free web creation software

Beiträge 2017
Juli – Dezember

Le Nozze di Figaro
Eine Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper

München, 14.11.2017

Am 10. November gab es im Münchner Nationaltheater die vorerst letzte Vorstellung von Mozarts Oper über Liebe, Eifersucht und Abhängigkeiten Le Nozze di Figaro. Die einzelnen Rollen waren bis in die kleinste exzellent besetzt. Christian Gerhaher und Frederica Lombardi als Graf und Gräfin, Alex Esposito als Figaro und Olga Kulchynska als Susanna führten das hochkarätige Ensemble an. In weiteren Partien zu sehen waren Anne Sofie von Otter als Marcellina oder Anett Fritsch als Cherubino. 

Alle Sänger waren außerordentlich spielfreudig und füllten ihre Rollen mit Leben und Charakter. Gesanglich blieben keine Wünsche offen, jeder der Solisten war bestens bei Stimme und auch die Harmonie muss erwähnt werden. Besonders gut im Einklang waren die Stimmen von Federica Lombardi und Olga Kulchynska. Aber auch Christian Gerhaher und Alex Esposito begeisterten durch angenehm warme Klangfarben und kraftvolle tiefe Lagen. Und ganz besonders der deutsche Bariton Christian Gerhaher hatte offensichtlich einen großen Spaß daran, seine Rolle des Grafen auf der Bühne bis ins Detail zu gestalten. Das komödiantische Talent, ohne zu irgend einem Zeitpunkt albern zu sein oder zu übertreiben, konnte der sympathische Bayer in all seinen Facetten zeigen und erzeugte damit den einen oder anderen Lacher im Publikum. Alex Esposito in der Rolle des Figaro stand ihm in nichts nach und wusste ebenfalls auf ganzer Linie zu überzeugen. Federica Lombardi als betrogene Gräfin bot dem Publikum die berührenden Momente an diesem Abend, wunderschöne Arien und eine leichte Eleganz auf der Bühne. Mit ihrem klaren Sopran erfüllte die junge italienische Opernsängerin den ganzen Raum der Oper und bewies, warum sie zu den erfolgreichen Nachwuchssängern ihres Fachs gehört. 

Fotos: © Wilfried Hösl

Olga Kulchynska als Susanna überzeugte gesanglich und darstellerisch jederzeit und gehört für mich zu den Höhepunkten an diesem Abend. Die bildhübsche junge Ukrainerin hatte eine ausgesprochen angenehme warme Stimme und bezauberte durch ihre Darstellung das Publikum im Saal. 

Unbedingt erwähnt werden sollte noch Anett Fritsch als Cherubino; eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt. Die junge Sopranistin konnte genau diese „Problematik“ ganz großartig auf der Bühne umsetzen und gestaltete ihre Partie ausgesprochen leicht und intelligent. Dass sie in ihrer Partie zwei der schönsten Arien zu singen hatte, war eine große Freude, da sie diese mit einer großen Leichtigkeit und Virtuosität zum Besten gab. Die letzte der Frauenstimmen, die hier zu Sprache kommen soll, ist die von Ann Sofie von Otter. Die schwedische Mezzospranistin wusste mit einer guten Prise Ironie die Rolle der Marcellina zum Leben zu erwecken und bewies, dass sie nach wie vor zu den erfolgreichen und begehrten Sängerinnen ihres Fachs und ihrer Generation gehört. 

Christof Loys Inszenierung wusste zu überzeugen, die Personenführung war schön gestaltet, nachvollziehbar und authentisch. Die Problematik zwischen den Geschlechtern, die immer wiederkehrenden Themen von Liebe, Eifersucht, Vertrauen und die eigenen Ängste vor Verlust, Einsamkeit und dem unaufhaltsamen Prozess des Älterwerdens wurden gut nachvollziehbar auf die Bühne gebracht. Die Kostüme waren klassisch gestaltet und unterstrichen diese insgesamt leichte und elegante Inszenierung und die Charaktere der einzelnen Figuren. Das Bühnenbild war im Großen und Ganzen sehr reduziert und klassisch. Wer die Inszenierung nicht selbst gesehen hat, erhält einen Eindruck durch die offiziellen Bühnenfotos oder das Making-of-Video, das in diesen Beitrag mit eingebunden ist. Wer doch noch auf den Geschmack kommt, hat nächstes Jahr bei den Münchner Opernfestspielen Gelegenheit, diese Neuproduktion anzuschauen. Am 15. und 17. Juli gibt es zwei weitere Vorstellungen in identischer Besetzung zu sehen.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Dirigenten und dem Orchester der Bayerischen Staatsoper. Wie immer wusste dieses bereits mehrfach ausgezeichnete Orchester zu überzeugen, dieses Mal unter der musikalischen Leitung des griechischen Dirigenten Constantinos Carydis, der hier in München an der Hochschule für Musik und Theater studiert hat und 2011 mit dem Carlos-Kleiber- Preis der Bayerischer Staatsoper ausgezeichnet wurde. 

Am Ende gab es vom Münchner Publikum den hochverdienten Applaus für eine großartige Leistung und einen wunderbaren und unterhaltsamen Abend mit einer der bekanntesten Opern von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein bunter Strauss voll traumhaft schöner Melodien, Arien und Duette. Wem da nicht ein Lächeln ins Gesicht gezaubert wird und wer dabei nicht ins Schwärmen gerät, dem ist nicht mehr zu helfen…

LE NOZZE DI FIGARO: Trailer

Video-Magazin

Münchner Nationaltheater:
In hellem Licht erstrahlt

München, 04.11.2017

Am Abend des 2. November war es soweit. Gegen 19:15 Uhr ließen der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, der Vorstandsvorsitzende von Osram, Olaf Berlien, und Monsignore Dr. Siegfried Kneißl, Vorsitzender der Freunde des Nationaltheaters München e.V., eben dieses in neuem Licht erstrahlen. Passend dazu ertönte vom Balkon herab, gespielt von einigen Musikern des Bayerischen Staatsorchesters, der Triumphmarsch aus Aida. Stimmungsvoller hätte die musikalische Untermalung wohl kaum sein können. Von nun an wird das Nationaltheater, Sitz der Bayerischen Staatsoper und des Bayerischen Staatsballetts, jeden Abend hell am Max-Joseph-Platz erleuchtet sein und seine Schönheit auch bei Dunkelheit zur Geltung bringen. Die Leuchtmittel sind so versteckt, dass sie unsichtbar sind und nur das wunderbare Ergebnis zu sehen ist.

Fotos: © Wilfried Hösl
Möglich gemacht haben es die Freunde des Nationaltheaters, die sich schon seit dem Wiederaufbau nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg um die Pflege und Erhaltung dieser kostbaren kulturellen Institution kümmern, ebenso wie um die Nachwuchs- und Talentförderung. Die Freunde des Nationaltheaters sind ein privat eingetragener Verein, der sich ausschließlich über Spenden finanziert. Es besteht die Möglichkeit für jeden, der dem Verein seine Unterstützung zukommen zu lassen möchte, Mitglied zu werden oder eine einmalige Spende abzugeben. 
Ein Blick auf die Website lohnt sich wirklich und eine Unterstützung ist in jedem Fall eine lohnenswerte Angelegenheit. Wer Kunst, Kultur und die Musik liebt, der kann eigentlich gar nicht anders als die Freunde des Nationaltheaters München e.V. zu unterstützen. 
Die nächsten Projekte sind dann die Neugestaltung der Räume des Foyers an der Eingangshalle Nord, das vom Parkett links bis zum Eingang am Marstallplatz führt. Mit den Verschönerungsarbeiten soll in der kommenden Saison begonnen werden. 
Außerdem gibt es die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Verschönerung und Neugestaltung des Max-Joseph-Platzes, die schon lange überfällig ist, endlich durch die Stadt München in Angriff genommen wird. Für mich gehört dieser Ort mit dem Nationaltheater zu einem meiner liebsten Plätze in München, an dem ich schon viele wunderbare Stunden verbracht habe. Und viele schöne Momente werden folgen, auch noch in den letzten zwei Monaten diesen Jahres, und ich freue mich schon sehr darauf.  

Die Lieblingsopernmagazine für November und eine Zugabe

München, 03.11.2017

Wir haben mittlerweile Anfang November und es wird wieder einmal Zeit für die neuen Ausgaben meiner Lieblingsopernmagazine Oper! Das Magazin und Das Opernglas.

Anlässlich des gerade stattgefundenen Echo Klassik in der Elbphilharmonie in Hamburg möchte ich dieses Mal auch allen die aktuelle Ausgabe von Crescendo ans Herz legen. Dort gibt es unter anderem einen ausführlichen Teil zum Echo Klassik 2017 mit den Preisträgern dieser wunderbaren Auszeichnung. An Künstlern werden u.a. vorgestellt die Mezzosopransistin Cecilia Bartoli, die nicht nur das Cover von Crescendo ziert, sondern auch von Oper! Das Magazin, der peruanische Ausnahmesänger Juan Diego Florez, die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan oder die französische Cellistin Camille Thomas, die dieses Jahr ihren ersten Echo Klassik gewann. 

Die zwei anderen bereits bekannten Magazine bieten wie immer eine Menge an Opernkritiken, Interviews, Porträts, Fotostrecken, DVD- und CD-Empfehlungen sowie die entsprechenden Rezensionen dazu. Des weiteren sind wieder verschiedene Vorschauen nachzulesen, was erwartet den Opernliebhaber in den nächsten Wochen und Monaten und wo ist der Lieblingssänger/die Lieblingssängerin hautnah zu erleben. 

Mir macht das Lesen und Stöbern jedes Mal viel Freude, ich bekomme einen guten Eindruck von mir unbekannten Opern, neuen Inszenierungen, den Stars der Opernszene,, genauso wie von begabten Nachwuchskünstlern, und ich kann noch einmal nachempfinden, was ich selbst in einem bestimmten Opernhaus erlebt habe. Das ist bei mir dieses Jahr der Andrea Chénier im Frühjahr in München, der Otello am Royal Opera House im Sommer und natürlich der grandios besetzte Don Carlos im Oktober in Paris.

Also auf zum Zeitungskiosk, in die gut sortierte Buchhandlung oder in die Musik- und Klassik-Abteilung des Vertrauens. Ich wünsche allen wieder einmal viel Freude und Genuss bei dieser wunderbaren Lektüre. 

