vermitteln, so z.B. in den Premieren-Matineen, die circa 5–7 Tage vor jeder Premiere an einem Sonntagmorgen im Münchner Nationaltheater stattfinden. Diese Matineen sind in jedem Fall sehr unterhaltsam und auch informativ, auch wenn man nicht erwarten darf, dass detaillierte Informationen zur Neuinszenierung weitergegeben werden. Für Kirill Petrenko ist der Otello übrigens ein Stückdebüt und, soweit mir bekannt, erarbeitet er auch das erste Mal eine Oper von Giuseppe Verdi. Eines ist sicher, der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wird auch Verdis Meisterwerk mit der größten Sorgfalt behandeln und sich bis zur letzten Note diesem Drama widmen. Und wenn sich am 23. November der Vorhang zur Premiere hebt, wird Kirill Petrenko wieder einmal seine Spuren hinterlassen und diese Neuinszenierung mit seiner Signatur versehen. Der russische Dirigent gilt als sehr sängerfreundlich und genießt bei seinen Orchestern ein hohes Ansehen und großen Respekt. Dasselbe gilt auch für das Opern- und Konzertpublikum, das ihn in ebenso hohem Maße schätzt und verehrt.

Nikolaus Bachler und Kirill Petrenko über die Spielzeit 2018/19
Kirill Petrenko in conversation with Olaf Maninger

Zu guter Letzt gilt es noch einen Blick auf die verantwortliche Regisseurin dieser Neuinszenierung zu werfen, sowie ihre bisherigen Regiearbeiten. Amélie Niermeyer wurde 1965 in Bonn geboren und begann ihre Karriere mit 23 Jahren. Die erste Station ihrer Laufbahn war das Residenztheater in München. Im Verlauf leitete sie u.a. das Theater in Freiburg und das Düsseldorfer Schauspielhaus, inszenierte an verschiedenen Häusern wie dem Thalia Theater in Hamburg, am Deutschen Theater in Berlin oder auch in Los Angeles. Seit zehn Jahren arbeitet die Regisseurin auch in der Oper. Die bisher erste und einzige Produktion an der Bayerischen Staatsoper war im Jahre 2016 La Favorite von Donizetti mit Elina Garanca in der Titelpartie. Giuseppe Verdis Musikdrama Otello wird nun also die zweite Regiearbeit am Nationaltheater in München. Die Voraussetzungen dafür sind unter den gegebenen Umständen, mit dieser außergewöhnlichen Besetzung und der musikalischen Leitung durch Kirill Petrenko mehr als ideal. Dazu kommen perfekte technische Bedingungen in einem der besten und modernsten Opernhäuser der Welt. Man darf gespannt sein, wie die erfahrene Theaterregisseurin diese fantastischen Bedingungen umsetzen und nutzen kann. Wer einen Eindruck von Amélie Niermeyers Arbeit gewinnen möchte besucht am besten ihre Website oder wirft einen Blick auf die Produktion von La Favorite, die sie im Jahre 2016 an der Bayerischen Staatsoper entworfen hat. Es gibt dazu Fotos, einen Trailer sowie ein Videomagazin. Zu finden auf der Homepage der deutschen Regisseurin und der Bayerischen Staatsoper. Wie genau Amelie Niermeyer nun den Otello in München gestalten wird ist abzuwarten. In der Vorschau für diese Neuinszenierung und auch beim gemeinsamen Interview mit Jonas Kaufmann im aktuellen Max Joseph ist zu erfahren, dass sie ganz besonders an der Figur der Desdemona interessiert ist, an der Beziehung zwischen Otello und Desdemona, und sie plant, ihren Fokus auf das Ehepaar zu legen. Ein Kammerspiel soll es werden, intim und sehr intensiv. Die Figur des Feldherren kommt in der Beurteilung der Regisseurin nicht wirklich gut weg, von Mitleid und einer Teil-Opferrolle hält sie nicht viel. Da scheint es eine Reibungsfläche und Diskussionsbedarf mit dem Darsteller der Titelpartie zu geben. Jonas Kaufmann sieht diesen Punkt ein wenig anders und ist zudem kein Sänger, der die zu verkörpernde Rolle eindimensional auf die Bühne bringt. Da Reibungsflächen aber auch Kreativität und künstlerische Weiterentwicklung bedeuten können, sollten die oben genannten Punkte keine Hindernisse sein, sondern nur pure Energie und Leidenschaft. Über das, was im Vorfeld zu erfahren und zu lesen war, ergibt sich derzeit das Bild einer offensichtlich recht aufwendigen und in der Probenarbeit intensiven Inszenierung. Das sind aber nur meine ganz persönlichen Gedanken. Am Ende ergibt sich vielleicht ein vollkommen anderes Bild und wir erleben eine große Überraschung.


Zum Schluss noch der Probenfahrplan bis zur Premiere:

12. November > Klavierhauptprobe (genannt KHP) von 16:00–22:00 Uhr

16. November > Orchesterhauptprobe (OHP) ab 16:00 Uhr

19. November > Generalprobe (GP) ab 18:00 Uhr

23. November > Premiere mit der Live-Übertragung auf BR Klassik ab 19:00 Uhr mit den Vorberichten von 18:30–19:00 Uhr

Zusätzlich sei noch die Premierenmatinee am 18. November um 11:00 Uhr im Nationaltheater empfohlen unter der Leitung von Generalintendant Nikolaus Bachler und Mitwirkenden der Produktion. Das sind in der Regel der Dirigent/in, der Regisseur/in und der zuständige Dramaturg. Dazu kommen zwei oder drei Sänger der Hauptpartien in der jeweiligen Neuproduktion. In diesem Fall sind das GMD Kirill Petrenko, Amélie Niermeyer und Malte Krasting. Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass auch Anja Harteros und Jonas Kaufmann mit von der Partie sein werden, dessen berufliches und künstlerisches Zuhause die Bayerische Staatsoper seit vielen Jahren ist, und die auf der Bühne des Nationaltheaters schon unzählige Male zusammen gesungen haben. Schön wäre auch die Anwesenheit ihres britischen Kollegen Gerald Finley, der dem Münchner Publikum ebenfalls bekannt sein dürfte, wenn auch vielleicht noch nicht in demselben Maße. Um den Bariton aus London noch ein wenig besser kennenzulernen und zu erfahren, wie er seine Figur des Jagos sieht, wäre die Anwesenheit bei der Matinee am kommenden Sonntag eine gute Gelegenheit.


Im weiteren Abschnitt 2b werde ich mich abschließend mit den drei Charakteren beschäftigen, die Verdis Meisterwerk bestimmen und diesem Musikdrama seinen Inhalt geben. Warum handeln Otello, Desdemona und Jago in der Weise, wie sie es tun, was treibt sie an und reißt sie letztendlich in den Abgrund?

Ergänzend gibt es hier noch den Podcast und ein weiteres Mal die Preview zur Neuproduktion des Otello in München.

OTELLO: Preview | Conductor: Kirill Petrenko
Podcast zu „Otello“

Oper! Das Magazin
Ausgabe November 2018

München, 05.11.2018

Passend zur nahenden Premiere von Giuseppe Verdis Oper Otello an der Bayerischen Staatsoper, kommt hier die besondere Empfehlung für oben genanntes Magazin. In der aktuellen Ausgabe gibt es nämlich in Form eines ausführlichen Interviews mehr zu erfahren über den britischen Bariton Gerald Finley.

Der Opernsänger, der bisher nur selten im Münchner Nationaltheater aufgetreten ist, wird in Amélie Niermeyers Neuinszenierung eine der drei Hauptpartien singen. Neben Jonas Kaufmann, der bekanntlich die Titelpartie verkörpert, und Anja Harteros, die die Rolle der Desdemona übernehmen wird, gibt es Gerald Finley als Jago zu erleben, den Initiator der teuflischen Intrige, die am Ende eine zerstörerische Wucht entfaltet und nichts als verbrannte Erde hinterlässt. Im Gegensatz zu Jonas Kaufmann und Anja Harteros, die den meisten Operfans hinlänglich bekannt sein sollten, gibt es über den britischen Bariton, der in Montreal/Canada geboren wurde und seit seiner Ausbildung in London zu Hause ist, noch einiges zu erfahren. 

Auch sonst lohnt sich wie immer ein Blick in das Magazin, das mit zahlreichen Artikeln, Kritiken und allem, was sonst noch rund um die faszinierende und wunderbare Welt der Oper interessant und wissenswert ist, ausführlich informiert: Was macht mein Lieblingssänger/in als nächstes, wo gibt es die nächsten spannenden Neuproduktionen und welche DVDs und CDs sind empfehlenswert. Nicht zu vergessen die Berichte von den letzten Premieren, die in Form von Fotostrecken jedes Mal sehr schön in Szene gesetzt sind.

Nun also schnell in den gut sortierten Zeitungsladen und dann viel Freude und spannende Unterhaltung beim Stöbern, Lesen und Entdecken.

Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello
Eine Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper – Premiere 23. November 2018  
Multimediaempfehlungen für alle Opernliebhaber

München, 04.11.2018

Hier kommen ein paar Empfehlungen für Opernfans, die nicht im Besitz einer der begehrten Eintrittskarten sind, für die mit am meisten erwartete Premiere der neuen Saison an der Bayerischen Staatsoper. Die Gründe dafür sind sicher ganz unterschiedlicher Natur. Damit auch die Menschen ohne Ticket in den musikalischen Hochgenuss dieser hochkarätig besetzten Neuinszenierung, die am 23. November Premiere hat, kommen, seien hier die Möglichkeiten erwähnt, an diesem Ereignis ebenfalls teilhaben zu können. Auch wer nur zu bestimmten Aufführungsterminen im Münchner Nationaltheater zu Gast sein kann, hat die Chance, ergänzend dazu die Übertragung im Radio oder Internet zu genießen.

Der Livestream im Internet hat zudem noch eine besondere Komponente, die es bei einem Besuch im Opernhaus nicht gibt, obwohl dieses sicher immer die schönste Variante bleibt, DIE NAHAUFNAHME oder auch CLOSE UP genannt. Diese Nahaufnahme vermittelt ganz besondere Momente von starken Gefühlen und Empfindungen der Charaktere und ihrer Darsteller. Gestik und noch mehr die Mimik vermitteln diese starken Gefühle und Empfindungen und werden so direkt zu den Zuschauern vor den Bildschirmen nach Hause getragen. Je intensiver die Darstellung der Sänger auf der Bühne ist, sei es in der Interpretation der Rolle oder dem Ausdruck der Stimme, um so eindringlicher ist das Erlebnis so eines Livestreams. Die Besetzung dieser Otello-Neuproduktion bietet die besten Voraussetzungen für besonders fesselnde Close ups. Das liegt zum einen an dem Stoff der Oper selbst, an der wunderschönen Musik von Verdi, der musikalischen Leitung durch Maestro Kirill Petrenko, der als Kammerspiel konzipierten Regie von Amélie Niermeyer und nicht zuletzt an den großartigen Sängern oder vielmehr Sängerdarstellern: Jonas Kaufmann, Anja Harteros und Gerald Finley.

So wird also am 23. November um 19 Uhr die Premiere im Radio und wie immer auf BR Klassik übertragen. Entsprechende Vorberichte aus dem Foyer des Nationaltheaters gehen der Live-Übertragung voraus. Dieses Hörerlebnis wird sicher eines der ganz besonderen Art und erlaubt es, sich nur auf die Musik und die herausragenden Stimmen der Sänger zu konzentrieren. Im Gegenteil zum Livestream im Internet hat der Zuhörer hier die Chance, eigene Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Eine Variante, die ganz sicher auch sehr reizvoll sein kann.

Am 2. Dezember, ebenfalls um 19 Uhr gibt es eine zweite Gelegenheit, die Neuproduktion von Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello zu erleben. Auf Staatsoper.TV gibt es dann die Live-Übertragung in Ton und Bild zu genießen, die ab dem 3.12. für weitere 24 Stunden on demand einzusehen ist. Die Bayerische Staatsoper stellt auch dieses Mal ihren Stream kostenlos und in aller Welt zur Verfügung. Die Vorteile so eines Livestreams wurden weiter oben ausführlich beschrieben.

Mit diesen Tipps für Radio und Internet hat nun jeder Opernliebhaber die Möglichkeit teilzuhaben an dieser ausgesprochen spannenden Neuinszenierung und an allen, die noch folgen werden. Die nächste Premiere wird am 22. Dezember Die verkaufte Braut von Friedrich Smetana sein, die Regisseur David Bösch auf die Bühne bringt und in der ein junges Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper die ganz große Chance erhält, sich in einer Hauptrolle zu präsentieren. Mehr davon später im Laufe des Dezembers. Nun darf man sich erst einmal auf die sieben fesselnden Vorstellungen von Verdis Meisterwerk Otello freuen (23.11. – 21.12.), einem Musikerlebnis auf höchstem Niveau.

Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello:
Gedanken, Fakten, Hintergründe
Teil 1

München, 01.11.2018

Der Otello von Giuseppe Verdi gehört neben Aida und Falstaff zu seinen sogenannten Spätwerken. Eigentlich hatte der italienische Komponist beschlossen, nie wieder eine neue Oper entstehen zu lassen und sich nur noch seinem Landgut in Sant'Agata zu widmen. Außerdem errichtete er die Casa di Riposi per Musicisti, ein Altersheim für ehemalige Musiker in Mailand. 1874 wurde er zudem noch zum Senator des Königreichs Italien ernannt. Nur der Hartnäckigkeit seines Verlegers Giulio Ricordi ist es zu verdanken, dass Giuseppe Verdi im November 1879 Arrigo Boitos Operntext zu lesen bekam und hellauf begeistert war. Sein Fazit lautete: „Es ist von der ersten bis zur letzten Seite ein wirklich durchdachtes Operndrama.“ Arrigo Boito war bereits früher auf Verdis Radar aufgetaucht, der immer auf der Suche nach neuen vielversprechenden Librettisten war. Er soll der Uraufführung von Boitos Oper Mefistofele am 5. März 1868 beigewohnt haben. Vor dem Beginn der Arbeit am Otello ließ Verdi das Libretto seiner Oper Simon Boccanegra von Boito überarbeiten. Diese Neufassung kam am 24. März 1881 in Mailand zur Afführung.

Im Jahre 1884 begann Verdi mit der Komposition von Otello. Am 1. November 1886, nur zwei Jahre später, war das Werk vollendet. Am 5. Februar 1887 fand an der Mailänder Scala die Uraufführung unter der Leitung von Franco Faccio statt. Die Titelpartie des Otello sang damals Francesco Tamagno, Romilda Pantaleoni die Desdemona und Victor Maurel den Jago. Der Abend der Uraufführung wurde ein großartiger Triumph. Ein knappes Jahr später fand in Hamburg die deutsche Erstaufführung statt, im Juli 1889 folgte genauso erfolgreich London. Es folgten weitere Stationen in ganz Europa.