Hier sind die wohl bekannten Links zu den entsprechenden Webseiten der gerade besprochenen Magazine:

Die Verleihung des Echo Klassik 2017 in Hamburg:
Ein Abend für die Kunst der Musik

München, 31.10.2017

Am 29. Oktober wurde er wieder verliehen, der Echo Klassik. Dieses Jahr fand die Auszeichnung in der im Februar eröffneten Elbphilharmonie in Hamburg statt. Ein ausgesprochen würdiger und schöner Rahmen für die nach den Grammys höchste Auszeichnung im Klassikmusikbereich. Die Aufzeichnung konnte von 22 Uhr bis kurz nach Mitternacht im ZDF angeschaut und genossen werden. Die eigentliche Verleihung fand bereits einige Stunden vorher statt und umfasste außerdem  mehr großartige Künstler als im Fernsehen zu erleben war. Thomas Gottschalk im roten Samtanzug moderierte nicht das erste Mal diese erlesene Gala mit den besten Musikern und Sängern, die die Szene gerade zu bieten hat. Der Echo Klassik ehrt dabei nicht nur die bereits sehr erfolgreichen und bekannten Künstler, sondern ist genauso auch in der Förderung der Nachwuchskünstler aktiv. Das macht diesen Preis so begehrt und diese Veranstaltung so vielfältig, bunt und abwechslungsreich.

Am 29. Oktober wurden unter anderem Joyce Di Dinato als Sängerin des Jahres geehrt; nach einer sehr berührend gesungenen Arie aus Dido und Aeneas, bei der sie ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, hielt diese wunderbare Sängerin eine flammende kleine Dankesrede für die Musik, die Leidenschaft und den Frieden in der Welt. Danke dafür! Des weiteren wurden als Sänger des Jahres ausgezeichnet der deutsche Bariton Matthias Goerne und die beiden großartigen und begabten jungen Sopranistinnen Pretty Yende und Aida Garifulina. Besonders Pretty Yende bezauberte durch ihre Natürlichkeit und ihren Charme. Die Laudatio hielt gemeinsam für beide der Moderator des Abends, Thomas Gottschalk. Als Dank gab es einige Takte aus Leonard Bernsteins West Side Story und Tonight, Tonight, gemeinsam gesungen von den beiden jungen Künstlerinnen. 

Bereits zu Beginn war ein Sänger ausgezeichnet worden, der zur Zeit mit seinem Können und vor allem seiner Vielfalt eigentlich keine Konkurrenz zu befürchten hat, Jonas Kaufmann. Er erhielt am vergangenen Sonntag bereits seinen achten(!) Echo Klassik und insgesamt zum dritten Mal die Auszeichnung für den Bestseller des Jahres, dieses Mal für sein letztes Jahr im Oktober erschienenes Album Dolce Vita. Verkaufszahlen im sechsstelligen Bereich bescherten ihm nun diesen Preis. Die Laudatio hielt der deutsche Schauspieler Sebastian Koch, der unbestreitbar und nach eigenen Angaben ein großer Bewunderer des Opernsängers ist. Entsprechend begeistert fiel seine Rede aus und der sympathische Münchner war sichtlich gerührt von den Worten. Als Dank an seinen Laudator, das Publikum und seine treuen Fans gab es ein wunderschön gesungenes Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps? und eine wie meistens wortreiche und sehr charmante Dankesrede des Ausnahmesängers. Und wer es noch nicht mitbekommen hatte, erfuhr dann auch noch von dem geplanten Dolce Vita-Konzert, passend zur CD, das im Sommer nächsten Jahres auf der Berliner Waldbühne stattfinden wird. An der Stelle gibt es noch einmal meine Rezension zum ausgezeichneten Album des deutschen Startenors. Kleine Korrektur vorweg: die erwähnte DVD zum Album gibt es natürlich mittlerweile auf dem Markt und sie steht auch in meinem Regal. 

Des weiteren möchte ich die Auszeichnungen für folgende Künstler im Bereich Oper und Gesang erwähnen: Den Echo Klassik für die solistische Einspielung des Jahres Gesang/Arien und Duette hat die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa und die Operneinspielung des Jahres, Oper bis einschl. 17./18. Jh. für Le Nozze di Figaro unter der musikalischen Leitung von Yannik Nezet-Seguin. Als Solisten waren u.a. an dieser Aufnahme beteiligt: Luca Pisaroni, Christiane Karg, Sonya Yoncheva und Thomas Hampson. Zuletzt gab es noch einen Preis für ihr Lebenswerk und die 33-jährige andauernde Bühnenkarriere für die deutsche Sopranistin Brigitte Fassbänder. Sie nahm den Preis gerührt und mit einigen Dankesworten entgegen. Sie gehört zu den ganz großen Opernsängerinnen ihrer Generation, und auch wenn sie nicht mehr auf der Bühne steht und singt und spielt, so ist sie nach wie vor als Lehrerin und Regisseurin aktiv. Hier sei noch einmal die aktuelle Ausgabe von Crescendo erwähnt, in dem es ein ausführliches Porträt über die Künstlerin von Musikjournalist Thomas Voigt zu lesen gibt.

Das sind selbstverständlich nur ein paar kleine Eindrücke von der Preisverleihung am Sonntag des 29. Oktober in der Elbphilharmonie in Hamburg. Wer die Aufzeichnung im ZDF verpasst hat, kann diese in der Mediathek des Senders noch eine Zeit anschauen, diesen Musikgenuss nachholen und sich ein weiteres Mal zu Gemüte führen. 


Links für den Echo Klassik:

Der Link zur Mediathek des ZDF ist hier zu finden.

Einige Fotos und Videos zur Preisverleihung unterstützen die Eindrücke noch und machen viel Freude beim Anschauen: Fotos Echo Klassik


Videos:

Jonas Kaufmann⭐Backstage-Interview/Echo Klassik 2017

Von der Einsamkeit der Menschen:
Verdis Don Carlos am 25.10.2017 in Paris

München, 28.10.2017

In der Kino-Live-Übertragung am 19. Oktober gab es für viele Opernliebhaber die erste Begegnung mit dieser Neuproduktion unter der Regie von Krzysztof Warlikowski und der musikalischen Leitung von Philippe Jordan. Die Besetzung der ersten Solisten ist eine Versammlung von fünf der besten Opernsänger, die zur Zeit auf den Bühnen der Welt stehen: Jonas Kaufmann, Sonya Yoncheva, Elina Garanca, Ludovic Tézier und Ildar Abdrazakov. Diese fünf Künstler gemeinsam auf einer Bühne, das ist schon ein kleine Sensation. Und selbst, wenn man mit der Inszenierung nicht glücklich wäre, so bleibt doch ein Genuss, diese Stimmen zu hören und diese Sängerdarsteller, die sie alle sind, in dieser wunderschönen Oper von Verdi zu erleben.

Die Urfassung dieses Werks aus dem Jahre 1867 in französischer Sprache und von Verdi für die Grand Opéra geschrieben, ist das letzte Mal vor 20 Jahren in Paris zur Aufführung gekommen. Nun war es also wieder soweit, am 10. Oktober gab es die hochumjubelte Premiere, die letzte Vorstellung  ist am 11. November. 

Bevor ich zum Bericht über die Vorstellung am 25. Oktober komme, möchte ich noch ein paar Worte zur Kino-Übertragung sagen. Die intensivsten Momente erlebt man ganz sicher, wenn man im Opernhaus sitzt, unmittelbar die Musik und die daraus entstehenden Emotionen spürt und jederzeit den Blick dorthin wendet, wo man das Gefühl hat, hinschauen zu müssen. Einen Vorteil gibt es aber bei solch einer Kino- oder auch Fernsehübertragung: die Nahaufnahmen, die Close ups der Darsteller und Sänger, denen man so tief in ihre Seelen blickt. Je stärker nicht nur die sängerische Leistung, sondern auch die schauspielerische, umso eindrucksvoller wirken solche Bilder. Und so war es auch letzte Woche Donnerstag, als um 18 Uhr die Übertragung aus Paris begann. Die Nahaufnahmen vor allem von Jonas Kaufmann ermöglichten es dem Publikum zu Hause und im Kino, die unglaubliche Traurigkeit, den Schmerz, die Verzweiflung und die tief verwundete Seele von Don Carlos so unmittelbar mitzufühlen. Aber auch die anderen vier Topsolisten wussten diesen Vorteil für sich zu nutzen, um auf diese Weise ihre Charaktere noch eindringlicher darzustellen. Es gibt aber auch einen entscheidenden Nachteil, nicht direkt im Zuschauerraum eines Opernhauses zu sitzen. Die Entscheidung, wo ich hinschaue, wird mir im Kino oder Fernsehen abgenommen, man muss mit dem zufrieden sein, was die Regie einem vorgibt. Und so bevorzuge ich dann doch recht eindeutig das Erlebnis vor Ort und kann immer wieder nur feststellen, dass es am schönsten ist, diese Magie, den Zauber direkt im Opernhaus zu erleben. 

Es sei noch kurz erwähnt, dass es bis zum 18. März die Möglichkeit gibt, auf Arte Concert die Aufzeichnung vom 19. Oktober aus der Opéra Bastille immer wieder anzuschauen und zu genießen. Einige der von der Opéra national de Paris zur Verfügung gestellten Video-Ausschnitte sind im Beitrag zu finden, genauso wie das Making of und eine Auswahl der wirklich schönen offiziellen Bühnenfotos.

Alle Fotos: © Agathe Poupeney / OnP

Zur Inszenierung, die sicher auch einige weniger wohlwollende Bekundungen erzeugt hat, kann ich nur sagen, dass ich das Regie-Konzept für sehr stimmig und schlüssig halte. Ein wichtiger Punkt ist die Zeitlosigkeit, in der das Stück angelegt ist. Die politischen Geschehnisse, die Macht der Kirche, der Seelenschmerz und die Einsamkeit der Menschen sind keine Sache von damals, sie finden auch in unser heutigen Zeit statt, und wenn man sich ein wenig von einzelnen Worten und Phrasen entfernt, dann bleibt am Ende das Wesentliche übrig. Set und Kostüme unterstreichen die Zeitlosigkeit im Stück. Alles ist klar, das Bühnenbild reduziert und die Lichtgestaltung (hell, dunkel, Schatten) sowie die Videoprojektionen an der hinteren Wand betonen die Seelenzustände und die Begegnungen zwischen den Menschen sehr eindringlich.  

Die Gedanken des Regisseurs sind sehr gut nachvollziehbar, die psychologische Personenführung gibt dem Ganzen eine große Tiefe und zeigt schonungslos die Einsamkeit der Protagonisten auf, ihre seelischen aber auch körperlichen Wunden. Man denke an die Schnittwunden an Carlos' Handgelenken von seinem Selbstmordversuch oder an die Schusswunde, an der sein bester Freund Posa am Ende des vierten Aktes verstirbt. Seelische Wunden sind bei allen Figuren zu entdecken, sehr offen dargelegt wie bei dem Infanten oder bei Elisabeth der jungen Königin, Carlos' großer Liebe. Versteckter sind Schmerz und Einsamkeit zunächst bei Princesse Eboli und König Philippe, sie offenbaren sich erst viel später oder lassen diese Gefühle einfach nicht zu. Rodrigue, Marquis de Posa, ist die Figur, die am wenigsten zu durchschauen ist; offenbar verbindet ihn eine tiefe Freundschaft zu Carlos, möglicherweise auch mehr. 

Dieses mehr an Gefühlen ist in den Duetten und im Verhalten jederzeit zu spüren, wird aber niemals offen ausgesprochen. Sein Charakter ist möglicherweise der stärkste, er wirkt am wenigsten verletzbar, am stabilsten von allen Figuren. Aber vielleicht ist er nur in der Lage, seine Gefühle so zu verbergen, auch eine mögliche Liebe zum Infanten, um sich eben nicht verwundbar zu machen. Neben all diesen Einzelschicksalen spielt die Macht der Kirche mit ihrem enormen Einfluss auf die Menschen und auch die politischen Geschehnisse eine nicht unwichtige Rolle. So vermischt sich alles, Politik, Kirche, Macht, das ausgebeutete Volk und die Einzelschicksale der Figuren in Verdis Musikdrama. Ausgangspunkt und Auslöser für das gesamte Drama und den Verlauf der Ereignisse ist die kurze Begegnung und unerfüllte Liebe von Don Carlos und Elisabeth de Valois. Diese kommt in der Urfassung und in der fünfaktigen Version besonders eindrücklich zur Geltung. 

In der Neuproduktion von Krzysztof Warlikowski findet dieser erste Akt, der sogenannte Fontainebleau-Akt ausschließlich in der Erinnerung des jungen Thronfolgers statt. Der erste Auftritt ist dann auch geprägt von tiefer Verzweiflung und unerträglichem Schmerz des jungen Mannes. Ergreifend dargestellt vom Münchner Startenor Jonas Kaufmann. In einer zu kurzen Hose, einem viel zu weiten Tennispullover und blutigen Bandagen um beide Handgelenke betrat er weinend die Bühne, den Oberkörper nach vorne gebeugt und das Gesicht hinter den Hä nden verborgen. Carlos ist in dieser Neuinszenierung von Beginn an ein gebrochener Mensch. Er erlebt nach seinem gerade erst verübten Selbstmordversuch die erste zarte Begegnung mit Elisabeth und die brutale Trennung in Form von Flashbacks noch ein weiteres Mal. Die Erinnerungen an das kurze Glück der Liebe sind in dieser Oper die einzigen leichten und unbeschwerten Momente. Auch diese vermittelte der sympathische Sänger sehr authentisch und zauberte durch seine Darstellung des jungen, noch etwas unbeholfenen, schüchternen jungen Mannes den Zuschauern ein Lächeln auf das Gesicht. Don Carlos ist eine Figur, die kaum ein anderer Tenor so mit Leben füllt wie Jonas Kaufmann, und auch stimmlich ermöglicht sie dem Sänger seine unzähligen gesanglichen Stärken zu zeigen, so auch an diesem Abend. Zarteste leiseste Pianos, eine wunderbare Mittellage, die baritonale warme Klangfarbe, strahlende Höhen und kraftvolle dramatische Ausbrüche. Zu jeder Zeit, in der seine Stimme erklang, wirkte der Münchner Publikumsliebling sicher und in sich ruhend und gewann die Menschen binnen kurzer Zeit für sich durch seine ganz persönliche und einfühlsame Interpretation und seine wunderschöne und unverwechselbare Stimme. Die besonders starken Momente des deutschen Ausnahmesängers zeigen sich insbesondere in den leisen, traurigen und schmerzhaften Augenblicken des Menschen, den er verkörpert. Einblick ganz tief in die Seele seiner Figuren zu gewähren und zu einem gewissen Anteil auch in die eigene, das ist seine große Gabe und ein kostbares Zugeständnis an das Publikum. So auch in Paris in der Rolle des jungen spanischen Thronfolgers.

An seiner Seite im ersten Akt ist seine Kollegin Sonya Yoncheva. Sie vermag die junge Elisabeth und ihre überraschende Begegnung mit ihrem vermeintlich zukünftigen Ehemann ganz bezaubernd darzustellen. Leicht bewegte sie sich über die Bühne und ihr klarer, heller Sopran klang mühelos durch den Raum. Ausdrucksstark vermochte sie die starken Gefühle der jungen Frau mit ihrer Stimme den Zuschauern zugänglich zu machen und diese mit in ihre Welt zu nehmen. Das Seelenleben von Elisabeth wird in Krzysztof Warlikowskis Inszenierung auch durch der Farbe ihrer Kleidung vermittelt. In Carlos' Träumen ist sie in einem weißen Brautkleid zu sehen, im Verlauf trägt sie ausschließlich dunkle Kleidung. Diese Wandlung vollzieht sie zum Ende des ersten Aktes, wenn sie zur Rettung ihres Volkes der Vermählung mit König Philipp zustimmt. Ein ausgesprochen bewegender Augenblick. Sonya Yoncheva gelang es, die Zerrissenheit der jungen Königin zwischen der Liebe für den jungen Infanten und der Pflicht und dem Wunsch, ihrem Volk zu helfen, glaubhaft darzustellen. Nachdem die junge Königin ihr zartes „Oui“ gehaucht hat, bricht für die beiden jungen Menschen eine Welt zusammen und stürzt vor allem Carlos in einen tiefen Abgrund, aus dem er sich nicht wieder befreien kann. Was folgt, ist der erneute Wunsch des jungen Mannes, sich das Leben zu nehmen, um dem furchtbaren Schmerz zu entgehen. Jonas Kaufmann zeigte in der Szene Anfang des zweiten Aktes, wie stark er auch in den Momenten ist, in denen er nicht seine Stimme erhebt, sondern einfach nur durch seine ausdrucksstarke Darstellung die unerträglichen Qualen und die Verzweiflung seiner Figur transportiert. Einen gequälten Ausdruck auf dem Gesicht und von Weinkrämpfen geschüttelt, lag er auf dem Boden, wirkte wieder wie von Alpträumen verfolgt. Der Geist seines Großvaters hält ihn auf irgendeine Weise davon ab, seinem Wunsch zu folgen, und schickt ihn zurück in die grausame Wirklichkeit. Carlos erwacht aus seinen Wahnvorstellungen. Hier muss man nicht nur ein großes Kompliment für die Darstellung des Münchner Opernsängers machen, sondern auch für die Gestaltung des gesamten Bühnenbildes, mit Licht und Videoprojektionen, die den Übergang von Wahn und Traumwelt in die Realität klar und deutlich vermitteln. Zuvor noch im Halbdunkeln auf allen Vieren über den Boden krabbelnd, verschwinden plötzlich die Schatten, und die Gemächer des Prinzen erstrahlen in grellem Licht.  

Während der Infant zurück in die schonungslose Realität katapultiert wurde, bittet sein bester Freund und engster Vertrauter Rodrigue um Audienz. Ludovic Tézier betritt das erste Mal die Bühne und erfüllt den Raum mit seinem warmen Bariton. Die Stimme des französischen Opernsängers ist einfach unglaublich weich, schön und elegant, er gehört zu Recht zu den besten Verdi-Interpreten seines Stimmfachs. Optisch verjüngt, passen die beiden Freunde, die sie auch im wahren Leben sind, großartig zusammen. Die Duette, die gemeinsamen Szenen der beiden Sänger gehörten mit zu den Höhepunkten. Die Stimmen ergänzen sich wunderbar und das Spiel wirkt vertraut und echt. Während Rodrigue versucht, seinen Freund davon zu überzeugen, sich für Flandern einzusetzen, muss er feststellen, wie verzweifelt der junge Prinz ist, und versucht zu erfahren, was der Grund für Carlos' bittere Tränen ist. Entsetzt entdeckt er die Schnittwunden vom Selbstmordversuch seines Freundes und muss mit anhören, wie dieser ihm von seiner verbotenen Liebe zu Elisabeth erzählt. Das gemeinsame Duett der beiden Freunde bot den wunderbaren Abschluss dieser Szene.

Was folgte, war der erste Auftritt von Elina Garanca als Prinzessin Eboli, deren Arien und Duette nicht nur an diesem Abend zu den Höhepunkten gehörten. Die lettische Mezzosopranistin sang mit einer solchen Leichtigkeit, dass es eine wahre Freude war. Ihre Stimme ist geprägt von einer ungeheuren Virtuosität und ist in der Lage, eine große Bandbreite Höhen und Tiefen abzudecken. Und ihre Spielfreude und Bühnenpräsenz zogen das Publikum noch zusätzlich in ihren Bann. In ihrer Partie als Mätresse des Königs, die eine durchaus machtvolle Frau ist, zeigt sie die größte Wandlung auf. Von der Femme fatale bis zur verzweifelt Geächteten konnte sie die ganze Breite ihrer Darstellungskunst zum Ausdruck bringen. Sie erntete damit auch am Abend des 25. Oktober den größten Zwischenapplaus. Die Rolle der Princesse Eboli/Principessa Eboli dürfte sicher die nächsten Jahre einen festen Platz in ihrem Repertoire haben. 

Der fünfte in der Runde dieses außergewöhnlichen Solistenteams fehlt aber noch: der russische Bass Ildar Abdrazakov. Was der gerade erst 41-jährig gewordene Opernsänger in seiner Rolle als König Philippe auf die Bühne brachte, war wirklich beeindruckend; das bezieht sich sowohl auf die Stimme als auch auf die Darstellung seiner Figur. Und obwohl der König zumindest bei Verdi kein junger Mann mehr ist, um nicht zu sagen ein Greis, vermochte er diese Lebenserfahrung auf die Bühne zu transportieren. Und auch die Zerrissenheit zwischen seiner Freundschaft zum Marquis de Posa und der Abhängigkeit von der Macht der Kirche konnte er authentisch vermitteln. Der bewegendste Moment war aber sicher die Arie, in der der König beklagt, dass seine junge Frau ihn niemals geliebt hat und dass dieses auch nicht geschehen wird. Hier kommt die unendliche Einsamkeit des Königs zum Ausdruck. Ildar Abdrazakov vermochte genau diese Einsamkeit und Verzweiflung der Härte und Unnachgiebigkeit des Monarchen entgegenzustellen, darstellerisch und gesanglich authentisch auf der Bühne zu verkörpern. Sein warmer aber gewaltig und kraftvoll klingender Bass erfüllte mühelos den gesamten Raum der Oper und unterstrich eindrucksvoll die Klangqualität des russischen Opernsängers, der auch optisch eine attraktive und stattliche Erscheinung ist. 