Ricardo Muti, Placido Domingo, Leo Nucci Mailänder Scala 2001

Eine Besonderheit dieser Oper ist sicherlich der gewaltige Eingangschor (Una vela), der in dem Fall die sonst übliche Ouvertüre ersetzt und beeindruckend und mit großer orchestraler Wucht den Sturm heraufbeschwört, mit dem Otello der siegreiche Feldherr, zu kämpfen hat, als er nach gewonnener Schlacht nach Zypern zurückkehrt.

Mit der Stimme von Mario del Monaco

Meisterhaft lässt Verdi die ungeheuren Naturgewalten vor den Augen der Opernbesucher entstehen. Schließt man die Augen, so hat man das Gefühl, sich plötzlich selbst mitten im Auge dieses gewaltigen Sturms zu befinden. Man meint die grell zuckenden Blitze zu sehen und das Grollen des Donners zu hören. Und während der Orkan tobt und wütet, ist es möglich für den Befehlshaber der venezianischen Flotte, sich seine Mannschaft und das Schiff unbeschadet an Land zu bringen. Das Volk jubelt (Fuoco di gioia) und es erklingt das wahrhaft erhabene und stolze Esultate („Freut euch alle! Dem stolzen Türken haben die Fluten dort ein weites Grab gegraben. Was den Waffen entrann, ertrank im Meere“) des siegreich Heimgekehrten. Otello verkündet, dass er die Türken vernichtend geschlagen hat.

Francesco Tamagno - Der Otello der Uraufführung
Liveaufnahme von Mario del Monaco - Die Rolle seines Lebens

Ich möchte nun noch das Liebesduett von Otello und Desdemona am Ende des ersten Aktes erwähnen. Diese Augenblicke sind die einzig zarten und liebevollen Momente und zeigen letztendlich auf, warum Otello erstens ein so leichtes Opfer für Jagos Intrige ist und weshalb er am Ende so handelt und seine Ehefrau auf brutale Art und Weise umbringt. Der maurische Feldherr im Dienst der venezianischen Flotte ist ein Sieger und starker Mann, wenn es darum geht Kriege zu führen und zu gewinnen. Auf dem Schlachtfeld kann ihm keiner etwas anhaben und er ist geachtet für seine Erfolge, die er in geraumer Zahl vorweisen kann. Trotzdem nagen die Zweifel an ihm, nicht genug zu sein, die schrecklichen Bilder des Krieges wüten immer in seinem Kopf. Eine große Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und Liebe trägt er in sich. Desdemona liebt ihn genau dafür und für das Leid, das Otello bereits in seinem Leben ertragen musste. Er liebt sie um ihrer Barmherzigkeit willen. Dieser Moment, den die beiden Ehepartner am Ende des ersten Aktes erleben, wird der einzige sein. Für Otello, der ausgerechnet bezüglich menschlicher Beziehungen kaum eine Erfahrung aufweisen kann, ist es ein Gefühl des Glücks, das ihn überwältigt, und gleichzeitig macht es ihm eine unglaubliche Angst, dieses tiefempfundene Glück wieder zu verlieren und niemals wieder erleben zu dürfen. Lieber würde er in diesem Moment sterben als den Verlust zu ertragen.
Eine Todessehnsucht macht sich in ihm breit: „Komme der Tod, und nehme mich im Entzücken dieser Umarmung der höchste Augenblick hinweg. So groß ist der Jubel meiner Seele, dass ich fürchte, dieser göttliche Augenblick werde mir nie mehr gewährt sein in der unbekannten Zukunft meines Schicksals.“ Der Kuss als Sinnbild ewiger Liebe gewinnt in diesem Liebesduett eine besondere Bedeutung. Das Kussthema, ein paar kurze Takte in E-Dur, taucht im Laufe der Opernhandlung noch zweimal auf und ist am Ende das Sinnbild von Otellos erfüllter Liebe im gemeinsamen Tode.
Liebesduett aus Otello mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros

Hier noch ein Ausschnitt aus dem Programmbuch der Bayerischen Staatsoper zur vergangenen Otello-Produktion, die am 1. Juli 1991 im Münchner Nationaltheater Premiere feierte. Es geht um den Einfluss, den Richard Wagner auf die Kompositionsarbeit von Verdi hatte und wie sich das Konzept des Heldenbilds maßgeblich verändert hat:

„Schon der Verzicht auf den Venedig-Akt in Shakespeares Tragödie zieht ein fundamental gewandeltes Heldenbild in der Oper nach sich. Die musikalische Gewalt der einleitenden Chorszene vermittelt gleich zu Beginn die Schrecknisse, denen Otello ausgesetzt ist, und die Angst seines Volkes um sein Leben. In diesem Kontext bedarf es nur eines Dutzend Takte, nur zweier Sextaufschwünge und die Führung der Vokalstimme in den Spitzenbereich des Tenor- Brustregisters, um in Otellos Auftritt unmissverständlich mitzuteilen, welch ein Held die Bühne betritt. Die mit äußerster Kraft im forte herausgeforderte Auftrittsphase des Tenors verleiht seinem Charakter schärferes Profil, als es alle dramatischen Dialoge zum Ausdruck zu bringen vermöchten. Dieser Held besteht auch die schrecklichsten Gefahren und erfreut sich der hemmungslosen Verehrung durch seine Untertanen. Minuten später, im hitzigen Waffenstreit zwischen Cassio und Montano, derselbe Effekt: Eine einzige kurze Gesangphrase („Abasso le spade - Nieder mit den Säbeln“) konturiert die Erscheinung einer Respektsperson, die in ihren Führungsqualitäten uneingeschränkte Achtung genießt.

Mit nur wenigen musikalischen Strichen führte Verdi die Lichtgestalt eines Siegertyps ein, dem er zur Abrundung des strahlenden Charakters nur noch das Bild des melancholischen Liebhabers hinzufügen brauchte – im Duettfinale des ersten Aktes. Das Übrige stellte sich zwangsläufig ein: im tiefen moralischen und seelischen Sturz des leuchtenden Helden und berauschten Liebhabers offenbart sich die Ästhetik der musikalischen Tragödie, wie sie Richard Wagner inaugurierte. Der Volksheld und charismatische Führer Otello scheitert tragisch in seiner individuellen Liebe. Die Parallelen des Otello zu Wagners Lohengrin sind mit Händen zu greifen.

Weil Boito die verzweigte Intrige von Shakespeares Schauspiel rigoros zusammenstrich und Otellos Mordtat ausschließlich auf die platte Eifersuchtsgeschichte reduzierte, schuf er einen Charakter von extremer Fallhöhe. Im Gegenzug bedurfte es auch nicht der detaillierten Auflösung im Finale. Gerade noch der Umriss der Intrige wird aufgedeckt, dann konzentriert sich alles auf Otellos Abschied von dieser Welt und auf seine Sehnsucht nach dem Opfer Desdemona. Die Utopie des subjektiven, transzendenten Glücks beschließt die Oper, nicht das objektive Urteil der Welt, wie in Shakespeares Schauspiel.“


Auch in der Gegenwart gilt Giuseppe Verdis Meisterwerk Otello als ein Garant für ein ausverkauftes Haus. Die Macht der menschlichen Gefühle in Verbindung mit einer dramatisch erzählten Geschichte und einer Musik von solcher Intensität verspricht auch heute noch ein unvergessliches Erlebnis auf höchstem Niveau.

Am Ende des ersten Teils meiner Vorbereitung auf die in drei Wochen stattfindende Premiere am Münchner Nationaltheater bleiben noch einige Frage offen.

Wäre es möglich gewesen die Handlung zu verändern, dem Schicksal auszuweichen und das grausame Ende zu verhindern? Kann man die menschlichen Gefühle austricksen, außer Acht lassen oder gar besiegen? Dieser Frage werde ich im zweiten Teil meiner Vorbereitung zur Neuproduktion in München auf den Grund gehen. Wer sind Otello, Desdemona und Jago? Was treibt sie an und was bewegt sie?

Ich habe mich letztes Jahr schon zweimal mit dieser Thematik beschäftigt. Im Januar zur Neuinszenierung von Calixto Bieito an der Staatsoper in Hamburg und im Juli am Royal Opera House in London, neu auf die Bühne gebracht von Keith Warner. Im zuletzt genannten Opernhaus gab Startenor Jonas Kaufmann am 21. Juni sein Rollendebüt. Wie immer unter der Leitung von Sir Antonio Pappano. Die entsprechenden Beiträge sind ebenfalls auf meinem Blog nachzulesen.

So sollen auch hier im zweiten Teil nicht nur die Figuren von Otello, Jago und Desdemona näher beleuchtet werden, sondern auch ihre Darsteller Jonas Kaufmann, Gerald Finley und Anja Harteros sowie die Regisseurin Amélie Niermeyer und ihr Regiekonzept näher vorgestellt werden.

GMD Kirill Petrenko, der die musikalische Leitung innehat, wird zum ersten Mal ein Werk von Verdi erarbeiten und somit natürlich auch seinen ersten Otello.

opera-guide.ch

wikipedia.org

Puccinis La Fanciulla del West live in HD aus der Met:
Wild-West-Romantik, traumhaft schöne Musik und ein Sängerensemble, das keine Wünsche offenlässt

München, 28.10.2018

Photos: Ken Howard / Met Oper

Am 27. Oktober 2018 startete in tausenden Kinos rund um die Welt die Kinoübertragung von Puccinis Wild-West-Drama Das Mädchen aus dem goldenen Westen, La Fanciulla del West, in einer wunderbaren Inszenierung von Giancarlo del Monaco aus dem Jahre 1991. In den drei Hauptpartien zu sehen und zu hören waren drei Stars der Opernszene, die sich mit ganzer Leidenschaft ihrer Darstellung auf der Bühne widmeten und den Abend zu einem musikalischen Hochgenuss machten.

Photos: Ken Howard / Met Opera

Die Titelpartie der Minnie wurde von der niederländischen Sopranistin Eva-Maria Westbroek verkörpert, die im Pauseninterview die Figur der mutigen Frau zu einer ihrer liebsten erklärte und genau das konnte man auch den gesamten Abend spüren. Sie vermittelte den Charakter der Minnie, ihr Tun, Handeln und Denken in einer sehr glaubhaften und berührenden Weise. Die Figur der Titelheldin leidet an großen Selbstzweifeln und setzt sich gleichzeitig mit ihrem ganzen Herzen für die Männer im Goldgräber-Camp ein, die sie für ihre Liebe und Güte verehren. Minnie scheint ein Mensch zu sein mit einem tiefen Glauben und der Überzeugung, dass niemand von Grund auf böse ist. Sie ist in der Lage zu vergeben und gibt den Menschen die Hilfe, die sie brauchen, um zu sich selbst zu finden. Genau diese edlen Charakterzüge ist die Opernsängerin in der Lage, in ihrer szenischen Darstellung und durch ihre Stimme zu transportieren. Es gab einige wenige Einschränkungen in den Augenblicken, wenn die Stimme von Eva-Marie Westbroek ein wenig zu kraftvoll erklang und dann eher an die Interpretation einer Wagnerpartie erinnerte. Das darf man aber getrost als Klagen auf sehr hohem Niveau betrachten. Zur optischen Gestaltung ist noch zu sagen, dass ihr diese sehr gut zu Gesicht stand. Die Kostüme, Frisur und Make-up unterstrichen auf natürliche Weise ihren Typ und vervollständigten so überzeugend das Bild ihrer Figur.

In der Rolle des Sheriffs Jack Rance war der serbische Bariton Željko Lučić zu erleben, der wie immer mit seinem unglaublich schönen, warmen und kraftvollen Bariton und einer beeindruckenden Bühnenpräsenz überzeugen konnte. Er gestaltete seine Partie sehr intelligent und überzeichnete den Charakter seiner Rolle dankenswerterweise nicht, sondern hinterließ den Eindruck, dass Sheriff Rance durchaus kein durch und durch böser Mensch ist, vielmehr handelt er so aus enttäuschter Liebe zu Minnie, die er offensichtlich sehr begehrt und für die er sogar seine Ehefrau verlassen würde. Željko Lučić gehört absolut verdient zu den Opernsängern, die sich nicht nur an der Met zu Hause fühlen, der Bariton hat hier unzählige Male in den unterschiedlichsten Partien auf der Bühne gestanden, sondern auch sonst überall in Europa und der Welt. Ein Künstler mit großem Charisma, der weiß, wozu er in der Lage ist, und der trotzdem auf dem Boden geblieben ist. Ein Künstler, der unglaublich wandelbar ist und mit großer Leidenschaft, Hingabe und Authentizität seine Rollen verkörpert, so auch bei der Übertragung der gestrigen Vorstellung aus New York.

Photos: Ken Howard / Met Opera

Der Sänger in der Runde, dessen Erscheinen vermutlich mit größter Spannung erwartet wurde, war sicher Jonas Kaufmann, Kammersänger an der Bayerischen Staatsoper seit 2013, einer der meist gebuchten Opernsänger der Welt, gefeiert auf allen großen Bühnen und ganz sicher einer der besten in seiner Liga. Er besticht durch die besondere Vielfalt seines Opernkonzert- und Liedrepertoires und mit einer wunderschönen Stimme mit einem unverwechselbaren warmen, baritonal gefärbten Timbre. Nach 4,5 Jahren Abwesenheit an der Met, wozu ich hier nichts schreiben werde, da auch Jonas Kaufmann sich in aller Ausführlichkeit zu den Gründen geäußert hat, gab es nun auch wieder eine HD-Kinoübertragung mit dem umschwärmten Tenor. Der sympathische Münchner übernahm in dieser Inszenierung von Giancarlo del Monaco die Rolle des Dick Johnson, der in Wirklichkeit der Bandit Ramerrez ist, welcher plant, Minnie um das ganze Gold zu bringen, sich in sie verliebt und dessen Leben und Seele am Ende von ihr gerettet wird. Selbstverständlich war die Rolleninterpretation des 49-jährigen Kaufmann wie immer nicht plakativ angelegt, sondern vielschichtig mit einer nachvollziehbaren Wandlung seiner Figur versehen. Zudem hatte der Münchner Opernsänger eine unbändige Freude daran, den taffen und charmanten Banditen mit Herz auf der Bühne zu verkörpern. Man muss sagen, das schwarze Outfit und besonders der Cowboyhut standen dem sympathischen Sänger ausgesprochen gut und er schien sich damit sichtlich wohlzufühlen. Überhaupt war von der starken Erkältung, die ihn kurz nach der ersten Vorstellung am 17. Oktober ereilte, kaum mehr etwas zu spüren. Energiegeladen und fit wirkte der Münchner und vertrieb alle Zweifel, er wäre nicht in der Lage, diesen Abend mit Bravour zu meistern. Und so war auch der erste Auftritt, ein wenig klischeehaft, aber mit einem Augenzwinkern versehen, der schlagende Beweis dafür. Die Saloon-Tür wurde schwunghaft aufgestoßen und herein spazierte cool und lässig Jonas Kaufmann/ Dick Johnson mit dem Sattel über der Schulter, langem schwarzem Mantel, dem schwarzen Hut auf den dunkler gefärbten kurzen Locken und dem Pistolenhalter um die Hüften geschwungen, der verlauten ließ: Ich bin es, der den Whisky mit Wasser verlangt hat.