Sehr berührend dargestellt war der Abschied von Carlos und Rodrigue und sein tragischer und brutaler Tod. Krzysztof Warlikowski meint es hier mit den Protagonisten ganz besonders grausam und schafft eine Atmosphäre, die eine unglaubliche Dramatik hatte. Während die verzweifelte Eboli ihre letzten Takte sang, wurde eine Art Käfig hereingefahren, in dem der Infant auf seine Hinrichtung wartete und bereits von der Welt Abschied genommen hatte. Sein bester Freund Rodrigue kommt ihn besuchen und offenbart ihm, dass er ihn retten wird, indem er sich für ihn opfert. Was im Kino schon sehr traurig war, verstärkte sich im Opernhaus noch um ein Vielfaches, und obwohl die Nahaufnahmen fehlten, büßte diese Szene nichts an Dramatik ein. Im Gegenteil, der Münchner Opernsänger und sein Kollege gestalteten diese Augenblicke des Abschieds noch viel stärker. Als Rodrigue seine letzten Worte an den gefangenen Freund richtete, bevor er starb, und der verzweifelte Carlos die Hände durch das Gitter seines Gefängnisses steckte, um den sterbenden Rodrigue zu erreichen, war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Am Ende lag der junge Infant zusammengekauert und weinend am Boden und so weit entfernt von ihm der tote Freund. Mit Beginn der Abschiedsszene und weiter bis zum Schluss brauchte es eine Menge Taschentücher, inklusive des sich anschließenden Lacrimosa. 

Den Abschluss dieses Abends boten die große Arie der Elisabeth, gesungen von Sonya Yoncheva, und das abschließende Duett von Carlos und Elisabeth. Hier durften Jonas Kaufmann und Sonya Yoncheva ein letztes Mal ihre wunderschönen Stimmen erklingen lassen und nahmen als die zwei tragisch Liebenden einen bewegenden Abschied von einander. 


In der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski sieht das Paar, dem verwehrt ist, seine Zeit gemeinsam zu verbringen, keinen anderen Ausweg, als für immer aus dieser Welt zu fliehen. Während die junge Königin sich mit Gift das Leben nimmt, sieht man am Ende Don Carlos am Boden kniend, wie er sich zitternd die Pistole an die Schläfe hält. Es ist offensichtlich, dass auch er sich dafür entschieden hat, nicht ohne seine große Liebe auf dieser Erde zurückzubleiben. Was tragisch begann, endet auch so, mit Schmerzen, Tränen und dem Abschied in eine andere Welt.

Nachdem ausführlich über die Sänger und die Regie geschrieben wurde, muss es nun unbedingt noch einige Worte zum wunderbaren Orchester der Opéra National de Paris unter der musikalischen Leitung von Maestro Philippe Jordan geben. Der führte seine Musiker mit großer Genauigkeit und großem Einfühlungsvermögen für dieses Werk und die Sänger auf der Bühne durch den Abend und sorgte dafür, dass auch das Orchester und die wunderbare Musik von Giuseppe Verdi eine eigene Hauptrolle erhielten. Die Wiener Staatsoper und das treue Opernpublikum können sich wirklich glücklich schätzen, wenn der sympathische Schweizer ab 2020 dort die musikalischen Geschicke lenken wird. 

Fehlt noch der Chor der Opéra national de Paris. Ich kann nur sagen, es war ein Genuss. Eine Verdi-Oper, bei der die Chöre in der Regel eine nicht unwesentliche Rolle spielen, braucht einen starken Chor mit einem entsprechend hohen Niveau. Genau dieses Niveau boten die Sänger und Sängerinnen unter der Leitung von Jose Luis Basso an diesem Abend. 

Was ist am Schluss zu sagen? Dieser Abend am Mittwoch, dem 25. Oktober, in der Opéra Bastille in Paris war ein musikalischer Hochgenuss und wird für immer in Erinnerung bleiben. So schnell wird es auch nicht wieder eine solche Anzahl an Ausnahmesängern zusammen auf der Bühne geben. Dazu ein erstklassiges Dirigat und eine bis ins Detail durchdachte und in allen Belangen nachvollziehbare Regie. Wer dabei sein durfte, kann sich wahrhaft glücklich schätzen und dankbar sein. Ein kleine Zugabe gab es übrigens noch im Anschluss an der Bühnentür. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit ließen sich dort alle fünf Hauptprotagonisten blicken. Kurz und größtenteils freundlich gab es Autogramme und Fotos von Jonas Kaufmann, Ludovic Tézier, Ildar Abdrazakov, Sonya Yoncheva und Elina Garanca. Ein wirklich schöner Abschluss für einen wunderschönen und unvergesslichen Abend. 

Ein wunderbares Trostpflaster für alle Daheimgebliebenen:
Der Don Carlos aus Paris live im Kino und zeitversetzt im Fernsehen

München, 13.10.2017

Hier noch einmal die Erinnerung an die Übertragung des Don Carlos am 19. Oktober aus der Opéra Bastille in Paris in der Neuinszenierung von Krzysztof Warlikowski und mit einer hochkarätigen Besetzung, von der man nur träumen kann. Wer nicht die Gelegenheit hat, selbst nach Paris zu reisen, oder kein Ticket ergattern konnte, kann so trotzdem in den Genuss dieses wunderbaren und ganz besonderen Opernerlebnisses kommen. Für diejenigen, die das Glück haben, beides genießen zu dürfen, bietet sich so ein doppelte Freude. Die Nahaufnahmen sind sicher das, was im Fernsehen und im Kino besonders fesselt und berührt. Den Darstellern so unmittelbar ins Gesicht zu blicken, ihre Emotionen zu spüren und ein Blick in ihre Seele zu erhaschen, kann ausgesprochen überwältigend sein. Je ausdrucksstärker die Mimik sich abzeichnet, um so tiefer ist auch unser Empfinden. Wir sehen, wie die Figuren die unterschiedlichsten Gefühle durchleben wie Freude, Trauer, Schmerz, Angst, Verzweiflung, Wut. Und je authentischer und tiefer die Darstellung der Sänger und Schauspieler ist, umso mehr berühren sie uns und schaffen eine Verbindung zu unseren Herzen. In der Oper wird das alles um so intensiver, da die Musik das, was wir sehen, noch um ein Vielfaches verstärkt. Für diese Übertragung aus Paris verspricht genau das große und ganz besondere Momente auf der Kinoleinwand und auf dem Fernsehbildschirm. Jonas Kaufmann, Ludovic Tezier, Sonya Yoncheva, Elina Garanca und Ildar Abrazakoz sind allesamt nicht nur großartige Sänger mit unverwechselbaren und ausdrucksstarken Stimmen, sondern ebenso außergewöhnliche Darsteller, die durch eine starke Bühnenpräsenz und authentische Interpretation zu überzeugen wissen. 

So wünsche ich allen, egal ob auf der Kinoleinwand oder ganz gemütlich zu Hause vor dem Fernseher, am 19. Oktober einen wunderschönen und unvergesslichen Abend. Für die unter uns, denen noch eine Reise nach Paris gegönnt ist, gibt es kaum eine bessere Vorbereitung. 

Hier sind für alle, die in München und Umgebung wohnen, noch einmal die notwendigen Links zum Mathäser (dort gibt es nach wie vor genügend Karten), zu Gloria Palast und Cinema München

In den beiden letztgenannten Kinos gibt es nur noch einige Restkarten. Sie haben ganz sicher den größten Komfort und eine besonders schöne und stilvolle Atmosphäre, insbesondere das Gloria am Stachus. Für mich ist das Cinema München in der Nymphenburger Straße am günstigsten gelegen, vor allem, weil die Übertragung dieser Oper mit fast fünf Stunden die Länge einer Wagner-Oper hat. Inklusive zweier Pausen und Schlussapplaus dürfte das Ende gegen 23 Uhr sein. Da ist es gut zu wissen, dass der Heimweg nicht weit ist und zudem unabhängig von den öffentlichen Verkehrsmitteln.  

Ach und natürlich läuft zu Hause parallel die Aufzeichnung im Fernsehen, um den Genuss bis zur Abfahrt nach Paris immer wieder neu zu erleben. Diese Variante ist natürlich auch eine denkbare und gute Alternative zum Kino. In diesem Fall muss man sein gemütliches Heim nicht verlassen, sondern kann alleine, mit einer guten Freundin oder der Familie dieses Erlebnis in vollen Zügen genießen. Möglicherweise mit einem guten Essen vorweg und einem guten Glas Wein in der Hand. 

 

Hier gibt es die ersten bebilderten Eindrücke:  operadeparis.fr   -   fomalhaut.over-blog.org

Sie unterstreichen sehr gut, was ich schon geschrieben habe, und vermitteln jetzt schon, wie intensiv und emotional diese Neuinszenierung des Don Carlos in Paris ist. Allein die unbewegten Bilder zeigen, was für eine dichte Atmosphäre Regisseur Krzysztof Warlikowski mit seinem Team und den Sängern auf der Bühne geschaffen hat. 

Ein Solistenteam der Extraklasse gibt sich die Ehre (Teil 2)

München, 12.10.2017

Im zweiten Teil der Vorstellung geht es weiter mit der Figur der Prinzessin Eboli, Mätresse König Philipps II. und eine innige Verehrerin von Don Carlos. Zum Leben erweckt wird sie in der Pariser Neuproduktion von der lettischen Sopranistin Elina Garanca, die außerdem noch ihr lang ersehntes Rollendebüt gibt. Auch die vierte im Bunde dieses wunderbaren Solistenteams ist eine Darstellerin, der man ihre Rollen ohne Zögern abnimmt, da auch sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Figur, die sie verkörpert, ganz genau zu analysieren, um sie so authentisch wie möglich auf die Bühne zu bringen. Elina Garanca hat eine überaus starke Bühnenpräsenz, befindet sich in ständiger Interaktion mit ihren Sängerkollegen. Gerade hat sie ihr Fach gewechselt, weg von den lyrischen Partien und den sogenannten Hosenrollen hin zum dramatischen Fach. Die Prinzessin Eboli in Verdis Musikdrama ist eine davon. 

Die Mätresse von König Philipp spielt ihr eigenes Spiel und hat sich durch diese Liaison eine nicht unerhebliche Machtposition geschaffen. Nach außen unterschätzt, schmiedet sie ihre eigenen Pläne. Doch auch sie hat einen Schwachpunkt, eine menschliche Schwäche: Sie liebt den jungen Infanten, begehrt ihn mit jeder Faser ihres Herzens, will ihn besitzen und von ihm geliebt und verehrt werden. Als der König sich dazu entscheidet, Elisabeth, die bis dahin dem Prinzen versprochen war, selbst zur Frau zu nehmen, sieht sie ihre Chance gekommen. Als sie feststellen muss, dass Carlos weiterhin die Königin liebt und an ihr kein Interesse hat, ist sie tief verletzt und sinnt auf Rache. Und als sie schließlich ihr Unrecht erkennt, sitzt der Infant bereits im Gefängnis und wartet auf seine Hinrichtung. Sie beschließt, ihn zu retten und so ihre eigenen Vergehen zu sühnen. Der Charakter der Principessa ist temperamentvoll, emotional und aufbrausend. Sie ist stark und weiß ihre Macht einzusetzen, aber am Ende ist auch sie alleine wie alle anderen.