Gleich darauf kommt es zur ersten Begegnung mit Minnie, und um den charmanten Banditen Ramerrez, der sich vor ihr als Johnson aus Sacramento ausgibt, ist es geschehen. Die mutige junge Frau verzaubert und beeindruckt ihn augenblicklich. Und plötzlich liegt eine besondere Magie in der Luft. Das liegt nicht zuletzt an der besonderen Chemie zwischen Jonas Kaufmann und Eva-Maria Westbroek, die sich als Kollegen und Freunde eine große Wertschätzung entgegenbringen. Und diese Tatsache ist in jedem Moment dieses Abends ganz deutlich und unmittelbar zu spüren. Beide bringen dieselbe Leidenschaft mit, die es braucht, um einen Zauber zu entfachen, die die Menschen im Opernhaus in ihren Bann zieht und sie erst wieder loslässt, wenn die letzte Note verklungen ist.
Die Höhepunkte des Abends und auch generell in Puccinis La Fanciulla del West sind sicher der zweite Akt mit dem wunderbaren und leidenschaftlichen Duett zwischen Minnie und ihrer großen Liebe Dick Johnson und dessen verzweifeltes und schmerzvolles Geständnis über seine zweifelhafte Herkunft und dem sehnsüchtigen Verlangen, für immer seiner kriminellen Vergangenheit zu entsagen und ein Leben für die Liebe und die Arbeit zu führen. Jonas Kaufmann, der eine besondere Gabe hat, starke Gefühle wie Verzweiflung, Angst und Schmerz in eine überzeugende und sehr berührende Darstellung umzusetzen und sie durch den intensiven Ausdruck seiner Stimme seinen Zuhörern zu vermitteln, tat dieses auch bei der abschließenden Vorstellung von La Fanciulla del West an der Metropolitan Opera in New York.
Ein unbestreitbarer Vorteil des Erlebens über die Kinoleinwand, im Fernsehen oder beim Stream im Internet ist sicher die Nahaufnahme der Künstler. Sollte man dann noch das Glück haben, Sängerdarsteller wie den Münchner Opernsänger auf der Bühne zu haben, dann ist dieses Vergnügen umso größer. Dann entstehen Momente, die direkt ins Herz treffen. Dazu kommt noch diese Musik, die Sprache, die so mitreißend, von starken Gefühlen und einer musikalischen Kraft aufgeladen ist, das sich dem niemand entziehen kann.
Ein weiterer Höhepunkt, mit der größten Dramatik und Spannung versehen, ist das Pokerspiel am Ende des zweiten Aktes, wenn die Barbesitzerin und der Sheriff um Minnies Glück spielen und um das Leben von Dick Johnson. Minnie gewinnt schließlich mit einem Trick und triumphiert am Ende. Jack Rance verlässt, außer sich vor Wut, den Ort seiner Schmach. Grandios die darstellerische Leistung von Eva-Maria Westbroek und Željko Lučić, die eine Stimmung kreieren, die zum Zerreißen gespannt ist. Ein Showdown in einer kleinen Hütte, bei dem es um alles geht. Auch musikalisch hervorragend von Marco Armiliato und seinem Orchester umgesetzt. Es ist wie ein Heranzoomen, eine Nahaufnahme.
Als Letztes muss man die wohl bekannteste Arie aus Puccinis La Fanciulla del West erwähnen: Ch'ella mi creda libero e lontano. Dick Johnson, der von den Goldgräbern gefangen genommen wurde und vom Sheriff zum Tode durch den Strick verurteilt wird, meldet sich mit einer herzzerreißenden Bitte ein letztes Mal zu Wort, Minnie, die ihn als einziger Mensch jemals aufrichtig geliebt hat, soll niemals die Wahrheit über die Umstände seines Todes erfahren. Es ist ein verzweifelter Abschied für immer, vom Leben und seiner tief empfundenen Liebe.

La Fanciulla del West: "Ch’ella mi creda libero e lontano”

Ganz besonders in den Duetten mit seiner Bühnenpartnerin und in den zwei Arien im 2. und 3. Akt war die ungeheure Strahlkraft des Münchner Opernsängers zu hören. Mühelos erreichte seine Stimme die geforderten Höhen und erfüllte den Raum. Wie immer waren auch die Pianostellen, die zarten und verletzlichen Momente besonders eindringlich zu vernehmen und werden von kaum einem Sänger so perfekt umgesetzt. So war es ein großes Vergnügen und ein großer Genuss, ihn gestern zu erleben. Die emotionale Welt von Puccini ergänzt sich außerdem ganz wunderbar mit der Stimme des Münchners und mit der Herangehensweise und Entwicklung seiner Rollenprofile. Differenziert stellt er auch den Charakter des geläuterten Banditen mit Herz dar, seine Wandlung im Laufe der drei Akte, sein Denken, Handeln und Fühlen. Charmant, witzig, verliebt, nachdenklich und verzweifelt sah man seinen Dick Johnson auf der Bühne.

Ein paar Worte seien noch zur Inszenierung von Giancarlo del Monaco gesagt. Altmodisch, würde manch einer sagen. Sehr charmant, detailgenau und liebevoll gestaltet, antworte ich. In eine andere Zeit wurde man versetzt und erlebte eine Geschichte, die so erzählt einfach glaubwürdig erscheint und zu Herzen geht. Es ist alles in sich stimmig, keine Szene wirkt überzogen oder unglaubwürdig. Ein Dankeschön also an Giancarlo del Monaco und sein Team für dieses kleine Meisterwerk und Dank an die Met, das sie auch weiterhin den Opernliebhabern die Chance gibt, diese wunderbare Inszenierung mitzuerleben.

Einen Menschen möchte ich und muss ich unbedingt noch erwähnen und das ist der Dirigent nicht nur des gestrigen Abends: Maestro Marco Armiliato. Der ausgesprochen sympathische italienische Musiker mit Herz, der sich mit großer Leidenschaft vor allem dem italienischen Repertoire widmet und als ausgesprochen sängerfreundlich gilt, durfte auch gestern wieder sein Können und seine Liebe zu dieser Musik unter Beweis stellen. Eine Besonderheit von Marco Armiliato, die auch gestern wieder zum Tragen kam, ist das Dirigieren ohne Partitur. Diese Tatsache ist in der Tat sehr beeindruckend und verlangt fast ein fotografisches Gedächtnis. Laut Maestro Armiliato ermöglicht ihm diese Praxis, sich in voller Aufmerksamkeit sowohl seinem Orchester als auch den Sängern widmen zu können.

Nach so viel Hingabe, Enthusiasmus, Leidenschaft und Liebe für diese Musik, einer großartigen Leistung von Orchester, Dirigent, Chor und einer überragenden solistischen Leistung, insbesondere der drei Hauptdarsteller, aber auch der kleineren Partien, gab es den verdienten Applaus, Standing Ovation und einen Sturm der Begeisterung. Das ganze Ensemble, Jonas Kaufmann, Eva-Maria Westbroek und Željko Lučić nahmen mit großer Rührung und Freude die Dankbarkeit des Publikums entgegen.

Und auch die Menschen in den Kinosälen rund um die Welt machten sich glücklich und zufrieden mit einem beseelten Lächeln im Gesicht auf den Weg nach Hause.

Die nächste Zeit geht in jedem Fall spannend weiter. Während für Jonas Kaufmann am Montag in München die intensiven Proben für den Otello losgehen, heißt es für alle anderen warten und sich in Geduld üben, bis sich am 23. November der Vorhang für die erste Premiere der neuen Saison hebt und der Münchner Publikumsliebling sein lang ersehntes Hausdebüt des Otello an der Bayerischen Staatsoper gibt. An seiner Seite stehen dann die wunderbare Anja Harteros als seine treue Gattin Desdemona und Gerald Finley als Jago, der Initiator einer teuflischen Intrige. Die musikalische Leitung übernimmt GMD Kirill Petrenko, Amélie Niermeyer inszeniert dieses Meisterwerk von Verdi.

Ich kümmere mich nun weiter um meine Vorbereitungsbeiträge zu diesem musikalischen Ereignis und melde mich spätestens Anfang Dezember mit meinen persönlichen Eindrücken aus dem Münchner Nationaltheater.

La Fanciulla del West: "Ch’ella mi creda libero e lontano”
Jonas Kaufmann on La Fanciulla del West
Jonas Kaufmann on La Fanciulla del West

Ein Hoch auf das Anstehen
Wahre Leidenschaft für die wunderbare Welt der Oper

München, 22.10.2018

Schon seit einiger Zeit macht ein Gerücht die Runde, das Anstehen für Karten der Bayerischen Staatsoper soll für die Zukunft untersagt und abgeschafft werden. Egal ob für Neuproduktionen, Repertoirevorstellungen oder den Erstvorverkauf für die Münchner Opernfestspiele.

Und warum in aller Welt?

Diese Leidenschaft für Oper und Ballett ist ganz wunderbar und ein ausgesprochen großes Kompliment. Wo gibt es das sonst noch, dass sich Opern- und Ballettfans stundenlang, zum Teil über Nacht und bei allen Wetterbedingungen und Temperaturen, an der Theaterkasse anstellen, um an Karten für ihren Lieblingssänger/in oder Tänzer/in zu kommen. Viele dieser Menschen machen das seit Jahren, auch Jahrzehnten und sind mit solch einer Freude und einem Enthusiasmus dabei. Man kennt sich, man respektiert und schätzt sich. Es ist auch ein Austausch von Informationen, eine Kontaktbörse für gemeinsame Opernbesuche oder leidenschaftliche Diskussionen. Es ist ein Ort der Begegnung, an dem neue Freundschaften entstehen und alte erneuert oder vertieft werden. Und es sind die Bewohner Münchens, die sich hier bemühen, um ihr geliebtes Nationaltheater zu unterstützen und sich wünschen, ein Teil von diesem Tempel der Kunst, Musik und Kultur zu sein. Was gibt es denn Schöneres und Wertvolleres als den Wunsch dieser Menschen, zu denen ich mich auch zähle, zu unterstützen. Und es gibt noch einen wichtigen Punkt: Nicht jeder in dieser Stadt kann es sich leisten, jeden nur erdenklichen Preis für eine Eintrittskarte zu bezahlen. Es gibt genügend Menschen, die darauf angewiesen sind, die möglichst günstigen Preise zu bezahlen, sie sind doch genauso leidenschaftliche Fans von Oper oder Ballett oder auch noch viel mehr. Das Anstehen ist die mit Abstand sicherste Möglichkeit an Karten zu gelangen und vor allem an die, die dem jeweiligen Budget entsprechen. Nun könnte man argumentieren, der Schalterverkauf ist ja nicht abgeschafft, sondern lediglich das Anstehen. Aber was, liebe Staatsoper wäre die Folge? Um 10:00 Uhr spätestens drängeln sich im schlimmsten Fall an die hundert Menschen, die alle den Wunsch auf ein bestimmtes Ticket haben, wenn möglich günstig bzw. mit einem guten Preisleistungsverhältnis, vor dem Eingang. Genau diese Menge an Opernfans drängt dann mit einem Mal durch die Tür ins Kartenbüro und ich mutmaße, dass es nicht besonders ruhig oder geordnet zugehen wird. Das Nachsehen haben am Ende alle, die Mitarbeiter, die der Sache Herr werden müssen, die Menschen, die sich beim Anstehen rücksichtsvoll und anständig benehmen, und die Bayerische Staatsoper, deren Ruf durch solche Aktionen Schaden nehmen könnte. Vermutlich würde der eine oder andere beim nächsten Mal darauf verzichten, Karten auf diesem Weg zu kaufen, es über Telefon und Internet versuchen und dann unter Umständen leer ausgehen, wenn die Netze einfach zusammenbrechen unter dem Ansturm der unzähligen Internet- und Telefonzugriffe.

Natürlich geht die Bayerische Staatsoper aufgrund dessen finanziell nicht zu Grunde und zum Schluss wird wieder weitgehend jede Vorstellung ausverkauft sein. Ich bin aber der Meinung, dass wir als Bürger der Stadt München diese Möglichkeit verdient haben, ebenso ein Teil dieses wunderbaren Tempels der Kunst und Musik zu sein und unsere Leidenschaft für die Welt der Oper und des Balletts in vollen Zügen genießen können.

Also sage ich noch einmal: Ein Hoch auf das Anstehen und die Menschen dieser Stadt, damit Kultur für alle bezahlbar bleibt und möglich ist! 

Der erste MAX JOSEPH der neuen Saison ist da

München, 20.10.2018

Frisch gedruckt liegt seit kurzem der neue MAX JOSEPH für die Spielzeit 2018/19 im Kartenbüro und dem Opernshop der Bayerischen Staatsoper aus. Der Titel für die erste Ausgabe lautet: Alles was recht ist: Skandal!

Wie immer lohnt ein Blick in das Magazin, das auch dieses Mal wieder interessante Artikel, Fotostrecken und Interviews zu bieten hat. Dazu stehen die ersten zwei Premieren der neuen Spielzeit im Mittelpunkt: Verdis Otello in einer Inszenierung von Amélie Niermeyer sowie die von David Bösch neu auf die Bühne gebrachte Verkaufte Braut. Zu diesem Thema gibt es in der Agenda noch alles über Eheverträge nachzulesen.

In einem sehr eindringlichen und ausführlichen Interview diskutieren Regisseurin Amélie Niermeyer und KS Jonas Kaufmann über die Charaktere in Verdis Meisterwerk Otello. Der Münchner Opernsänger, der die Titelpartie singen und damit sein Hausdebüt geben wird, und die erfahrene Regisseurin haben dabei einige Reibungspunkte, die ganz sicher in kreative Energie umgesetzt werden.

Ziemlich am Schluss gibt es einen lesenswerten Artikel über das 40-jährige Jubiläum der Everding-Zauberflöte, neu interpretiert von der Frl. Wunder AG.

Am Ende noch die gute Nachricht, dass der Max Joseph wie immer kostenfrei zu haben ist und damit zugänglich für alle Menschen, die Interesse an Kunst, Kultur und Musik haben.

Ich wünsche viel Freude beim Stöbern, Nachlesen und Entdecken.