Die fünfte und letzte Figur, die ich hier vorstellen möchte, ist die von König Philipp von Spanien, verkörpert an der Opéra Bastille vom russischen Bass Ildar Abdrazakov

Der Opernsänger ist wie Jonas Kaufmann, Ludovic Tézier, Sonya Yoncheva und Elina Garanca ein sehr ausdrucksstarker Darsteller mit einer eindrucksvollen Stimme. Auch er ist sehr detailliert in seiner Rolleninterpretation, lässt den Zuschauer glauben, nicht Ildar Abdrazakov stehe auf der Bühne, sondern die Person, die er verkörpert. Denken und Handeln werden authentisch vermittelt und bieten dem Zuschauer so ein dreidimensionales Bild der Figur. Die tiefgründige Darstellung des russischen Opernsängers ermöglicht am Ende Einblick in die Seele des Menschen, den er verkörpert und mit dem er sich im Laufe der Proben und des Rollenstudiums immer mehr verbunden hat. Seine Stimme ist kraftvoll und ausdrucksstark, seine Bühnenpräsenz fesselnd und mitreißend. 

Er verkörpert den König von Spanien, Vater von Don Carlos und Ehemann von Elisabeth de Valois. Ein kleines Schmunzeln kommt auf, wenn man sich die Tatsache vor Augen führt, dass Ildar Abdrazakov und Jonas Kaufmann Vater und Sohn verkörpern, den russischen Bassbariton und den Münchner Tenor ein Altersunterschied von sieben Jahren trennt – der jüngere von beiden ist Ildar Abdrazakov. Um dieses kleine Problem zu beseitigen und das Verwandschaftsverhältnis glaubwürdig zu vermitteln, musste der russische Opernsänger etliche Jahre altern. Im Gegenzug wurde Jonas Kaufmann einer deutlichen Verjüngungskur unterzogen.

Zurück zu Philipp II. und seiner Person. Seiner Macht und der allgegenwärtigen Macht ordnet er alles unter. So trifft er auch die kurzfristige Entscheidung, Elisabeth de Valois zu seiner Frau zu nehmen. Dass er dadurch ihr Glück und das seines Sohnes zerstört, ist ein Kollateralschaden, den er in Kauf nimmt. Mit seinem Sohn verbindet ihn weder Liebe noch Freundschaft. Er achtet ihn nicht, hält ihn für schwach und unfähig, irgendwann die Staatsgeschäfte zu leiten. Nach und nach beginnt das Band zu reißen, bis er es am Ende durch sein Handeln vollkommen zerstört. Die schlimmsten Taten bleiben die Heirat mit Elisabeth, Carlos großer Liebe, und die Ermordung von Rodrigo Marquis de Posa. Er war nicht nur der beste Freund seines Sohnes, sondern auch der einzige Vertraute, den Philipp selbst in seiner Nähe hatte. Ihn hat er bewundert für seine Haltung und gleichzeitig seine Courage gefürchtet. Am Ende ordnet er sich in allen Bereichen seines Lebens der katholischen Kirche unter und opfert den engsten Berater und seinen eigenen Sohn. Elisabeth hat er sich zwar zur Frau genommen, geliebt wurde er dafür nicht. Ihr Herz gehört für alle Zeit Don Carlos, für Philipp bleibt weder Liebe noch Zuneigung, nur die Akzeptanz des erwählten Schicksals. Am Ende ist der König ein einsamer, alter Mann, dem all seine Macht und seine Härte auch gegen sich selbst letztlich sein eigenes Lebensglück verwehrt. 


Am Ende sind alle Figuren in Verdis Oper alleine, werden getötet oder verlassen auf irgendeine andere Weise diese Welt. Was am Ende bleibt ist Tod, Verlust, Trauer, tiefer Schmerz und eine unglaubliche Einsamkeit. 

Dieses Werk ist erfüllt von unendlich vielen und schönen Melodien, die genau diese Tragik der Figuren, ihre Schicksale und Tragödien wiedergeben. Die Oper ist, so wird immer wieder gesagt, ein sehr komplexes Werk, nicht nur im Hinblick auf die Handlungsstränge und die Beziehungen der Menschen in diesem Drama. Die Menschen, ihr Denken und Handeln oder Nicht-Handeln und die Konsequenzen daraus stehen im Mittelpunkt. Und über allem schwebt die unheilvolle, alles bestimmende Macht der katholischen Kirche, die alles lenkt. Daraus entsteht eine intensive und kraftvolle Musik, die von Beginn an mitreißt und berührt. 

Bevor ich abschließend noch zum Dirigenten dieser Neuproduktion komme, sei nochmal erwähnt, dass die Besetzung nach dem 28. Oktober zum Teil wechselt. Dann übernimmt die Partie des Don Carlos der tschechische Tenor Pavel Cernoch, die Rolle von Elisabeth de Valois wird verkörpert von der abchasisch-russischen Sopranistin Hibla Gerzmava und als Prinzessin Eboli ist die russische Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova zu erleben. Erhalten bleiben dem Solistenteam u.a. Ludovic Tézier als Rodrigo Marquis de Posa und Ildar Abdrazakov als König Philipp von Spanien. Auch diese Besetzung verspricht selbstverständlich hochkarätige Opernabende, und wenn ich in Paris leben würde, dann stände ein Besuch einer dieser Vorstellungen ganz sicher auch auf meinem Programm. 


Philipp Jordan ist seit 2008 Musikdirektor der Opéra national de Paris, 2020 wechselt er an die Wiener Staatsoper. Seit der Saison 2014/15 hat er auch die Position des Chefdirigenten bei den Wiener Symphonikern inne. Der Schweizer Dirigent, der am 18. Oktober seinen 43. Geburtstag feiert, gehört schon seit Jahren unangefochten zur Weltspitze in seinem Fach. Was er über Verdis Oper Don Carlos denkt und wie er sich dieses Werk musikalisch erarbeitet, ist unter anderem auf der Website der Opéra national de Paris zu erleben.

Da ich noch nicht das Glück hatte, Philipp Jordan persönlich am Dirigentenpult zu erleben, kann ich mir keine eigene Meinung erlauben, aber das, was ich über ihn gelesen habe, lässt nur den Schluss zu, dass dieser Musiker sich auf eine ausgesprochen intelligente und enorm differenzierte Herangehensweise ein unbekanntes Werk erarbeitet oder auch eine neue Produktion musikalisch umsetzt. Philipp Jordan wird nicht nur von den Sängern und Musikern geschätzt, sondern auch in hohem Maße vom Publikum. Er ist trotz seiner vielen Erfolge auf dem Boden geblieben und die Liebe zur Musik ist nach wie vor sein Antrieb in dem, was er tut. Ich freue mich darauf, Philipp Jordan endlich einmal in Aktion zu erleben und zu spüren, welche Wirkung er am Ende des Abends im Opernhaus hinterlässt. Ich bin überzeugt, dass es eine überaus positive Energie sein wird. 


Nun ist es Zeit, mit der Vorbereitung aufzuhören und sich zu freuen auf die neue und ganz besondere Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper Don Carlos an der Opéra Bastille in Paris, in der Regie von Krzysztof Warlikowski, unter der Leitung von Philipp Jordan und mit einem wunderbaren Team hochkarätiger Sänger und Darsteller auf der Bühne.

Lassen wir uns überraschen, mitreißen und mitnehmen in eine andere Welt. Und dann sollte er wieder einmal zu spüren sein, der Zauber der Oper. 

Ein Solistenteam der Extraklasse gibt sich die Ehre (Teil 1)

München, 11.10.2017

Es wird Zeit, sich jetzt noch ein wenig näher mit den den Hauptfiguren in Verdis Musikdrama zu beschäftigen und ihren Darstellern in der Neuinszenierung von Krysztof Warlikowski im Herbst diesen Jahres an der Opéra Bastille in Paris. Und ich möchte noch den Mann vorstellen, der die musikalische Leitung bei dieser ganz besonderen Neuproduktion innehat: Philipp Jordan, den Musikdirektor der Opéra national de Paris. 

Aber beginnen wir mit der Titelpartie und dem Künstler, der die Figur des Don Carlos für die ersten sieben Vorstellungen inne hat: Jonas Kaufmann, einer der erfolgreichsten und vielseitigsten Opernsänger und Tenöre der Welt. Für den sympathischen Münchner ist die Rolle des jungen Infanten ganz sicher eine Partie, die ihm auf den Leib geschrieben ist und die er mit besonders großer Leidenschaft ausfüllt und verkörpert. Vermutlich auch, weil ihn die gebrochenen Charaktere weitaus mehr interessieren als die strahlenden Helden. Bei ihm steht der Mensch im Vordergrund mit all seinen Facetten. Seine Figuren berühren, habe eine unglaubliche Tiefe, sind niemals eindimensional und immer ganz authentisch in ihrer Darstellung. Seine Rollenprofile sind detailliert ausgearbeitet, der Hintergrund ganz genau ausgeleuchtet und recherchiert. Jonas Kaufmann hat die außergewöhnliche Gabe, seine eigene Person mit dem Menschen zu verbinden, den er auf der Bühne verkörpert, und ihn sich überzuziehen wie eine zweite Haut. In Verbindung mit seiner wunderbaren und ausdrucksstarken Stimme kreiert er jedes Mal eine besonders dichte Atmosphäre, die jeden Besucher im Auditorium mitnimmt in die Seelenwelt seiner Figur. Eine bemerkenswerte Beobachtung sei noch gestattet: Der Münchner Opernsänger ist wirklich jede Sekunde präsent, Gestik, Mimik bleiben intensiv und auch die Interaktion mit den Kollegen ist jederzeit sichtbar und zu spüren. Ob er nun gerade singt oder nicht.