The hottest tickets in town:
Verdis Otello am Münchner Nationaltheater

München, 19.10.2018

Mit diesen Worten könnte man den Vorverkauf für die lang erwartete Premiere von Otello am 23. November diesen Jahres beschreiben. Seit der Bekanntgabe am 2. April 2018 im Münchner Nationaltheater bei der Vorstellung der neuen Saison warten alle gespannt darauf, dass es endlich soweit sein möge. Als am 22. September der Vorverkauf startete, konnte man zwar ahnen, was am Kartenbüro der Bayerischen Staatstheater los sein würde, sowie im Internet und am Telefon, aber der Ansturm war überwältigend. Binnen 30–35 Minuten war jede einzelne Vorstellung bis auf den letzten Hörerplatz ausverkauft. Schon im Vorfeld der schriftlichen Bestellungen war bekannt gegeben worden, dass es bis zu 7000(!) Anfragen pro Vorstellungstermin gegeben hatte. So war es sicher nicht verwunderlich, dass die Menschen ihre Chancen nutzten, um an Karten für diese heißbegehrte Premierenserie zu kommen, die mit den Münchner Publikumslieblingen Jonas Kaufmann und Anja Harteros sowie Gerald Finley nicht nur hochkarätig besetzt ist, sondern auch noch, bis auf eine Vorstellung, vom GMD Maestro Kirill Petrenko dirigiert wird. Auch Regisseurin Amelie Niermeyer hat mit der Inszenierung von La Favorite vor zwei Jahren bereits ihre Spuren am Münchner Nationaltheater hinterlassen.

OTELLO: Preview

Am Samstag gibt es nun erst einmal die letzte Gelegenheit, für die Abschlussvorstellung am 21. Dezember noch zwei der begehrten Eintrittskarten käuflich zu erwerben. Am Schalter, über das Internet und am Telefon. Es ist empfehlenswert, bestens vorbereitet zu sein, sich rechtzeitig einzuloggen oder früh genug am Kartenbüro der Bayerischen Staatstheater zu erscheinen. Es sollte so zumindest eine gute Hoffnung bestehen, den Vormittag erfolgreich abzuschließen und mit einem Lächeln im Gesicht in das Wochenende zu starten.

Viel Glück!

Ein traumhafter Opernabend in traumhafter Besetzung

München, 30.07.2018

Es gibt Tage, an denen man einfach einige schöne Stunden erwartet und noch viel schönere erleben darf. So war es auch am Samstag, dem 28. Juli, im Münchner Nationaltheater mit Giuseppe Verdis Oper La Traviata. Die Musik und die Geschichte sind jedes Mal wieder berührend, überwältigend und so unglaublich schön. Jede Note, jede Phrase und jede Melodie klingt so vertraut, als hätte man sie tausendmal gehört. Und so in fast jeder Oper von Verdi, das ist sein Geheimnis und der Grund, warum die Menschen heute wie damals seine Melodien mitsummen und singen können.

Wenn dann auf der Bühne noch ein exzellentes Sängerensemble steht, ist das Vergnügen unendlich. Auch eine angenehme, nicht überladene und personengeführte Inszenierung trägt dazu bei, jede Sekunde zu genießen. In München traf genau so eine wunderbare Konstellation zusammen. In der Titelpartie war eine der erfolgreichsten deutschen Opernsängerinnen zu erleben, Diana Damrau. An ihrer Seite der amerikanische Tenor Charles Castronovo als ihre große Liebe Alfredo Germont und der italienische Bariton Simone Piazzola als deren Vater Giorgio Germont. Auch die kleineren Partien waren sehr gut besetzt, so zum Beispiel Rachel Wilson in der Rolle der Flora Bervoix oder, ganz bewährt und nicht wegzudenken aus der Bayerischen Staatsoper, Christian Rieger, dieses Mal als Baron Douphol. Die musikalische Leitung an diesem Abend im weitgehend ausverkauften Münchner Nationaltheater hatte der israelische Dirigent Asher Fish.

Foto: © Wilfried Hösl

Zu den einzelnen Partien und ihren Darstellern:

Diana Damrau in der Rolle der schönen Kurtisane Violetta Valery ist nicht mehr ganz die ideale Besetzung. Auch wenn die Sopranistin selbstverständlich in der Lage ist, die Partie gesanglich ohne das kleinste Problem zu meistern, so fehlt ihrer Stimme mittlerweile ein wenig die Leichtigkeit. Am meisten überzeugen konnte die Opernsängerin im dritten und letzten Akt. Das Addio del passato war unglaublich zart aber auch verzweifelt gesungen. Eine sterbende Frau. die sich ans Leben klammert und nur noch einmal dem Menschen nahe sein möchte. den sie über alles liebt und für den sie bereit war, alles aufzugeben. Diana Damrau ist eine wunderbare und ausdruckstarke Sängerin und eine großartige Darstellerin auf der Bühne. Die Figur der Violetta in Verdis La Traviata wirkt in München nicht mehr ganz so jung und naiv, ist aber eine Frau, die von ganzem Herzen liebt und die das Leben mit allen Sinnen erleben möchte. Sie weiß um ihre begrenzte Zeit und ist hin- und hergerissen zwischen den zwei Welten. 

Charles Castronovo verkörperte in den zwei Vorstellungen während der Opernfestspiele die Figur des Alfredo Germont und das sehr überzeugend. Der amerikanische Tenor, der mit seiner Familie nach Europa ziehen will, ist eine ideale Besetzung für die Partie von Violettas großer Liebe. Die Stimme ist angenehm in der Klangfärbung, leicht eingedunkelt, aber trotzdem mit der nötigen Klarheit und Leichtigkeit für diese Verdi-Rolle. Das Spiel wirkt natürlich und authentisch und auch die Optik trägt zu einer überzeugenden Darstellung von Charles Castronvo als Alfredo Germont bei. Sensibel und einfühlsam brachte er die Gefühle des jungen Mannes, Liebe, Verzweiflung, Eifersucht, auf die Bühne. 

Die dritte große Partie an diesem Abend hatte der italienische Bariton Simone Piazzola inne, er übernahm die Rolle von Alfredos Vater, Giorgio Germont. Die Tatsache, dass Vater und Sohn im wahren Leben ungefähr das gleiche Alter haben, war von den Masken und Kostümbildnern der Bayerischen Staatsoper hervorragend gelöst worden und selbstverständlich trug auch die Interpretation von Simone Piazzola dazu bei zu glauben, dass mindestens 20 oder 25 Jahre zwischen den beiden Männern liegen. Der italienische Bariton brauchte eine gewisse Zeit, bis sich die gesamte Kraft und Energie seiner Stimme ganz entfaltet hatte, im zweiten Akt kamen die Zuschauer dann in den Genuss des vollen warmen Klanges. Die Arien des Giorgio Germont und die Duette mit Violetta und Alfredo sind wunderschön und sehr bewegend. Sie zählen zu den besonders berührenden Momenten in dieser Oper. Was die szenische Darstellung angeht, mag man Simone Piazzola nicht zu den ganz großen Schauspielern zählen, aber was seine gesangliche Interpretation betrifft, überzeugte er vollständig.

Der Chor der Bayerischen Staatsoper brachte wie immer eine hervorragende Leistung und beweist Abend für Abend die Qualität seiner Sänger und Sängerinnen.

Fotos: © Wilfried Hösl

Asher Fish dirigierte im Orchestergraben das stets ausgezeichnete Bayerische Staatsorchester. Bedauerlicherweise agiert der israelische Dirigent nicht immer ganz sängerfreundlich, sondern spielt die betreffende Oper einfach nach seinem Tempo durch. Das hat zur Folge, dass die Sänger auf der Bühne sich ihm anzupassen haben und im Zuge dessen manchmal ein wenig untergehen.

Jede Kritik ist eine auf sehr hohem Niveau und soll nicht den Eindruck vermitteln, es sei nicht ein wunderbarer und genussvoller Opernabend gewesen. Dementsprechend gab es nicht nur zum Schluss große Beifallsbekundungen, Bravorufe und Standing Ovations, sondern auch nach den verschiedenen Arien, Chorszenen und nach jedem einzelnen Akt. Alle Sänger, der Chor, das Orchester und der Dirigent nahmen ausgesprochen freundlich und gerührt die Dankbarkeit und den Jubel des Publikums entgegen. Besonders Diana Damrau wirkte bewegt und es wirkte fast ein wenig wie ein kleiner Abschied, was die Partie der Violetta Valery angeht… 

Im Oktober gibt es dann bereits ein Wiedersehen mit Verdis Oper, die Darsteller werden allerdings andere sein. 

Am 31. Juli enden die Münchner Opernfestspiele und damit auch die Saison 2017/18 an der Bayerischen Staatsoper. Zum Abschluss gibt es noch einmal Richard Wagners Parsifal in der mittlerweile bekannten Inszenierung von Pierre Audi und dem Bühnenbild von Georg Baselitz. Die herausragende Besetzung mit Jonas Kaufmann in der Titelpartie, René Pape, Nina Stemme, Christian Gerhaher und Wolfgang Koch steht auch in der letzten Vorstellung gemeinsam auf der Bühne. Die musikalische Leitung hat natürlich GMD Kirill Petrenko.

Ein Abend mit Christian Gerhaher und Gerold Huber im Münchner Nationaltheater

München, 25.07.2018

Seit mehr als 30 Jahren steht das Duo Christian Gerhaher und Gerold Huber zusammen auf der Bühne, im Herbst dieses Jahres feiern sie das große Jubiläum und geben dazu auch im Rahmen der Festspielwoche am 29. September eine Liedmatinee.

Nun aber erst einmal zum Abend des 23. Juli im Münchner Nationaltheater. Im Fokus standen im ersten Teil die Dichterliebe von Robert Schumann und im zweiten Teil seine zwölf vertonten Gedichte, auch bekannt unter dem Namen Kerner Lieder. Ergänzend dazu gab es in beiden Abschnitten noch je drei Lieder von Claude Debussy und im ersten Teil zusätzlich Lieder und Gesänge von Robert Schumann.

Während die Stimmung bei Debussy noch eine wenig angespannt wirkte, gestalteten die beiden Künstler bei Schumann jede Nuance aus, jede Note war genau platziert und jedes einzelne Wort glasklar zu verstehen. Gerhaher ist ein bemerkenswerter Liedgestalter, der von seinem Pianisten, der eine Klasse für sich ist, gefühlvoll und aufmerksam begleitet wurde. Gerold Huber, der zuletzt mit Günther Groissböck im Prinzregententheater zu erleben war, gibt verschiedene Meisterklassen, hat eine Professur für Liedgesang und konzertiert zusammen mit dem Artemis Quartett. Im Rahmen der diesjährigen Opernfestspiele gab der aus Straubing stammende Pianist ein Kammerkonzert im Münchner Cuvilliès-Theater.

Es lohnte an diesem Abend also auch, dem traumhaften Klavierspiel von Gerold Huber zu lauschen und dafür zwischenzeitlich genussvoll die Augen zu schließen.

Christian Gerhaher gilt zurecht als einer der besten Liedsänger und gestaltete auch am Montag auf der Bühne des Nationaltheaters mit großer Genauigkeit und perfekter Diktion. Die Lieder von Schumann harmonieren perfekt mit der Stimme des deutschen Baritons, der dieses Jahr das erste Mal den Amfortas während der Opernfestspiele singt. Man stellt erstaunt fest, dass der Opernsänger, der heute 49 Jahre alt wird, den Liederabend ähnlich gestaltet wie auch seine Rolle auf der Bühne. Es ist bemerkenswert, wie leise und zart ein Mensch singen kann und trotzdem absolut verständlich. Auch wenn Christian Gerhaher seine Opernstimme die überwiegende Zeit zurücknahm, in manchen Augenblicken kam sie zum Vorschein und zeigte eindrucksvoll die Kraft, die er auf die Bühne zu bringen vermag. Der Klang seiner Stimme hat ein warmes und angenehmes, wohlklingendes Timbre und bildet mit dem Klavierspiel von Gerold Huber eine wunderbare harmonische Einheit.

Am Ende wurden beide mit viel Applaus und Bravo-Rufen belohnt, und auch zwischen den beiden Abschnitten des Liederabends zeigten die Zuhörer im Nationaltheater ihre Begeisterung für die Künstler.

Aus den beiden Zugaben hätten gut drei werden können, wäre nicht das halbe Parkett plötzlich aufgesprungen, um die Türen zum Foyer aufzureißen und hinauszustürmen, als wäre ein Feuer ausgebrochen. Vermutlich war es wieder einmal das Problem mit der letzten U-Bahn….

Wir hören uns wieder nach der Kinoübertragung der Bayreuther Festspielpremiere von Richard Wagners Oper Lohengrin am 25. Juli.

Die Vorübergehenden von Nikolaus Brass
(Uraufführung: Freitag, 13. Juli 2018)
Ein Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper

München, 24.07.2018

Am 21. Juli fand in der Reithalle in München die letzte Vorstellung von Nikolaus Brass neu komponiertem Werk Die Vorübergehenden statt. Für die Umsetzung dieser Neukomposition in der Regie von Ludger Engels war die gesamte Länge und Breite des Veranstaltungsortes genutzt worden und auch das Publikum wurde im zweiten Teil des Abends miteinbezogen. Diese Tatsache machte die Sache noch lebendiger, genauso wie die transportablen Sitze in Form von schwarzen Hockern, die es den Besuchern möglich machen sollte, immer wieder ihren Platz und damit die eigene Perspektive zu ändern.

Die Neuproduktion war hervorragend besetzt, die Solisten exzellent bei Stimme und das Kammerorchester mit Musikern des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Marie Jacquot spielte eindrucksvoll die sicher nicht immer einfache Partitur. Das Vokalensemble von Die Vorübergehenden vervollständigte das Ensemble.

Die Solisten an diesem Abend waren Nikolay Borchev, Vasily Khoroshev, Sara Maria Sun, Ilker Arcayürek, Joshua Owen Mills, Wolfgang Newerla und Ulrike Helzel.

Das Musiktheater von Nikolaus Brass in zwei Teilen und einem Epilog mit Texten von Tomas Tranströmer, Rose Ausländer und Mahmout Darwish lief ohne Pause und über eine Spielzeit von 100 Minuten.