Die Titelpartie: Don Carlos, Infant von Spanien, Sohn von König Philipp II. von Spanien, hat ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Vater, der ihn kaum respektiert oder achtet. Als König Philipp sich entscheidet, die Frau zur Königin zu machen, die Carlos liebt, zerbricht dieser fast daran. Als er ansehen muss, wie Elisabeth sich und ihre gemeinsame Liebe für den Frieden und das geschundene Volk opfert, stürzt das den jungen Mann in einen tiefen Abgrund, aus dem nur sein engster Freund und Vertrauter Rodrigo de Posa ihn retten kann, indem er ihn für den Kampf Flanderns aufrüttelt. Carlos könnte etwas Gutes tun und gleichzeitig den Ort verlassen, der ihn so quälend an das erinnert, was er niemals haben wird. Leider nimmt dieser Plan ein schreckliches Ende. Als Carlos von König Philipp einfordert, er möge ihm doch Flandern überlassen, wird er von seinem Vater verhöhnt, verhaftet und ins Gefängnis geworfen, wo er verzweifelt miterleben muss, wie sein bester Freund durch den Mordauftrag des Königs schwer verwundet wird und schließlich in seinen Armen stirbt. So erleidet Carlos einen weiteren schweren Verlust, und die letzte Brücke zu seinem Vater, wenn es sie noch gab, ist für immer zerstört. Am Schluss der Handlung verlässt der junge Mann, nach einem schmerzlichen letzten Lebewohl von Elisabeth, sein Heimatland für immer. Wenn da nicht die heilige Inquisition noch ein Wort mitzureden hätte. Soweit ich gelesen habe, gibt es einige Varianten in Verdis Schaffensgeschichte. Carlos wird vom Geist seines Großvaters aus der irdischen Welt gerettet, der Inquisition zugeführt, begeht Selbstmord oder wird im Kampf getötet. Ein Happyend gibt es also in keinem Fall für den Sohn des Königs. Was am Ende bleibt, sind ein kurzer Augenblick des Glücks am Anfang, ein kleiner Hoffnungsschimmer zwischendurch und ansonsten nur Schmerz, Verzweiflung, Trauer und Hoffnungslosigkeit. Das Wort, das Verdis Don Carlos wohl am besten beschreibt, ist für mich Zerbrechlichkeit, eine zerbrechliche Seele, die mit der brutalen Realität nicht zurechtkommt, weil er nicht in der Lage ist, sie zu ertragen. 


Weiter geht es mit der für mich stärksten Figur in diesem Musikdrama, die aber nicht immer vollständig zu durchschauen ist: Rodrigo Marquis de Posa. Carlos engster Freund und Vertrauter, ein Kämpfer für Gerechtigkeit und die Freiheit des Volkes, aber auch ein enger Berater des Königs. Hier in Paris übernimmt diese Partie der französische Bariton Ludovic Tézier. Er ist nicht nur im wahren Leben ein guter Freund und langjähriger Wegbegleiter von Jonas Kaufmann, sondern auch ein wunderbarer Sänger und leidenschaftlicher Darsteller auf der Bühne. Sein warmer und ausdrucksstarker Bariton ist in den Opernhäusern der ganzen Welt zu hören und im Verdi-Fach ist er einer der stärksten Interpreten. Beste Voraussetzungen also für den sympathischen Künstler, zusammen mit seinem Münchner Freund zu zeigen, was es heißt, die Magie der Oper auf die Bühne zu bringen. Genau wie für Jonas Kaufmann ist es auch für den französischen Bariton kein Rollendebüt und somit ist ihm die Figur, die er verkörpert, sehr vertraut. Diese Vertrautheit mit der Rolle ist dann auch in seiner Darstellung zu spüren. Ludovic Tézier ist ebenfalls ein Künstler, der sich intensiv mit seiner Rolle beschäftigt, um sie so authentisch wie möglich verkörpern zu können. Nicht nur die Stimme, sondern auch Gestik und Mimik sind ausgesprochen realistisch und tragen zu der Verwandlung bei, die dadurch noch glaubwürdiger vermittelt wird. 

Rodrigo fühlt sich Carlos sicher tief verbunden, ich würde sagen, er liebt ihn auf seine Weise. Er ist aber auch ein Kämpfer mit großen Zielen und Idealen. Für diese Ziele und Ideale setzt er auch durchaus seine Freundschaft zu Carlos ein, dessen Schmerz und Verzweiflung und den Wunsch, den Ort seiner Qual zu verlassen. Er will seinem Freund helfen, ihn trösten und gleichzeitig verfolgt er das hohe Ziel, Flandern seine Freiheit zurückzugeben. Der Marquis ist auch ein enger Berater des Königs, versucht ihn auf bessere Wege zu lenken; er ist sein Gewissen und sein Vertrauter, der einzige, den der König in seinem Leben hat. Er bewundert und fürchtet Rodrigo gleichfalls. Am Ende ist Rodrigo de Posa der einzige in der Handlung, der sich bestimmte Ziele gesetzt, einen Plan im Leben hat. Und er ist bereit, dafür fast alles zu opfern, einschließlich seines eigenen Lebens. Er ist ein Kämpfer und ein Idealist, übernimmt Verantwortung im Leben, ordnet seinem Freiheitskampf alles andere unter. Er ist Freund, Vertrauter und Berater. Auf sein eigenes Glück verzichtet er, der Kampf für die Freiheit ist das, was ihn erfüllt. Und so stirbt er am Ende in den Armen seines Freundes in dem Wissen, dass er ihm seine Mission übertragen hat. 

Verdi mochte die Figur des Marquis eigentlich nicht wirklich und wollte ihn am liebsten komplett streichen, weil er der Meinung war, dass diese die Handlung nur aufhalte. Aufgrund einiger Empfehlungen entschloss sich Verdi dann doch, seine Entscheidung rückgängig zu machen und die Figur des Rodrigo de Posa in der Handlung zu belassen. Am Ende konnte er ihn für einige psychologische Studien nutzen. 

Noch ein paar Worte zu der Beziehung von Don Carlos, Infant von Spanien, und Marquis Rodrigo de Posa. Die Begegnungen zwischen den beiden Freunden sind besonders emotional, fast zärtlich, liebevoll. Ich möchte noch abschließend zu den beiden Figuren den Autor von Verdi - Eine Biographie zitieren. Joachim Campe schreibt: „Carlos und den Marquis verbindet eine sublime, erotische Zärtlichkeit – das zeigt schon ihr Duett im zweiten Akt, das zwar marschartigen Charakter hat, in dem sich aber auch die Terzenparallelen von Donizettis Liebesduetten finden. Und als Posa am Ende des vierten Aktes von einem Mörder getötet wird, den der König geschickt hat, darf er ähnlich zärtlich von Carlos Abschied nehmen wie der sterbende Riccardo von Amalia.“


Die nächste Partie ist die der Elisabeth de Valois, dargestellt in Krysztof Warlikowskis Neuproduktion von der bulgarischen Sopranistin Sonya Yoncheva.

Die junge, erfolgreiche Opernsängerin ist wie ihre anderen Kollegen auf der Bühne ein Mensch, der sich konsequent und intensiv auf neue Rollen und neue Produktionen vorbereitet, um so sicherzustellen, die Person, die sie verkörpert, so glaubwürdig wie möglich darzustellen. Temperamentvoll agiert sie auf der Bühne, ist berührend und mitreißend. Und ausdrucksstark ist ihr Gesang, ihre wunderbare Stimme. Als Elisabeth hat sie für mich eine der schönsten Arien in dieser Oper zu singen, wenn sie im fünften Akt Abschied nimmt von ihrer Jugend und ihren Träumen von Liebe und Glück. 

Elisabeth de Valois, Tochter des Königs von Frankreich, Königin von Spanien, Ehefrau von Philipp II. und die große Liebe von Don Carlos, Infant von Spanien. Bevor sie die Ehefrau des spanischen Königs wurde, war sie seinem Sohn Carlos versprochen und verliebte sich von der ersten Begegnung an unsterblich in ihn. Einige kurze Momente waren den beiden Liebenden beschieden, dann zerstörte ein Augenblick, eine Entscheidung dieses Glück für immer. Als Elisabeth aufgefordert wird, die Ehe mit König Philipp einzugehen, zögert sie, antwortet aber mit einem zarten Ja, als ihr eigenes Volk sie um Rettung anfleht. So opfert sie ihr größtes Glück und ihre Liebe und zerstört damit nicht nur ihr eigenes Leben. Im Gegenteil zu Carlos fügt sie sich aber in ihr Schicksal und weiß, dass dieses der einzige Weg für sie war zu handeln. So übernimmt auch sie Verantwortung in ihrem Leben. Sie nimmt ihr Los an, auch wenn es ihr viele Tränen und unendlichen Schmerz bereitet, insbesondere wenn sie mit ansehen muss, wie sehr der junge Infant leidet und an dem Verlust ihrer Liebe fast zerbricht. Als Carlos sie in seiner Hilflosigkeit als berechnend und kalt bezeichnet, ist sie tief verletzt. Sie hat eine Entscheidung getroffen, weil es für sie keine andere Lösung gab, aber sie ist kein herzloser Mensch. Sie liebt Carlos, und wenn sie könnte, würde sie ihr Leben mit ihm teilen, aber helfen kann sie ihm nicht. Sie hat ihre eigenen Gefühle tief im Herzen begraben, um sich selbst zu schützen und die bestehende Situation zu ertragen. Bleibt die Frage: Hegt sie einen Hass oder Groll gegen ihren Ehemann? Ich glaube das nicht, denn die Entscheidung hat sie letztendlich selbst getroffen oder auch das Schicksal. Die Umstände haben ihren Entschluss gelenkt und beeinflusst. Lieben tut sie ihn sicher nicht, denn ihr Herz gehört für alle Ewigkeit einem bestimmten Menschen. Ihre und Carlos Seele werden für immer miteinander verbunden sein. Was bleibt, ist auch für sie eine große Einsamkeit und Leere, die wahrscheinlich niemals gefüllt werden wird...

Die Neuinszenierung von Verdis Don Carlos an der Opéra national de Paris

München, 07.10.2017

Am 10. Oktober 2017 ist die Premiere der Neuinszenierung von Verdis Don Carlos an der Opéra Bastille in Paris. Diese Neuproduktion ist etwas ganz Besonderes und das nicht nur wegen der außergewöhnlichen Besetzung der fünf Hauptprotagonisten. An Verdis Geburtstag kommt die allererste Fassung seines Werks zu Aufführung, in Originallänge, in der Urfassung und in französischer Sprache. Ein außergewöhnliches Regieprojekt, das schon jetzt für das Jahr 2019 zur Aufführung in Verdis Heimatland angedacht ist.

Inszenieren wird dieses Musikdrama der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski, das Bühnenbild stammt von Malgorzata Szczesniak, einer sehr erfahrenen Bühnenbildnerin, die mit dem Don Carlos bereits ihre fünfte Produktion an der Opéra national de Paris betreut und die eine lange Zusammenarbeit mit dem Regisseur verbindet. Zusätzlich hat sie u.a. Psychologie und klinische Psychologie studiert, die sicher in vielfältiger Weise in ihre Bühnenarbeit mit einfließt. Mehr nachzulesen über eine beeindruckende Frau und Künstlerin ist auf ihrer Website auf der Seite der Opéra national de Paris. Dort ist ein ausführliches Interview zu finden, in dem Malgorzata Szczesniak über ihr Konzept für die Inszenierung von Verdis Musikdrama Auskunft gibt. Ebenfalls dort zu finden sind ein Interview mit Krzysztof Warlikowski und dem Musikdirektor der Pariser Oper Philipp Jordan, der die musikalische Leitung bei dieser Neuproduktion inne hat. Zusätzlich dort anzuschauen sind einige Probenfotos, die einen ersten Eindruck des Regiekonzepts vermitteln. Insgesamt muss man sagen, versteht es die Pariser Oper, die Spannung hochzuhalten und nicht zu viel preiszugeben vor der Premiere am 10. Oktober. Die weiteren Aufführungstermine sind der 13., 16., 19., 22., 25. und 28. Oktober. Wie vermutlich bekannt ist, gibt es am 19.10. die Live-Übertragung aus Paris im Kino und gleichzeitig zeitversetzt auf arte. So haben noch mehr Menschen die Gelegenheit, diese besondere Neuinszenierung in einer außergewöhnlichen Besetzung zu erleben.