Die Bayerische Staatsoper schreibt über dieses Auftragswerk in ihrem Flyer: „Unangekündigt und ungerufen, in einem Moment ruhelosen Stillstands mitten auf der Reise namens Leben brechen über einen Mann Erinnerungen an längst vergessene Geschehnisse herein. Vor allem Gesichter und Stimmen von Menschen, die ihm einmal nahestanden, tauchen wieder auf, zunächst bruchstückhaft, dann in immer deutlicheren Szenen und Bildern: eine Geliebte, die ihn verlassen hat, ein Flüchtling, dem er nicht helfen konnte, sein Kind, dem gegenüber er genauso versagte wie einst seine eigenen Eltern, deren erbärmlicher Welt er den Rücken kehrte. Trotz seines sprechenden Rollennamens- Nikolaus Brass bezeichnet seinen Protagonisten als „Der Liebende“ – muss er schmerzlich feststellen, dass es ihm nicht gelungen ist, sich diesen Menschen restlos zu öffnen. Nachdem er sich gegen den Besuch der Vorübergehenden aus der Welt des Vergessens anfänglich wehrt, nimmt er ihn mehr und mehr zum Anlass für eine schonungslose Selbstbefragung und erkennt so, dass er vor allem sich selbst fremd geblieben ist. In Nikolaus Brass Musiktheater für Solisten, zwölfstimmigen Chor und Kammerorchester wird das Leben als Geflecht flüchtiger Begegnungen und unvollendeter Beziehungen erfahrbar – in einem Klangraum, in dem Vergangenheit und Gegenwart sich durchkreuzen und das Publikum selbst zum Vorübergehenden wird.“

Die Erfahrung, bei diesem Abend und dem Musiktheater von Nikolaus Brass dabei gewesen zu sein, bleibt sicher noch lange in Erinnerung, genauso wie die eindringliche Darstellung der Sänger. Sie kreierten eine dichte Atmosphäre und zogen die Zuschauer hinein in eine Welt von Erinnern und Vergessen, von Begegnungen und Abschieden und einer schmerzvollen Selbsterkenntnis am Schluss. Die unterschiedlichen Schauplätze und Lebensstationen waren realistisch inszeniert und liebevoll bis ins Detail gestaltet. Irgendwann zu Beginn des zweiten Teils wurden die Besucher freundlich mit einer sanften Geste aufgefordert sich zu erheben, durch den Raum zu wandeln und wurden so plötzlich selbst zu Vorübergehenden an diesem Abend. So fesselnd diese Geschichte auch war und die großartigen Künstler mit ihren Stimmen und ihrer Interpretation das Publikum überzeugten so kostete es doch zumindest zum Schluss hin etwas Mühe dieser sehr speziellen, wenig melodischen Musik zu folgen. Auch das Libretto, das zusätzlich an die Wand projiziert wurde, war nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen.

Fotos: © Wilfried Hösl

Ein insgesamt eindrucksvoller aber auch schwer verdaulicher Abend, der eine Sache ganz sicher in den Gedanken zurückließ, die Beschäftigung mit dem eigenen Ich, mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und mit den Begegnungen in unserem Leben. Wie werden wir beeinflusst, wie ehrlich sind wir mit uns selbst, wie ehrlich mit den Menschen, die uns nahestehen oder die nur für eine kurze Zeit unsere Bahn kreuzen? Was bleibt am Ende? Was bleibt am Ende unseres Lebens von uns zurück?

Damit dieser Beitrag und die Beschreibungen noch ein wenig besser nachzuvollziehen sind, gibt es ergänzend nicht nur einige Fotos, sondern auch ein wenig Videomaterial über diese Inszenierung von der Bayerischen Staatsoper.

Am Ende gab es viel verdienten Applaus von den Zuschauern in der Reithalle, und alle an dieser Produktion Beteiligten nahmen die Beifallsbekundungen ausgesprochen freudig und dankbar entgegen. 

Den nächsten Beitrag gibt es dann zum Liederabend von Christian Gerhaher am 23. Juli im Münchner Nationaltheater, gefolgt von der Kino-Übertragung der Festspielpremiere des Lohengrin aus Bayreuth am 25. Juli.

DIE VORÜBERGEHENDEN: Video magazine

TV- und Kino-Tipps für die laufende Festspielzeit

München, 24.07.2018

Hier kommen noch einige Empfehlungen für die nächsten Wochen der Festspielzeit im Kino und TV.

Am 25. Juli um 18 Uhr gibt es die Übertragung (zeitversetzt) der Festspielpremiere aus Bayreuth: Richard Wagners Oper Lohengrin kommt zur Aufführung. Ein hochkarätiges Ensemble unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann und in der Neuinszenierung von Neo Rauch eröffnet den diesjährigen Opernreigen auf dem grünen Hügel.

Auf der Bühne stehen dann Anja Harteros in der Partie der Elsa, Piotr Beczala ist nach seinem Auftritt 2016 in Dresden ein weiteres Mal als Lohengrin zu erleben. In München gibt es übrigens noch reichlich verfügbare Kinokarten für dieses Klassikevent. So zum Beispiel im Citykino in der Sonnenstraße.

Wer diesen Termin nicht wahrnehmen kann, hat drei Tage später, am 28. Juli, eine weitere Gelegenheit, die diesjährige Festspielpremiere aus Bayreuth zu genießen. Von 20:15–00:15 Uhr zeigt 3SAT eine Aufzeichnung vom 25. Juli in voller Länge.

Des Weiteren werden am 27. Juli die Salzburger Festspiele eröffnet, die feierliche Eröffnung ist live auf ORF2 und 3SAT mitzuerleben. Im Anschluss folgt die Übertragung von Richard Strauss' Oper Salome als eine der fünf Neuinszenierungen bei den diesjährigen Festspielen in Salzburg.

In der Woche darauf, ebenfalls im ORF2 zu sehen, eine weitere Neuproduktion: Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Zauberflöte.

Eine zusätzliche Empfehlung für die nächsten Wochen ist das Festspielmagazin „JedermannJedefrau“. Dort gibt es alles rund um die Salzburger Festspiele zu erfahren; Neuinszenierungen werden vorgestellt, Promis kommen zu Wort und auch sonst gibt es viel Wissenswertes zu erfahren. Das TV-Format läuft, beginnend mit dem 20. Juli, jeden Freitag von 18:30 bis 18:51 Uhr auf ORF2. Am nächsten Morgen um 5:35 Uhr gibt es die Wiederholung.

Ansonsten lohnt es sich, einen regelmäßigen Blick ins aktuelle Fernsehprogramm zu werfen, insbesondere die Sender 3SAT, Arte, ZDF, BR Klassik und das ZDF bringen immer wieder Beiträge und Übertragungen rund um die Festspielzeit 2018. Auch die unterschiedlichen Radiosender mit dem Schwerpunkt klassische Musik tragen dazu bei, auch ohne direkte Teilnahme den verschiedenen Veranstaltungen beiwohnen zu können oder ein paar lehrreiche Dinge zu erfahren zu den unterschiedlichen Werken, Komponisten, Regisseuren, Dirigenten und Sängern.

Zuletzt noch der Hinweis auf die Online Klassik Plattform Fidelio, gegründet und ins Leben gerufen im Jahr 2017 von ORF und Unitel. Ab einem Betrag von 14,90 für 30 Tage (Abo) kann jeder mit einem funktionierenden Internetanschluss diese schöne Möglichkeit nutzen, sich rund um die Welt der Klassik mit schönen Aufnahmen verwöhnen zu lassen. Alle weiteren Informationen sind über diesen Link zu finden.

Viel Freude also bei allem, was da zu sehen und zu hören ist in den nächsten Wochen im TV, Kino, Radio und im Internet.

Geliebt, gehasst und trotzdem treu:
Das große Doppeljubiläum in München

München, 23.07.2018

200 Jahre Nationaltheater und 100 Jahre Bayerische Staatsoper – Das muss gefeiert werden!

Anlässlich dieses wunderbaren Jubiläums findet vom 21.09. – 3.10. eine Festwoche mit dem Titel „Geliebt, gehasst und Vorhang auf“ statt.

Die Festwoche startet am 21. September mit dem 1. Akademiekonzert unter der Leitung von Zubin Metha.

Alle Veranstaltungen rund um die Jubiläumswoche sind in der Jahresvorschau für die Saison 2018/19 nachzulesen.

Unter anderem gibt es noch zwei weitere Akademiekonzerte unter der Leitung von Zubin Mehta, eine Liedmatinee mit Christian Gerhaher am 29. September und den Erlebnistag im Nationaltheater im Anschluss. Zusätzlich kommen zur Aufführung zwei Vorstellungen der Meistersinger unter der Leitung von Kirill Petrenko und parallel dazu drei Vorstellungen von Le nozze di Figaro mit Ludovic Tézier als Graf Almaviva. Den Abschluss bilden zwei Ballettvorstellungen von Anna Karenina in der Inszenierung von Christian Spuck am 1.10. und 3.10.

Der Verkauf auch für die Jubiläumswoche ist bereits am 21. Juli gestartet, aber ich bin sicher, dass auch jetzt noch genügend Karten zur Verfügung stehen. Es lohnt sich also auf jeden Fall, sein Glück zu versuchen und am Ende bei dieser Festwoche dabei zu sein.

Geliebt, gehasst –
Im ganzen Haus Erlebnistag an der Bayerischen Staatsoper am 29. September

München, 23.07.2018

Anlass für den Erlebnistag an der Bayerischen Staatsoper am 29. September – von der Mittagszeit bis spät in die Nacht – ist das Doppeljubiläum 200 Jahre Nationaltheater und 100 Jahre Bayerische Staatsoper.

Es gibt einen Einblick hinter die Kulissen, und die Teilnehmer gelangen an Orte, die sie ansonsten nicht zu sehen bekommen würden: Ballett- und Orchestersaal, Probebühnen etc. Unterschiedliche Mitarbeiter der Bayerischen Staatsoper führen durch diesen Erlebnistag.

Es gibt sogar die Möglichkeit, für fünf Minuten auf der Bühne des Nationaltheaters zu stehen, natürlich nach einem entsprechenden Auswahlverfahren und viel Kreativität. Der Gewinn sind Karten für die Opernfestspiele 2019. Einsendeschluss ist der 31. Juli 2018.

Der Kartenvorverkauf beginnt am 28. Juli um 10:00 – online im Internet, telefonisch und am Schalter.

Viel Freude beim Kartenkauf und viel Glück bei der Bewerbung für die eigenen fünf Minuten auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters.

Und nicht vergessen, der Vorverkauf für alle Opern- und Ballett-Vorstellungen, Konzerte und Liederabende im September und Oktober hat bereits am 21. Juli begonnen und die Theaterferien beginnen bereits am 31. Juli.

Italienische Lebensfreude und eine Reise in den Süden:
Jonas Kaufmann und sein Dolce Vita-Konzert in Berlin 

München, 15.07.2018

Um kurz nach 20 Uhr startete sie, unsere wunderbare Reise in den Süden. Unser charmanter Reiseführer quer durch das Sehnsuchtsland Italien war an diesem Abend kein Geringerer als Startenor Jonas Kaufmann. Der Italien-Fan nahm seine Zuhörer mit auf einen musikalischen Trip der ganz besonderen Art. An seiner Seite Jochen Rieder und das Berliner Rundfunkorchester und die bezaubernde Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili, die durch ihr Temperament, ihre Bühnenpräsenz und ihre ausdrucksstarke Stimme zum großen Erfolg in der Waldbühne Berlin beitrug.

Noch vor Beginn des Abfluges gab es eine kräftige Dusche von oben und manch ein Mitreisender musste die Sonnenbrille noch schnell gegen einen Regenumhang tauschen. Als der Flieger in den Süden schließlich abhob, gab es zwar noch einige dunkle Wolken am Himmel, geregnet hat es dann zum Glück nicht mehr. Die Sterne waren an diesem Abend aber leider erst wieder nach Ende des Konzertes zu sehen.

© ZDF/Jule Roehr

Zuerst nahm Reiseführer Jonas Kaufmann seine Zuhörer mit in den tiefsten Süden Italiens, genau gesagt nach Sizilien und in die Heimat von Santuzza und Turiddu, zwei der Hauptfiguren aus Pietro Mascagnis Verismo Oper Cavalleria rusticana. Das einstige Liebespaar muss resigniert feststellen, dass es keine gemeinsame Zukunft gibt. Während die hochgradig eifersüchtige Santuzza darunter leidet und ihren Geliebten anfleht, sie nicht zu verlassen, hat er bereits eine neue Liebe gefunden und denkt nur daran, die Flucht zu ergreifen, um mit seiner Lola glücklich zu werden. Die Realität aber ist erdrückend und brutal. Am Ende verliert Turiddu sein Leben und Santuzza bleibt alleine zurück, in dem Wissen, schuld an seinem Tod gewesen zu sein. Die Ausschnitte aus Pietro Mascagnis veristischer Oper bildeten den musikalischen Einstieg am Freitag, dem 13. Juli 2018 in Berlin. Mit diesen zwei Sängerdarstellern auf der Bühne, der Münchner Opernsänger elegant in dunkelblauem floral gemustertem Anzug und weißem Hemd, die georgische Mezzosopranistin in schwarzem Samtkleid, konnte man die intensiven Gefühle und die dramatischen Ereignisse unmittelbar spüren und erleben. Der 49-jährige Tenor und seine Bühnenpartnerin schufen eine Atmosphäre, die auch ohne Kostüme und Bühnenbild genau vermittelte, was diese zwei Figuren empfinden und denken.

Stimmlich waren die beiden Opernsänger in bestechender Form. Beides sind Künstler, die große Freude daran haben, sich über ihre Stimme aber auch über Gestik und Mimik auszudrücken, eine starke Verbindung mit ihren Figuren eingehen und dadurch jederzeit authentisch in ihrer Darstellung und Interpretation wirken. Genau damit schaffen sie auch diesen unglaublich direkten Zugang zu ihrem Publikum. Dass die zwei Stimmen auch noch zusammen besonders schön harmonieren, erhöhte den Genuss noch mehr.

© ZDF/Jule Roehr

Nach dem dramatischen Abgang von Turiddu, der vorher noch von seiner ehemaligen Geliebten verflucht wird, ging die Reise weiter und die Töne wurden etwas sanfter und versöhnlicher. Jonas Kaufmann führte mit seiner charmanten Reisebegleiterin seine Zuschauer weiter durch sein Lieblingsland und ließ sie erklingen, die italienischen Canzoni, die in ihrem Herkunftsland jeder mitsingen kann und die ein Hauch von Sehnsucht und Melancholie verbreiten. Auch optisch war der Wechsel von der Oper zu den italienischen Volksliedern auszumachen. Der Münchner Startenor zeigte sich nun lässig in dunkelblauem Glitzeranzug, weißem T-Shirt und weißen Turnschuhen. Anita Rachvelishvili erschien in einem leichten smaragdgrünen Kleid und mit einem auffälligen Kopfschmuck.

Bevor die Reise nun weiter geht, sei noch erwähnt, dass der Münchner Publikumsliebling aufgrund der unsicheren Wetterlage kurzerhand beschloss, so lange weiterzumachen mit dem Programm, bis es zu regnen beginnen würde und eine Pause notwendig würde. Diese Entscheidung war so spontan, dass auch der Dirigent des Abends ein wenig überrascht wirkte und schnell in die Garderobe lief, um die fehlenden Noten zu besorgen. Am Ende spielten Jonas Kaufmann, Anita Rachvelishvili und das Berliner Rundfunkorchester unter der Leitung von Jochen Rieder fast drei Stunden durch, und es gab, abgesehen von einigen Tropfen, keinen Regen mehr.

© ZDF/Jule Roehr

Wie schon erwähnt, gab es im zweiten Teil eine Auswahl an italienischen Canzoni, die allesamt auf der im Jahre 2016 erschienen Dolce Vita-CD des 49-jährigen Opernsängers zu finden sind. Und viele sind auch, nicht erst seit erscheinen dieses Albums, den deutschen Zuschauern bekannt. Hits wie Caruso, an diesem Abend neu interpretiert von der georgischen Mezzosopranistin, Mattinata, Rondine al nido, Parlami d´amore, Mariu, oder Non ti scordar di me.

Im zweiten Teil taute der Münchner immer weiter auf, und interpretierte auf ausgesprochen charmante Art die Lieder, die immer wieder eine ungeahnte Sehnsucht nach dem Süden in uns wecken. Dass Jonas Kaufmann seinen Zuhörern ein dauerhaftes Lächeln ins Gesicht zauberte, ist nicht wirklich verwunderlich, aber auch er selbst strahlte, dass es eine Freude war. Man konnte dem sympathischen Künstler anmerken, wie sehr ihm dieses Konzert am Herzen liegt, diese wunderbare Musik, das Lebensgefühl zu vermitteln und seine große Liebe zu Italien. So hatten an diesem Abend und auf dieser Reise alle ihren Spaß und haben jede Minute genossen.

Nach dem offiziellen Programmteil gab es natürlich noch diverse Zugaben, mindestens sechs Stück, es können auch sieben gewesen sein. In jedem Fall gab es vier weitere Soli für Jonas Kaufmann darunter Parla piu piano und Core n´grato und zwei sehr bezaubernd vorgetragene Duette. Volare war das eine davon; spontan stimmte die ganze Waldbühne mit ein. Eine heitere, ausgelassene und leichte Stimmung dominierte die Zugaben und Jonas Kaufmann gestikulierte wie ein wahrer Italiener, sang sich am Ende fast in eine Art Rausch und hätte vermutlich noch eine weitere Stunde seine Fans erfreuen und unterhalten können. Im Gegensatz zu den Menschen vor der Bühne, wirkten die Musiker auf der Bühne am Ende ein wenig verzweifelt… Den charmanten Beschwörungen des Münchner Startenors hatte auch das Wetter in Berlin nicht wiederstehen können und durchgehalten.

© ZDF/Jule Roehr

Zum Abschluss gab es wie könnte es anders sein, Nessun dorma (Keiner schlafe) aus Puccinis Oper Turandot. Und geschlafen hat an diesem Abend sicher keiner der Zuhörer in der Berliner Waldbühne. Einen schöneren und stimmungsvolleren Abschluss hätte man sich wahrhaftig nicht vorstellen können. Ein weiteres Mal verzauberte Jonas Kaufmann seine Fans mit seiner wunderbaren Stimme, und noch bevor die letzten Töne im Abendhimmel verklungen waren, hielt es die Zuschauer nicht mehr länger auf den Sitzen, die Waldbühne tobte vor Begeisterung und zauberte nun ihrerseits dem sympathischen Opernsänger ein strahlendes Lächeln ins Gesicht.

Gegen 23 Uhr landete der Flieger wieder und wir mussten Abschied nehmen von unserem charmanten Reiseführer und seiner Crew. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Reise nach Bella Italia und bin sicher, dass auch wir uns recht bald wiedersehen werden. 

Und nicht vergessen, am 15. September gibt es das gesamte Konzert auf 3SAT zu sehen und am 28. September erscheint bereits die Konzert-DVD

Ciao e a presto.

Günther Groissböck im Prinzregententheater:
Liedgesang auf höchstem Niveau

München, 15.07.2018

Zurzeit werden die Musikliebhaber in München und Umgebung jeden Abend mit den besten Sängern und Musikern verwöhnt und die Auswahl der Darbietungen ist so verschieden wie ihre Künstler selbst. Am Abend des 14. Juli stand auf der Bühne des Prinzregententheaters der österreichische Bass Günther Groissböck. Der 41-jährige Opernsänger, der trotz seiner noch recht jungen Jahre bereits zu den ganz Großen in der Welt der Oper gehört, ist ein ebenso exzellenter Liedsänger.

Bei seinem Liederabend im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2018, gab es im ersten Teil Vier ernste Gesänge von Brahms zu hören, sowie einen Liederzyklus von Robert Schumann (Zwölf Gesänge von Joseph von Eichendorff op. 39). Nach der Pause beschwor der sympathische Künstler die russische Seele; zuerst auf dem Programm standen fünf Lieder von Peter Iljitsch Tschaikowsky und im Anschluss sechs Lieder von Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow. Günther Groissböck vermochte in beiden Teilen des Liederabends zu überzeugen, gestaltete mit seiner Stimme eindrucksvoll die vertonten Gedichte, nahm seine Zuschauer gefangen mit seiner intensiven Art zu erzählen und beindruckte mit einer starken Präsenz auf der Bühne,, die nicht für eine Sekunde nachließ. Der warme, fast weiche Klang seiner Stimme tönt ausgesprochen angenehm im Ohr und die gefühlvolle Gestaltung des Liedgesangs trifft direkt ins Herz. Und der 41-jährige Opernsänger brachte alle Vorzüge seines Könnens zum Ausdruck, kraftvolle und dramatische Ausbrüche ebenso wie die ganz leisen uns zarten Töne. Mit seiner Interpretation und Stimmführung ist er in der Lage, das Spektrum der menschlichen Gefühle authentisch widerzuspiegeln und bei seinen Zuhörern ein intensives Erleben zu erzeugen. Ein Künstler und Sänger, der auch mit Anfang 40 schon zu den Ausnahmeerscheinungen in seinem Kreis zählt und von dem man ganz sicher auch in der Zukunft viel Wunderbares erleben wird, sowohl auf der Opernbühne wie auch beim Liedgesang.

Bemerkenswert am Abend des 14. Juli war seine erste Zugabe: Der Erlkönig von Johann Wolfgang Goethe in der Vertonung von Franz Schubert. Binnen Sekunden ließ Günther Groissböck Bilder entstehen mittels seiner Stimme, seiner Interpretation, seiner Gestaltung und zauberte seinen Zuhörern im Prinzregententheater eine Gänsehaut. Ohne Kostüm, Bühnenbild o.ä. erzählte er die Geschichte vom Erlkönig und verschmolz mit den verschiedenen Figuren, die er eindrucksvoll zum Leben erweckte. Das ist wahrhaft Liedgesang auf allerhöchstem Niveau. Ob es den Abschluss mit Core 'ngrato noch unbedingt gebraucht hätte, lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

Eines muss aber unbedingt noch erwähnt werden, die Tatsache, dass Günther Gröissböck auch am Abend des 14. Juli im Prinzregententheater nicht alleine auf der Bühne stand. Gerold Huber, der ihn am Klavier begleitete, ist ein erfahrener Musiker, Pianist und Liedbegleiter, der seit langer Zeit auch mit Christian Gerhaher ein eingespieltes Team bildet und der unter anderem mit Christiane Karg und Christine Landshammer auf der Bühne steht. Der in Straubing geborene Pianist hat außerdem eine Professur für Liedbegleitung an der Hochschule für Musik in Würzburg inne und gibt Meisterklassen verschiedener Art in der ganzen Welt.

Groissböck und Huber haben zudem verschiedene CDs zusammen eingespielt, die neueste Ausgabe mit dem Titel HerzTod kann ich nur jedem ans Herz legen.

So ist es nun Zeit, ein weiteres Mal Danke zu sagen und darauf hinzuweisen, wo es die Künstler demnächst zu erleben gibt. Gerold Huber wird hoffentlich wie geplant am 23. Juli im Münchner Nationaltheater an der Seite von Christian Gerhaher zu hören sein, wenn dieser dort seinen Liederabend gibt, sowie im Rahmen des Jubiläums der Bayerischen Staatsoper am 29. September. Günther Groissböck ist derzeit intensiv mit den Proben in Bayreuth beschäftigt (Lohengrin, Parsifal und Die Meistersinger von Nürnberg) und kehrt im Dezember für die Neuproduktion der verkauften Braut und im Januar/Februar 2019 für Fidelio an die Bayerische Staatsoper zurück.

Wenn Lebensfreude auf die Welt der Oper trifft:
Elisabeth Kulmann im Münchner Prinzregententheater

München, 14.07.2018

Am Abend des 12. Juli gab es ein ganz besonderes Konzert im Prinzregententheater mit einer ganz besonderen Künstlerin: Die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulmann war mit ihrem Programm „La Femme, c´est moi“ zu Gast und begeisterte von der ersten Minute ihr Münchner Publikum. Wenn es eine Gelegenheit gibt, junge Menschen für die Welt der Oper zu begeistern und nicht nur junge, dann mit solch einem abwechslungsreich gestalteten Programm, das die Zuschauer unter anderem quer durch das Opernrepertoire führte, sich abwechselte mit vertonten Gedichten von Christine Nöstlinger und Erich Kästner, ergänzt durch Berthold Brecht, Cole Porter und Edith Piaf. Aufgeteilt in zwei Themenbereiche, Teil 1 - About Love and Time und Teil 2 - All about Politics, waren die Musikstücke und Arrangements entsprechend zugeordnet. Es war beeindruckend mitzuerleben, wie die 45-jährige Künstlerin zwischen den verschiedenen Genres hin und her wechselte und das mit einer ungeheuren Leichtigkeit. Egal ob Oper, Jazz oder Liedgesang, in jeder Darbietung konnte die Opernsängerin die Vorzüge ihrer wunderschönen Stimme, ihre Flexibilität, Klarheit, Kraft, Dramatik und Zartheit zum Ausdruck bringen. Zudem war dank einer perfekten Diktion jedes einzelne Wort zu verstehen. Eine starke Bühnenpräsenz und die große Freude, sich auf der Bühne auszudrücken und immer wieder neu zu erfinden, trugen dazu bei, die Menschen in Windeseile für sich zu gewinnen und Begeisterung zu entfachen.

An der Seite von Elisabeth Kulmann steht ein ganz wunderbares Kammerorchesterensemble, bestehend aus sechs Männern und einer Frau, die auf allerhöchstem Niveau auch diesen Abend mitgestalteten und zudem einen ebenso großen Unterhaltungswert boten wie ihre Frontfrau. Alle Arrangements für dieses Programm stammen von Tscho Theissing, ohne den das alles nicht möglich wäre. Dieser Abend zeigt, dass klassische Musik sehr wohl ausgesprochen unterhaltsam sein kann und trotzdem auf einem sehr hohen Niveau stattfindet und intelligent gestaltet ist.

Für die Zukunft würde man sich wünschen, dass es noch mehr solch unterhaltsamer Abende geben wird, um auch den Menschen, die bisher mit der Materie Oper und Klassik noch nicht in Berührung gekommen sind, eine Gelegenheit zu geben eine neue Welt zu entdecken. Vielleicht wäre der weitere Schritt dann der Kauf einer Karte für die nächste Vorstellung einer Tosca, Traviata oder Zauberflöte.

Die gute Nachricht, sozusagen aus erster Quelle: Elisabeth Kulmann und ihr wunderbares Ensemble geben München ein weiteres Mal die Ehre, dann mit einem anderen Programm. Ich vermute mal stark, dass es dann erheblich schwieriger sein dürfte, an eines der begehrten Tickets für das Konzert zu kommen. Ich plane auf jeden Fall dabei zu sein und bin sicher, dass auch dann ein fantastischer, unterhaltsamer und unvergesslicher Abend das Ergebnis sein wird.

Danke, Elisabeth Kulmann mit ihrem großartigen Ensemble!

Wenn die Stimme die Seele berührt…
KS Anja Harteros im Münchner Nationaltheater

München, 13.07.2018

Am 11. Juli gab die griechisch-deutsche Sopranistin Anja Harteros im Münchner Nationaltheater einen Liederabend. Das Programm bestand im ersten Teil aus Liedern von Franz Schubert und im zweiten Teil aus einer Auswahl von Johannes Brahms.

Anja Harteros vermochte auch an diesem Abend mit ihrer wunderbaren und ausdrucksstarken Stimme die Menschen im fast ausverkauften Nationaltheater zu verzaubern. Die Tatsache, dass es zeitweise ziemlich unruhig im Zuschauerraum war, störte den Genuss nur im Ansatz, und auch die sympathische Künstlerin ließ sich durch die vielen Hustenattacken, man mochte denken, es sei tiefster Winter, nicht aus der Ruhe bringen. Sie erzählte kleine Geschichten, ließ Bilder entstehen vor dem inneren Auge und malte mit den Klangfarben ihrer Stimme kleine Gemälde in die Luft. Immer wieder beeindruckend ist die Klarheit, mit der die deutsche Opernsängerin singt, und die perfekte Diktion, die es ermöglicht, jedes einzelne Wort zu verstehen. Auch an solch einem Liederabend kann man die Bandbreite ihrer wunderschönen Stimme entdecken: strahlende klare Höhen und leise, zarte Piani, die bis in die letzte Reihe vordringen und nach oben bis in die Galerie. Es ist eine ganz besondere Magie, die Anja Harteros jedes Mal, wenn sie auf der Bühne steht, verbreitet. Sie berührt auf eine so direkte und unmittelbare Weise die Seele, dass man kaum in der Lage ist, sich dem Zauber ihrer Stimme zu entziehen. Egal, ob sie einen intimen Liederabend gibt oder eine Rolle auf der Bühne verkörpert, sie ist stets authentisch, natürlich, unaufdringlich. Wer ihr schon an der Bühnentür begegnet ist, der wird feststellen, dass es nur eine Anja Harteros gibt, und verstehen was ihren Zauber ausmacht.  

Das nächste Mal wird die wunderbare Künstlerin mit der magischen Stimme im November und Dezember dieses Jahres auf der Bühne des Nationaltheaters zu erleben sein: in der Neuproduktion von Giuseppe Verdis Oper Otello in der Regie von Amélie Niermeyer. An ihrer Seite ein weiterer Publikumsliebling und ihr häufigster Bühnenpartner, Jonas Kaufmann, der die Rolle des eifersüchtigen Feldherren übernehmen wird. Sowohl Anja Harteros als auch der Münchner Opernsänger geben damit gemeinsam ihr Hausdebüt an der Bayerischen Staatsoper. Die griechisch-deutsche Sopranistin wird im Anschluss an die oben genannte Neuinszenierung im Januar ein weiteres Mal die Arabella singen, und im Mai wird sie mal wieder als Tosca zu sehen sein. Egal in welcher Partie, egal ob Oper, Konzert oder Liederabend, es ist jedes Mal ein Genuss und eine große Freude, diese wunderbare Künstlerin und Sängerin zu erleben.