Die Riege der Solisten wird angeführt von einem der zur Zeit erfolgreichsten und vielseitigsten Sänger seines Fachs, dem Münchner Opernsänger Jonas Kaufmann, der die Titelpartie im ersten Abschnitt dieser Neuinszenierung übernimmt. Mit ihm auf der Bühne als Marquis de Posa ist ein guter Freund des Tenors und einer der zur Zeit besten Baritone des Verdifachs, der Franzose Ludovic Tézier. Als Elisabeth de Valois zu erleben ist die wunderbare bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva. Die letzten beiden Hauptprotagonisten werden von zwei weiteren sehr erfolgreichen Opernstars verkörpert: Ildar Abdrazakov, russischer Bassbariton, ist in der Rolle von König Philipp zu erleben und die lettische Mezzosopranistin Elīna Garanča gibt ihr Rollendebüt als Principessa Eboli.

In den Vorstellungen nach dem 28. Oktober ändert sich die Besetzung zum Teil, insbesondere die Titelpartie und die zwei Frauenrollen erhalten andere Gesichter. Die geänderte Besetzung ist auf der Website der Pariser Oper nachzulesen. Eines haben aber alle gemein, es sind allesamt wahre Sängerdarsteller auf der Opernbühne. Die Gelegenheit, diese Ausdruckskraft auch in Form von Close ups im Kino zu präsentieren, bleibt den Künstlern der ersten Runde um Jonas Kaufmann vorbehalten, genau wie die zeitversetzte Übertragung im Fernsehen.

Gerade bei der intimen psychologischen Vorgehensweise des Regieteams in Paris und diesen Künstlern auf der Bühne dürfte die Übertragung im Kino und im Fernsehen ganz besonders spannend werden. Insbesondere die Nahaufnahmen versprechen intensive und fesselnde Momente auf der Kino-Leinwand und dem Fernsehbildschirm.

Wer dann noch das Glück hat, dieses Erlebnis und die Kraft von Musik und Darstellung mindestens einmal direkt im Opernhaus zu erleben, kann sich glücklich schätzen. Ich bin schon gespannt, wie es mir damit am 25. Oktober in Frankreichs Hauptstadt gehen wird. 

Im nächsten Beitrag befasse ich mich noch ein wenig mehr mit den fünf Hauptdarstellern, dem Dirigenten und dem Regieteam sowie ihrer persönlichen Herangehensweise an den Opernstoff, an die Musik und die Erarbeitung der unterschiedlichen Rollenprofile. Welche Erfahrungen haben Jonas Kaufmann, Ludovic Tézier, Sonya Yoncheva, Elīna Garanča und Ildar Abdrazakov mit den Charakteren, die sie bei der Neuproduktion des Don Carlos in Paris verkörpern, bereits gemacht, was verbindet sie mit den Menschen, die sie auf der Opernbühne darstellen und wie nah kommen sie ihrem Alter Ego. Wie stark und intensiv ist die Verbindung zwischen dem Sänger auf der Bühne und der darzustellenden Figur?

Es bleibt in jedem Fall eine ausgesprochen spannende Vorbereitung und noch mehr werden es ganz sicher sieben aufregende und emotionale Vorstellungen in der Opéra Bastille und den Kinos und Wohnzimmern in Europa und der Welt. 

Weitere Links:

L’Ora Fatale

Interview with Philippe Jordan

The Irreplaceable Malgorzata

Podcast Don Carlos

Don Carlos – Schillers Trauerspiel und Verdis Musikdrama

München, 06.10.2017

Die Entstehungsgeschichte von Verdis im Jahre 1867 uraufgeführter Oper Don Carlo(s), nach dem gleichnamigen Trauerspiel von Friedrich Schiller, zieht sich über circa zwanzig Jahre hin und es gibt nicht weniger als sieben Fassungen. Die Urfassung stammt wie oben erwähnt aus dem Jahre 1867, der genaue Tag der ersten Aufführung war der 11. März, Ort der Uraufführung in französischer Sprache war das Théâtre Impérial in Paris. Das Libretto stammt von Joseph Mercy und Camille du Locle. Die Dauer der Urfassung betrug fast fünf Stunden und musste schon damals von Verdi gekürzt werden. Weiteres zu den unterschiedlichen Fassungen ein wenig später. 

Dieses Werk war Teil eines Vertrages, den der italienische Komponist am 30. August 1865 mit seinem Auftraggeber unterzeichnete, dem französischen Musikverleger, Herausgeber verschiedener Musikzeitschriften und ab 1876 Direktor des Théâtre-Italien, Leon Escudier (1821-1881). Der Auftrag: Ein neues Werk für die Grand Opera, das während der Weltausstellung 1867 uraufgeführt werden sollte. Die Arbeit an dieser Oper ist für Verdi alles andere als einfach in Anbetracht der politischen Unruhen, die sein Heimatland erschüttern; Italiens Teilnahme am österreichisch-französischen Krieg und der Verlust Venetiens an Frankreich nehmen den Komponisten so sehr mit, dass er sich außerstande sieht, dieses Auftragswerk weiter fortzuführen. Er startet einen Versuch, den geschlossenen Vertrag zu annulieren, scheitert aber mit diesem Vorhaben. Und so sieht er sich gezwungen zurückzukehren und schweren Herzens den Auftrag auszuführen. Verdi ist furchtbar niedergeschlagen und muss auch noch den Verlust seines Vaters ertragen, der nur knapp zwei Monate vor der Uraufführung stirbt. Aufgrund seiner Verpflichtungen hat der Komponist noch nicht einmal die Chance, zur Beerdigung seines Vaters zu reisen. Für Verdi wird die Zeit in Paris zu einer einzigen Qual und seelischen Strapaze. 

Von all diesen Gefühlen spiegelt sich eine Menge in seinem Don Carlos wider und macht die Musik darum auch so intensiv und aufwühlend. Wie meistens geht es Verdi weniger um die genaue historische Darstellung der geschichtlichen Ereignisse, sondern vielmehr um die menschlichen Dramen der unterschiedlichen Protagonisten und ihre Verwicklung miteinander. Es geht um politische Machtkämpfe und Intrigen, den Missbrauch, den Politik und Religion zur Folge haben können, und die Zerstörung von Existenzen. Er zeigt auch oder gerade in der Vertonung von Schillers Drama, wie alleine der Einzelne ist und wie hilflos, wenn er nicht gestützt und von der Gesellschaft aufgefangen wird. Diese Oper hat unglaublich viele dramatische Momente und sie erzählt von der ungeheuren Einsamkeit der Menschen. Am Ende bleibt ein fader Geschmack zurück und wenig Hoffnung auf eine schnelle Besserung der Situation. Niemand kann seinem Schicksal entkommen. Die Handlungsstränge und die Verbindungen der Figuren zueinander sind reichhaltig und zum Teil sehr verworren. Die Politik und die ungeheure Macht der Kirche lassen eine Individualität nicht zu und diktieren gnadenlos die Wege, auch wenn Liebe, Glück und Frieden dadurch chancenlos sind. Im Endeffekt ist diese Oper von Verdi ein Kammerspiel um menschliche Schicksale und Dramen. 

Ort der Handlung sind Frankreich (im ersten Akt) und Spanien in der Folge um 1560. Don Carlos, Infant von Spanien, und Elisabeth de Valois, Tochter Heinrichs des II. von Frankreich, sind einander versprochen und verlieben sich kopfüber ineinander; aus Gründen der Staatsräson beschließt Philipp der II., König von Spanien und Vater von Don Carlos, Elisabeth selbst zur Frau zu nehmen. Und Elisabeth, die ihr eigenes Volk vor Krieg, Hunger und Tod retten will, stimmt der Vermählung zu. Sie opfert ihr ganzes eigenes Glück und stürzt mit dieser Entscheidung den jungen Infanten in tiefe Verzweiflung und Trauer. Das ist die Grundlage der Oper, aus der sich der weitere Verlauf entwickelt. Dazu kommt die allgegenwärtige Kirche, die offensichtlich alles lenkt und bestimmt, und das hungernde Volk, das gegen die ganze Willkür aufbegehrt. Carlos Vertrauter und Freiheitskämpfer Rodrigo de Posa versucht gegen diese Gewalt anzugehen und wieder Ruhe und Frieden herbeizuführen. Indem er Carlos in seinem größten Schmerz begegnet und ihn dazu überredet, in diesen Kampf um sein eigenes Volk einzugreifen, würde er eine gute Tat tun und außerdem sein eigenes Leid vergessen. Und so dreht sich die Spirale der Ereignisse weiter und eins führt zum anderen. Der verzweifelte Carlos lehnt sich gegen seinen Vater auf, landet im Gefängnis und wird vom Marquis de Posa gerettet, der sich für ihn opfert, ihm aber die Bitte abnimmt, das Volk in Flamen von der Unterdrückung seines Vaters zu retten, und ihm verrät, dass ihn Elisabeth für ein letztes Lebewohl im Kloster Saint-Juste erwartet. Elisabeth die sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat, wünscht sich nur eines, den Menschen zu retten und ihn in eine bessere Zukunft zu schicken, den sie so sehr liebt. Überrascht von Philipp und dem Großinquisitor, werden die beiden Liebenden für immer auseinander gerissen. Je nach Interpretation und Inszenierung wird der Infant am Ende vom Geist Karls des V., seinem Großvater, gerettet, der ihn mitnimmt in eine andere Welt, in das Reich der Toten. Außerdem gibt es wohl auch die Variante, dass Don Carlo der Inquisition zugeführt wird, sich selbst tötet und je nach Inszenierung auch das Szenario, dass er getötet wird und in den Armen seiner Geliebten stirbt. Daher ist es wohl notwendig, sich noch ein wenig mehr mit diesem komplexen Werk zu beschäftigen. 