Bravo, Anja Harteros!

Parsifal am 5. Juli 2018 im Münchner Nationaltheater + der filmreife Livestream am 8.Juli 2018:
Ein Sängerensemble zum Träumen, Kirill Petrenko am Dirigentenpult und eine atemberaubend schöne Musik

München, 07.07.2018

Schon sehr viel wurde über die Neuinszenierung von Pierre Audi und Georg Baselitz seit der Premiere am 28. Juni geredet, diskutiert und geschrieben. Ich habe lange überlegt, was und wie viel ich über die Inszenierung, das Bühnenbild und die Kostüme schreiben soll, und die Entscheidung getroffen, es so zu halten wie Pierre Audi mit seiner Regie, reduziert. Ich sage dazu nur: Alles passt zusammen, alles ist stimmig und rund. Es mag sein, dass der eine oder andere Opernbesucher im Zuschauerraum meint, es würde nicht viel geschehen auf der Bühne, aber das stimmt nicht. Wenn Maestro Kirill Petrenko den Taktstock zum Vorspiel von Parsifal hebt, dann entsteht er, der Zauber der Musik, die Magie des Augenblicks. Es gibt so viele wunderbare Momente in dieser Oper, es gab so viele schöne und berührende Augenblicke an diesem Abend des 5. Juli.

Ich erinnere mich an die Szene im ersten Akt, wenn René Pape (Gurnemanz) Jonas Kaufmann (Parsifal) in die Arme schließt, ihn wie ein Kind sanft hin und her wiegt und ihm leise mit den Worten: „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“ die Augen schließt. Parsifal (der zu dem Zeitpunkt noch vollkommen unwissend ist) wird von Gurnemanz darauf vorbereitet, den Gral zu schauen, da dieser hofft, der junge Mann könne der reine Tor sein und somit der Erlöser von Amfortas und der Gralsgemeinschaft. Der Münchner Opernsänger verkörpert das naive unwissende Wesen Parsifals wunderbar durch seine Darstellung; der verwirrte, fragende und fast ein wenig ängstlich wirkende Blick, wenn er aufschaut zu Gurnemanz und sich schutzsuchend an ihn schmiegt. Dieser Moment hat mich besonders berührt, genau wie die Szene, die im Anschluss folgt, der zweite Auftritt von Christian Gerhaher und die erste und entscheidende Begegnung von Parsifal und Amfortas, dem siechenden Gralskönig.

Um einen Eindruck zu erhalten von der Regie, der Personenführung, dem Bühnenbild und auch den Kostümen gibt es im Beitrag nicht nur die offiziellen Bühnenfotos, sondern auch den Trailer und das Videomagazin der Bayerischen Staatsoper. Ergänzend dazu sind auch noch Ausschnitte von den zwei BR-Magazinen KlickKlack und Capriccio zu sehen. Es gibt einen wunderschönen Augenblick nach dem nächsten, die Musik Wagners unter der Leitung von GMD Kirill Petrenko trägt einen durch den gesamten Abend, und das Geschehen auf der Bühne zieht die Zuschauer hinein in eine vollkommen andere und fast mystische Welt. Man wird gefangen genommen und erst wieder losgelassen, wenn die letzten Takte, die letzten Töne verklungen sind. Die Musik von Wagners letztem Werk ist einfach magisch, unfassbar schön und unter der Leitung von Kirill Petrenko, der ohne Pathos und das sehr weihevoll dieses Bühnenweihfestspiel dirigiert, unvergesslich. Früher dachte ich, Wagner müsste schwülstig, langatmig und bombastisch sein, heute weiß ich, dank Kirill Petrenko aber auch Jonas Kaufmann, nein, das muss es auf keinen Fall. Sie haben mich gelehrt, Wagners Musik auf eine andere Art und Weise zu hören.

Fotos: © Wilfried Hösl

Bevor ich zu den Sängern in den vier Hauptpartien komme, darf ich noch den großartigen Chor der Bayerischen Staatsoper erwähnen, der für mich zu den besten Opernchören der Welt gehört, genauso wie das immer wieder ausgezeichnete Orchester der Bayerischen Staatsoper, das besonders unter der Leitung von Kirill Petrenko Höchstleistungen bringt. Des Weiteren muss erwähnt werden, dass auch die kleinste Rolle exzellent besetzt ist. Als Blumenmädchen zu sehen sind z.B. Golda Schultz, Selene Zanetti und Rachel Wilson.

Eine insgesamt kleine Partie ist die von Wolfgang Koch in der Rolle des gefallenen Gralsritters Klingsor, der, wie schon im Vorbereitungsbeitrag beschrieben, immer wieder Rache nimmt an den Gralsrittern, die sein Reich betreten, um ihm den Speer zu entwenden und ihn zu vernichten. Er hat sich Kundry untertan gemacht und benutzt sie als sein lebendiges Werkzeug für sein zerstörendes Werk. Wolfgang Koch, der in dieser Inszenierung die größte Verwandlung erhielt, füllte seine Rolle mit Nachdruck aus und konnte stimmlich und darstellerisch zeigen, dass er zurecht an der Spitze der besten Opernsänger in Deutschland steht. 

Die vier Hauptpartien, wie bekannt mit Jonas Kaufmann, René Pape, Christian Gerhaher und Nina Stemme besetzt, sollen jetzt zur Erwähnung kommen. Diese vier Sänger, Sängerdarsteller auf der Bühne zu haben, ist ähnlich wie beim Pariser Don Carlos im Oktober letzten Jahres ein unglaublicher Glücksfall und eine unfassbare Freude mit Seltenheitswert.

Beginnen wir mit René Pape, der seine Partie des Gurnemanz bereits im dreistelligen Bereich auf der Bühne verkörpert hat, er überzeugt auch in dieser Neuinszenierung von Pierre Audi. Sein warmer Bass klingt im Ohr äußerst angenehm, wärmt das Herz und berührt. Die Stimme, die sich von kraftvoll bis ganz zart verändert und die Gefühle und Gedanken des Gurnemanz glaubhaft ausdrückt, möchte man am liebsten nicht mehr verlieren, vermisst sie, wenn sie nicht zu hören ist. Auch die Bühnenpräsenz, die Darstellung des alternden Gralsritters, der die ganze Gemeinschaft zusammenhält und seinem alten Gefährten Titurel zur Seite steht, ebenso wie seinem Sohn Amfortas in seinen schwersten Stunden, verkörpert René Pape eindrücklich und authentisch. Die Hoffnung, die Sorge, die Verzweiflung, die Trauer des Gurnemanz, all das vermag der sächsische Opernsänger dem Zuschauer im Opernhaus vermitteln. Jederzeit ist der Bass bei der Musik, seiner Rolle und seinen Kollegen auf der Bühne, er verliert zu keiner Zeit den Kontakt zum Geschehen.

Die nächste Künstlerin ist Nina Stemme in der Rolle der Kundry, einer ausgesprochen anspruchsvollen Partie, die von der schwedischen Sopranistin beeindruckend gemeistert und ausgefüllt wird. Nina Stemme, die diese Partie schon einige Male gesungen hat, kann auch in dieser Neuproduktion zeigen wie wandlungsfähig sie ist, stimmlich, darstellerisch, optisch. Nina Stemme beeindruckt mit einer starken Bühnenpräsenz und einer äußerst flexiblen Stimme. Sie singt in München die Rolle der Kundry als Sopran, um auch die sogenannten Kundryschreie so echt und gefährlich klingen zu lassen. Dieses gelang ihr eindrucksvoll. Die schwedische Sopranistin zeigt auch äußerlich ihre große Wandlungsfähigkeit und unterstreicht zusätzlich die verschiedenen Welten, auch Gefühlswelten von Kundry. Auch sie behält jederzeit den engen Kontakt zu ihren Kollegen und Kirill Petrenko im Orchestergraben. Im dritten Aufzug hat sie nur noch zwei Worte zu singen, kann aber weiterhin ihre schauspielerischen Fähigkeiten in die Waagschale werfen.

Die Überraschung in dieser Premierenserie im Rahmen der Münchner Opernfestspiele war sicher der deutsche Bariton Christian Gerhaher in der Rolle des verwundeten Gralskönigs Amfortas. Die Überraschung ist natürlich nicht, dass der bayerische Opernsänger in der Lage ist, diese Partie zu singen, sondern die Intensität, mit der er sie hier ausfüllt und gestaltet. Dazu kommt, dass Christian Gerhaher bereits seit elf Jahren überlegt hat, diese Partie zu singen, und erst 2018 sein Debüt an der Bayerischen Staatsoper gibt. Und jetzt kann man nur sagen, es ist wirklich die Rolle seines Lebens. Höchst beeindruckend bringt der 48-jährige Opernsänger den Amfortas auf die Bühne, kraftvoll, verzweifelt, am Rande des Wahnsinns. Er glaubt, hofft, gibt wieder auf. Er leidet Höllenqualen, körperlich und noch mehr seelisch. Die Wunde bricht immer wieder auf, vergiftet seinen Körper, seinen Geist. Christian Gerhaher bringt all diese Gefühle mit einer solchen Wucht und Energie auf die Bühne, dass die Luft anzuhalten nur die geringste „Nebenwirkung“ ist. Ein Sängerdarsteller, der sich mit jeder kleinen Faser seines Körpers seiner Darstellung und der Musik widmet und auf eine extreme und intensive Weise jeden Zuschauer in seinen Bann zieht. Die optische Verwandlung trug natürlich das ihre dazu bei: Christian Gerhaher, der heuer 49 Jahre alt wird, altert in dieser Neuproduktion um sicher 2 Jahrzehnte, und die Damen und Herren von der Maske haben wirklich eine fantastische Arbeit geleistet.

Fotos: © Ruth Walz

Zum Schluss widme ich mich nun Jonas Kaufmann in der Titelpartie. Der Münchner Opernsänger, der die Rolle des Parsifal auch nach eigenen Angaben noch nicht besonders strapaziert hat, gibt hier während der Opernfestspiele sein Hausdebüt. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Christian Gerhaher oder René Pape hat sich der 49-jährige Startenor um etliche Jahre verjüngt. Als reiner unwissender Tor, als Knabe von vielleicht 18 Jahren unterstreicht das natürlich die Darstellung in einer nicht unerheblichen Weise. Nicht nur die optische Verwandlung, dunkel gefärbte, kurzgeschnittene Haare, ein nur noch sehr dezent vorhandener Bart und ein entsprechendes Makeup, trug dazu bei, dass man dem sympathischen Münchner den naiven jungen Mann abnimmt, der in eine Welt gerät, die ihn gleichzeitig verängstigt und tief beeindruckt. Er weiß von nichts und hatte in seinem bisherigen Leben eigentlich keinen Kontakt zu anderen Menschen. Seine Mutter hatte aus Angst, ihn zu verlieren, ihn zum Toren erzogen und vor aller Welt behütet.

Es war zu lesen, dass in dieser Produktion zu wenig passieren würde, keine Aktion, keine Bewegung, alles sei sehr statisch. Ich kann nur sagen, wer aufmerksam beobachtet hat, im Nationaltheater saß, die Vorstellung während „Oper für Alle“ sah oder den Livestream mitverfolgte, wird etwas anderes sagen oder Abbitte leisten müssen. Insbesondere die Nahaufnahmen während der Übertragung im Internet haben verdeutlicht, wie viel dort auf der Bühne geschieht, nicht in ständiger Aktion, aber in den Gesichtern der Sänger, in ihren Gesten, die ihre gesungenen Worte eindrucksvoll unterstreichen, und noch mehr, wenn ihre Stimmen schweigen und die Kamera dicht auf sie gerichtet ist.

Jonas Kaufmann ist diesbezüglich neben Christian Gerhaher der Sänger, der diese Möglichkeit sich auszudrücken, am meisten schätzt und einsetzt. So auch in seiner Rolle als Parsifal, in der er gerade im ersten aber auch im dritten Akt über große Strecken nichts zu singen hat, aber trotzdem die ganze Zeit präsent sein muss, mit seiner Rolle und dem Geschehen verbunden. Und genau das ist eine der Stärken des Münchner Opernsängers, die ihn auszeichnet und abhebt. Sein Parsifal ist naiv, fast ein wenig kindlich im ersten Akt. Die Erlebnisse beeindrucken ihn tief und trotzdem begreift er erst viel später, was er gesehen hat. All dies drückt Jonas Kaufmann mit seiner Mimik und Gestik aus, der verschreckte Blick, die große Mühe, das Erlebte zu begreifen und zu verarbeiten, die suchenden, ängstlichen Augen, das Mitleid, das sich in Parsifal regt, der Schmerz, den er empfindet. Es ist faszinierend, wieviel Gefühle man nur mittels ein paar zarter Gesten und Blicke auszudrücken vermag. Dass die Stimme des deutschen Opernsängers alles auszudrücken vermag, was der Mensch an Emotionen empfinden kann, steht außer Frage. Kraftvoll, fast heldisch erklingt seine Stimme im zweiten Akt, dem Kuss der Erkenntnis folgt sein verzweifelter Ausruf: „Amfortas! Die Wunde…!“ In einem Moment wird der reine Tor zum Mitwissenden und erkennt seine Mission und den Weg, den er von nun an zu gehen hat und der ihm vorbestimmt war. Der zweite Aufzug ist sehr dramatisch und der Kampf ihrer Figuren fordert den zwei Sängern stimmlich einiges ab. Noch beeindruckender als all die Kraft und Dramatik sind gerade bei Jonas Kaufmann immer wieder die ganz leisen Momente, das Zerbrechliche, der Schmerz, die Trauer und eine innere Einkehr. Niemand singt derzeit so unglaublich zarte Piani, die trotzdem auf jedem einzelnen Platz im Opernhaus zu hören sind, nicht zuletzt dank einer perfekten Diktion. Im dritten Akt spielen gerade diese leisen und zerbrechlichen Momente eine besonders starke Rolle. Segenspende, Taufe und die feierliche Stimmung des Karfreitags tragen dazu bei. Und wieder lohnt es sich, Mimik und Gestik des Münchner Opernsängers genau zu beobachten. Der Blick verklärt nach oben gerichtet beim Empfangen des Segens durch Gurnemanz. Die schmerzvolle Erkenntnis, nicht von Beginn an alles getan zu haben, um das Leiden von Amfortas zu beenden, seiner Gralsgemeinschaft neue Kraft zu geben und als neuer König sie zu alter Stärke zurückzuführen. 

PARSIFAL: Video magazine
Parsifal: Wagners Spätwerk in Starbesetzung | Capriccio

Dank des großartigen Livestreams im Kinoformat gab es viele berührende Momente, die noch einmal verstärken, was für wunderbare Sänger, Sängerdarsteller bei dieser Neuproduktion im Rahmen der Opernfestspiele auf der Bühne stehen.

Die intensive Darstellung, die wunderbaren, ausdrucksstarken Stimmen und die perfekte Diktion, egal, ob Chor oder Solisten, bleiben eindrucksvoll in Erinnerung. Genau wie jeder einzelne Abend mit diesem traumhaften Ensemble, einem Orchester, das keine Wünsche offen lässt, und einem Dirigenten, der diese unbeschreiblich schöne Musik von Richard Wagner noch weiter in den Himmel hebt und zaubert, die Menschen in der Oper verzaubert. Jede einzelne Minute dieser Neuinszenierung war und ist ein wunderbares Geschenk, das zumindest ich niemals vergessen werde und in tiefer Dankbarkeit in meinem Herzen bewahre. 

So gab es selbstverständlich am Ende für alle Mitwirkenden den verdienten Applaus, als Belohnung für eine eindrucksvolle und beeindruckende Darbietung. Die Premiere lasse ich außen vor, da Premieren nach wie vor einem besonderen Gesetz unterliegen. Nach allen anderen Vorstellungen gab es nur Begeisterung und Jubel für die Solisten, den Chor, das Orchester und vor allem für den Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, den wir alle hier in München hoch verehren.

Parsifal Trailer
Jonas Kaufmann✮Parsifal im Backstage-Interview mit Th.Gottschalk

Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben, da es noch so viel zu erzählen gibt. Ich hoffe, dass jeder, der meinen Beitrag liest, meinen Gedanken und Eindrücken zustimmt und folgt, und ich hoffe, dass dank „Oper für Alle“ und Livestream im Internet so viele Menschen wie möglich die Gelegenheit genutzt haben, diesen Jahrhundert-Parsifal zu sehen. Ich hoffe, nachdem ich auch noch die Aufzeichnung im Internet anschauen durfte, dass es von dieser Produktion mit dieser grandiosen Besetzung und mit diesem Dirigenten am Pult eine DVD geben wird. Die Übertragung mit den intensiven Nahaufnahmen, einer perfekten Lichtgestaltung und dieser Kameraführung lässt hoffen, dass genau dieses der Plan ist. Diese Aufnahmen erinnern an eine Übertragung auf der Großbildleinwand im Kino.

Parsifal bei den Münchner Opernfestspielen - KlickKlack - BR-KLASSIK

Am 31. Juli gibt es, mit genau dieser Besetzung, die letzte Gelegenheit, die Neuinszenierung in der Premierenserie zu erleben. Diese letzte Vorstellung ist auch gleichzeitig der Abschluss der diesjährigen Opernfestspiele in München. Ich freue mich schon sehr darauf und werde auch dann sicher wieder jede einzelne Minute genießen.

Wir hören uns wieder nach dem Liederabend von Anja Harteros, dem Konzert von Elisabeth Kulmann und natürlich nach dem Dolce Vita-Konzert von Jonas Kaufmann auf der Waldbühne in Berlin.

Nicht vergessen:
Das Dolce Vita-Konzert von Jonas Kaufmann am 13. Juli in Berlin

München, 05.07.2018

Nun ist nicht mehr lange hin bis zum einzigen Konzert, das der sympathische Münchner Opernsänger und ausgewiesene Italienfan Jonas Kaufmann zu diesem Thema geben wird. Auch wenn bereits zwei Tage später die Aufzeichnung im ZDF zu sehen sein wird, ist es natürlich nicht das gleiche wie selber vor Ort dabei zu sein. Dieser Abend unter Sternen wird sicher unvergesslich; wenn Jonas Kaufmann seine Zuhörer mitnimmt auf eine Reise in den Süden und in sein eigenes Sehnsuchtsland, Italien. Es werden die Melodien zu hören sein, die auf seiner Dolce Vita-CD zu finden sind und die genau diese Sehnsucht wecken, aber auch die großen italienischen Arien der Opernliteratur voll von Liebe, Dramatik und Leidenschaft. Es wird auch, so steht es auf der Homepage der Waldbühne Berlin, eine Kollegin mit dem 48-jährigen Opernsänger auf der Bühne stehen, die Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili. Statt zahlreicher zusätzlicher Orchesterstücke gibt es lieber noch einige leidenschaftliche und dramatische Duette zu erleben. Man darf sicher sein, dass diese beiden Sängerdarsteller die Bühne in Berlin zum Beben bringen werden.

Es kann also nur ein atemberaubend schöner Abend werden. Ich werde natürlich dort sein! Zusammen mit zwei meiner liebsten Freundinnen werde ich diesen Abend genießen, für einige Stunden gedanklich nach Bella Italia reisen. Wir haben den besten Reiseführer, den man sich vorstellen kann, und der kann auch noch ganz wunderbar singen…

Hier noch einmal die Kontaktdaten für die Buchung und die Anreise zur Berliner Waldbühne.

Ein Tipp noch zum Schluss: Bitte unbedingt über die Rahmenbedingungen lesen, die den Einlass betreffen, damit es nachher keine langen Gesichter gibt. Unter anderem steht auch alles auf der Eintrittskarte drauf. Wer sich nicht sicher ist, der sollte vorher nochmal telefonisch oder direkt vor Ort nachfragen.

Jetzt aber hoffe ich für den wunderbaren Jonas Kaufmann auf eine möglichst ausverkaufte Waldbühne, ein begeistertes Publikum und einen gnädigen Wettergott, damit auch für den Opernsänger dieser Abend unvergesslich werden möge.

Invitation to the Waldbühne concert "Dolce Vita"

Jonas Kaufmann⭐Interview/Konzert in der Berliner Waldbühne

Erinnerung:
Livestream und Oper für Alle im Rahmen der Münchner Opernfestspiele am 8. Juli 2018 

München, 04.07.2018

Fünf Tage vor der Übertragung von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal, in der Neuinszenierung von Pierre Audi und mit dem Bühnenbild von Georg Baselitz, im Internet und draußen auf die Leinwand auf dem Max-Joseph-Platz, sei noch einmal daran erinnert. Wie schon erwähnt, ist dieses Musik- und Kunsterlebnis vollkommen kostenfrei und ist für all die Menschen, die keine Karte für die Festspielpremierenserie ergattern konnten, Gelegenheit, diese Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper in Traumbesetzung (Jonas Kaufmann, René Pape, Christian Gerhaher, Nina Stemme, Wolfgang Koch) und unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko zu erleben. Das ist eine wunderbare Chance, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Für die Opernfans, die planen, an der Oper für Alle teilzunehmen, sei empfohlen rechtzeitig da zu sein, um die besten Plätze zu ergattern. Auch ein Blick auf das Wetter macht Sinn, so wie eine entsprechende Ausrüstung wie Picknickdecke, Kissen und ein gut gefüllter Picknickkorb. Außerdem wäre ein Treffpunkt mit den Menschen, mit denen man plant, den Abend zu verbringen, von Nutzen, da es mit Sicherheit unglaublich voll sein wird und man in der Masse nur noch schwer die Lieben wiederfinden dürfte.

Nun muss nur noch der Wettergott mitspielen und dann sollte einem unvergesslichen Opernabend nichts mehr im Wege stehen!

Im Anschluss gibt es noch einmal die wichtigsten Daten für den Ablauf und Beginn dieser Opernübertragung, damit auch ja nichts schiefläuft:

staatsoper.de/parsifal-live-stream

stueckinfo/parsifal

opernfestspiele/oper-fuer-alle

facebook.com/baystaatsoper

staatsoper.de/index

staatsoper.de/festspiele

Parsifal: Trailer

Parsifal bei den Münchner Opernfestspielen - BR-KLASSIK

Parsifal: Wagners Spätwerk in Starbesetzung

Parsifal, Richard Wagners letztes Werk.
Gedanken und Fakten

München, 02.07.2018

In den letzten Wochen habe ich mich mit Parsifal, Richard Wagners letztem vollkommenen Werk ausführlich beschäftigt und das mit den unterschiedlichsten Methoden und auf den verschiedensten Wegen. Auf jeden Fall sehr intensiv. Nun ist es bald so weit, am 28.6. um 16 Uhr hebt sich der Vorhang für die erste und einzige Festspielpremiere im Münchner Nationaltheater. Bei der Generalprobe gab es kaum einen freien Platz im Zuschauerraum. Nun freue ich mich auf die erste offizielle Aufführung mit einer Neuinszenierung auf allerhöchstem künstlerischen, musikalischen und gesanglichen Niveau. Ich werde allerdings erst über die Vorstellung am 5. Juli meine Eindrücke niederschreiben.

Parsifal ist ganz sicher Richard Wagners Meisterwerk, der Höhepunkt seines Schaffens, sein Lebenswerk, sein Erbe. Diese Musik ist von so überwältigender und ergreifender Schönheit, dass man einfach hinweggespült wird von einer Flut aus Gefühlen, die mit solcher Intensität die Menschen ins Herz und die Seele treffen, dass ein Zur-Wehr-setzen keine Chance hat. Fast vierzig Jahre vergingen zwischen den ersten Gedanken, dieses Werk zu komponieren, und der Uraufführung in Bayreuth am 26. Juli 1882.

Wer sich mit einer sehr gut geschriebenen und kompakten Einführung noch intensiver mit dem Parsifal beschäftigen möchte, dem empfehle ich aus der Reihe Opern der Welt: Richard Wagner Parsifal; Textbuch, dazu Einführung und Kommentar von Kurt Pahlen. Erschienen im Schott Verlag.

Richard Wagner befasst sich in seinem sogenannten Bühnenweihfestspiel unter anderem mit den Themen des christlichen Glaubens: Erlösung, Buße, Sünde Leiden, Hoffnung, Liebe, Gemeinschaft, Vergebung, Tod. Gerade im ersten und dritten Akt sind das die zentralen Themen. Und es gibt die christlichen Rituale und Symbole: die heilige Taufe, das in die Luft geschlagene Kreuz, das letzte Abendmahl (oder hier auch Liebesmahl), die Spende des Segens, der heilige Speer, der heilige Gral…Im Gegensatz dazu steht das Geschehen im zweiten Akt: die Welt von Klingsor, der gerne ein Gralsritter wäre, dies aufgrund seiner unfassbaren Tat an sich selbst (er entmannt sich, um seine Keuschheit zu bewahren) nicht mehr sein darf und der nun in seinem Zauberschloss eben diese Gralsritter verführen lässt, um ihnen ihre Unschuld zu nehmen und sie zu töten. Hier regieren Zauberkraft und der Kampf Gut gegen Böse. Klingsors Welt ist das Gegenteil zur sakralen und spirituellen Welt der Gralsritter. Das gesamte Werk, an dem Richard Wagner fast 40 Jahre schrieb, ist erfüllt von den verschiedensten Motiven, die immer wieder auftauchen, vorbereiten, vertiefen, hervorheben, erklären, ankündigen. Im Workshop zur Neuproduktion des Parsifal an der Bayerischen Staatsoper kam zum Ausdruck, dass es vor allem drei Leitmotive gibt, die immer wieder auftauchen, so auch im Vorspiel: Das Liebesmahlmotiv (auch Abendmahl- oder Liebesmotiv), das Gralsmotiv und das Glaubensmotiv. Als viertes sehr wichtiges sei noch das Prophezeiungsmotiv genannt: „Durch Mitleid wissend, der reine Tor: harre sein, den ich erkor.“ Es ist die Ankündigung des Erlösers, das Nahen von Parsifal und damit die Errettung für die Gralsgemeinschaft und Amfortas. Bis Parsifal, der unwissende reine Tor, sich seiner Mission bewusst und Amfortas und die Gralsritter erlöst und rettet, wird noch eine lange Zeit ins Land gehen. Die entscheidende Wendung geschieht im zweiten Akt im Reich von Klingsor: Der Kuss der Erkenntnis, der Kuss von Kundry verändert mit einem Schlag alles; Parsifal, der dort zum ersten Mal wieder seinen Namen hört, wird zum Mitleidwissenden, der jetzt begreift, was er vor vielen Jahren sah, er fühlt die Schmerzen von Amfortas Wunde und die unendlichen Qualen seiner Seele, die ihm fast das Herz zerreißen. Er kennt nun seine Aufgabe und ist fortan vor jeder Versuchung geschützt.

Wagners letzte Oper, sein Bühnenweihfestspiel, ist eine spirituelle, eine transzendente Reise in die Tiefen der Seele, hin zu Gott, zum Glauben, zur Erlösung. Eine Reise voller Mühen und Entbehrungen, aber auch erfüllt von Liebe, Güte und Vergebung. In Richard Wagners Werk gibt es fünf Figuren, die im Fokus stehen, eine Verbindung zueinander haben, voneinander abhängig sind und sich immer wieder begegnen und verlieren:

Parsifal, der unwissende reine Tor, der durch Mitleid wissend zum Erlöser wird und Amfortas von seinen Leiden befreit;

Gurnemanz, der Gralsritter und engste Vertraute von Amfortas und bester Freund von Titurel, der sehnsuchtsvoll auf den Erlöser wartet und die Errettung der Gralsgemeinschaft;

Amfortas, der siechende Gralskönig, der sich von Kundry verführen ließ, und dem von Klingsor der heilige Speer geraubt wurde und der von ihm mit eben diesem verwundet wurde;

Kundry, das geheimnisvolle Wesen, verdammt auf ewig zwischen den Welten zu wandeln, seitdem sie Jesus Christus am Kreuz verlachte und nun darauf hofft, von ihrem Fluch erlöst zu werden;

Klingsor, der gefallene Gralsritter, der sich, um seine Keuschheit zu bewahren, selbst entmannte und daraufhin von Titurel, Amfortas Vater, aus der Gralsgemeinschaft verstoßen wurde und nun auf Rache sinnt in seiner Zauberwelt;

Titurel (man hört nur seine Stimme), Amfortas Vater, der seinem Sohn die Krone des Gralskönigs übergab und nun darunter leidet, dass sein Sohn sich weigert, den heiligen Gral zu enthüllen.

Dieses monumentale Werk von Wagner in wenige Worte zu fassen ist unmöglich, und so können hier nur einige wenige Fakten wiedergegeben werden, zumal ich mich auf keinen Fall als eine ausgewiesene Kennerin von Wagners Musik bezeichnen kann.

Eines kann ich aber mit Bestimmtheit sagen, es ist mit Sicherheit eine tiefgreifende Erfahrung, sich einzulassen auf diese bewegende Reise und auf eine überwältigend und traumhaft schöne Musik, deren Macht sich niemand entziehen kann, wenn er sein Herz ganz weit öffnet.

Um das Verständnis für dieses komplexe Werk noch zu verstärken, gibt es einige Links im Beitrag zu finden, die den Weg weisen zu einigen Quellen im Internet und die meine Gedanken noch vertiefen und unterstreichen.

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