Wie gewohnt gibt es daher am Ende den Link zum Opera Guide wo noch weitere Informationen nachzulesen sind, z.B. über das Libretto oder die Synopsis. Auch Wikipedia ist wie meistens eine gute Quelle, um die Wissenslücken zu füllen. Besonders die geschichtlichen Hintergründe dürften interessant sein, insbesondere die wahren Menschen, die den Protagonisten von Schiller bzw. Verdi zum Vorbild dienten und doch nur wenig mit ihnen zu tun haben. Sowie die Unterschiede, die es zwischen den Werken von Friedrich Schiller und Giuseppe Verdi gibt.

Zum Abschluss komme ich noch einmal zu den verschiedenen Fassungen dieses Werks, sieben sollen es insgesamt sein, die letzte kam 1884 in Mailand zur Aufführung, fast zwanzig Jahre nach der Uraufführung in Paris. Über lange Zeit war die vieraktige italienische Fassung üblich, die aber heute wieder weitgehend von den Opernbühnen verschwunden ist, da sie dem Publikum wichtige Informationen vorenthält, die zum Verständnis der Handlung ausgesprochen wichtig sind. Daher kehrt man heute wieder zur Fünfakt-Fassung, meist im italienischen, zurück, um zu erklären, warum sich das Drama so entwickelt und warum vor allem Carlos so voller Schmerz und Verzweiflung ist. Heute ist es meist eine Mischform, die gespielt wird; laut einer bekannten Musikwissenschaftlerin sind es die vierte, sechste und siebte Fassung, die in der Regel zur Aufführung kommen. Während die sechste Fassung vieraktig ist, sind die vierte und siebte fünfaktig.

Bei der Neuinszenierung im Oktober 2017, Premiere ist am 10. Oktober (Verdis Geburtstag) an der Opéra national de Paris, ist es die Urfassung in französischer Sprache und fünf Akten, die das Publikum zu sehen bekommt. 

Im nächsten Beitrag werde ich mich ein wenig mehr mit dieser Neuproduktion beschäftigen, mit dem Regieteam und den wunderbaren Sängerdarstellern, ein Aufgebot der Besten ihres Fachs, die zur Zeit in der Opernwelt zu finden sind.

Hier noch Musikbeispiele, die ich bei Youtube gefunden habe:

Toi qui sus le néant

O don fatal et détesté

Don Carlos (Alagna-Hampson)

Die Bildqualität ist leider sehr mäßig, aber man bekommt einen schönen Eindruck vom Zusammenspiel zwischen Sprache und Musik. 

Eine konzertante Luisa Miller der Extraklasse

München, 04.10.2017

Ich habe mich dazu entschlossen, obwohl meine Zeit im Oktober sehr knapp bemessen ist, doch noch von einer ganz wunderbaren konzertanten Aufführung von Giuseppe Verdis Musikdrama Luisa Miller im Prinzregententheater am 24. September in München zu berichten. Dieser Abend war einfach viel zu schön, als dass man ihn unerwähnt lassen könnte.

Ich habe diese wunderschöne Oper im letzten Jahr in einer szenischen Aufführung das erste Mal an der Staatsoper in Hamburg erlebt und war gleich von der ersten Sekunde an mitgerissen und von der dramatischen Handlung in den Bann gezogen. Und nun hatte ich das Glück, sie auch in München wieder in einer großartigen Besetzung zu erleben. In der Titelpartie mit der wunderbaren jungen lettischen Sopranistin Marina Rebeka, Artist in Residence für diese Saison, die ihre Figur von Beginn an, auch ohne Bühnenbild und Kostüm, mit so viel Leben erfüllte, dass es das Drumherum gar nicht brauchte. Auch so wurde man binnen kurzer Zeit hineingezogen in die tragische Geschichte aus Liebe, Eifersucht, Verrat, Intrigen und Tod.

An der Seite von Marina Rebeka waren, ebenso stark in Bühnenpräsenz und Stimme, der Tenor Ivan Magri, den ich tatsächlich in der Partie von Luisas Geliebten Rodolfo erlebt hatte, der Bariton George Petean als ihr Vater, der alte Miller, der in der gerade begonnenen Saison auch einige Male in München am Nationaltheater zu sehen sein wird. Unter anderem als Carlo Gérard in Phillip Stölzls Neuinszenierung von Andrea Chénier im November und Dezember. Ein unglaublich ausdrucksstarker Sänger und Darsteller, der mit vollem Einsatz seine Rollen ausfüllt und gestaltet. Auch Marko Mimica in der Rolle des Grafen von Walter und Ante Jerkunica als Schlossverwalter Wurm trugen mit starken Leistungen zu einem rundum gelungenen Opernabend bei. 

Es gab aber noch eine Besonderheit an diesem Abend. Es war nicht nur das erste Konzert der neuen Saison des Münchner Rundfunkorchesters, sondern auch das Antrittskonzert ihres neuen Dirigenten Ivan Repusic. Dieser dirigierte mit viel Einfühlungsvermögen sein Orchester und geleitete die Solisten des Abends sicher durch alle möglichen Schwierigkeiten. Er deckte niemals die Stimmen zu, dosierte jederzeit die Lautstärke angemessen und fügte so alles zu einem wunderschönen Musikerlebnis zusammen. Unbedingt erwähnt werden muss noch der fantastische und mehrfach ausgezeichnete Chor des Bayerischen Rundfunks mit seiner langen Tradition, der diese konzertante Vorstellung von Luisa Miller erst komplett machte. Und so gab es am Ende verdientermaßen reichlich Applaus für alle Beteiligten des Abends, die diesen dankbar und glücklich entgegennahmen. Und wir, die Zuhörer, gingen hoffentlich ebenso glücklich und mit dieser wunderschönen Musik im Herzen zurück nach Hause. 

Zwei Tipps zum Schluss: Von dieser Aufführung wird es einen CD-Mitschnitt bei BR Klassik geben. Auf meiner Einkaufsliste ist diese CD schon vermerkt. Und zweitens kann dieses Konzert auf den Internetseiten von BR Klassik und dem Rundfunkorchester München abgerufen werden. 

Die entsprechenden Links: 

br-klassik.de   -   br-klassik.de/concert

rundfunkorchester.de   -   rundfunkorchester.de/saisonauftakt

Ein kleiner Fernsehtipp für ein großes Ereignis

München, 03.10.2017

Am dritten Oktober, an einem so geschichtsträchtigen Tag also, findet er statt: der Festakt zur Eröffnung bzw. Wiederöffnung der Staatsoper Berlin. Nach sieben Jahren Sanierungszeit öffnet die Staatsoper unter den Linden wieder ihre Pforten. Am Sonntag gab es als Auftakt für das neuntägige Eröffnungsfest ein furioses erstes Konzert mit Beethovens 9. Sinfonie und der Ode an die Freude zum Schluss mit der Staatskapelle Berlin, dem Chor der Staatsoper Berlin und einem fantastischen Solistenensemble: Rene Pape, Diana Damrau, Okka von der Damerau und Burkhard Fritz. Alles unter der musikalischen Leitung von Maestro Daniel Barenboim. Und viele tausend Menschen der Stadt Berlin nahmen an der Oper für Alle, an diesem Ereignis bei traumhaftem Herbstwetter teil. Zusätzlich ein Millionenpublikum an den Fernsehbildschirmen in aller Welt. Ein musikalischer Leckerbissen für alle Musik- und vor allem Klassikfans.

Weiter geht es, wie oben schon erwähnt, am Tag der deutschen Einheit live, zeitversetzt ebenfalls übertragen von arte und arte Concert. Beginn des Festaktes ist 21:10 Uhr, Ende um 23:15. Moderiert wird diese Übertragung wieder von Annette Gerlach. Auch dann gibt es einen wahren Leckerbissen der Musikgeschichte zu erleben. Zur Aufführung kommen von Robert Schumann vertonte Szenen aus Goethes Meisterwerk Faust. Über den Link von arte gibt es die genauen Informationen zu diesem Festakt. Die musikalische Leitung hat auch hier natürlich wieder Maestro Daniel Barenboim, ein Dirigent und Künstler, durchströmt und erfüllt von der Liebe und der Kraft der Musik. Diese Tatsache alleine ist es wert, sich dieses wunderbare Musikereignis zu Gemüte zu führen. Einfach zurücklehnen und genießen und die Freude sich ihren Weg bahnen lassen.

Sie ist wieder da auf dem internationalen Parkett der Opernwelt, die Staatsoper unter den Linden. Und so wünsche ich allen Menschen, die dort wirken und allen Gästen die im Zuschauerraum Platz nehmen, um eine der zahlreichen Aufführungen zu erleben, eine wundervolle und erfolgreiche erste Spielzeit nach dieser Wiedereröffnung.

Anstehen für das begehrte Opernticket

München, 03.10.2017

Mal wieder Anstehen heißt es, an einem ganz normalen Tag im Monat, zwischen fünf und zehn Uhr morgens. Der eine oder andere kann es vermutlich nicht so ganz nachvollziehen, wenn man sich morgens um fünf für ein Opernticket seiner Wahl vor den Eingang des Verkaufsschalters stellt und sich dort mit Gleichgesinnten versammelt. Aber was die iPhone-Jünger können, kann der eingefleischte Opernfan schon lange. Und auch für Wiener Schnitzel, den Computer bei Aldi oder die Eröffnung oder den Ausverkauf des Lieblingsshops. Immer heißt es: Wecker stellen, sich hoch quälen und notfalls dick verpackt mit zwei Litern Kaffee bei Minusgraden sich zum entsprechenden Standpunkt begeben. Egal ob Wagner, Verdi oder Puccini , ein bestimmtes Stück, ein bekannter Dirigent, ein verehrter Regisseur oder der Lieblingssänger, die Lieblingsängerin, jeder hat seinen ganz persönlichen Grund, sich diesen Strapazen freiwillig auszusetzen.

Aber genau dieser Einsatz und die große Liebe zur Oper verbindet die Menschen, die sich an diesen Orten treffen. Viele der opernverrückten Fans kommen seit Jahren zu den gleichen Plätzen, um für ihr Ticket Zeit und Geld zu investieren. Und die meisten kennen sich bereits über eine lange Zeit. Aber auch Neuankömmlinge werden willkommen geheißen und in die Gemeinschaft mit aufgenommen. Ins Gespräch zu kommen ist ganz leicht, wenn man ein wenig aufgeschlossen und bereit ist, auch etwas von sich preiszugeben. Es ist mit Sicherheit schon so manche Freundschaft entstanden bei den verschiedenen Anstehvorhaben, genauso wie auch an den Bühnentüren der Opern- und Konzerthäuser in Europa und der Welt. Ich für meinen Teil lerne immer wieder ausgesprochen liebenswürdige, lustige, lebensbejahende und interessante Menschen vor den Ticketschaltern und an den Bühnentüren kennen. 

Man man sollte nicht glauben, welcher Altersdurchschnitt hier herrscht. Es sind nicht die jungen Leute zwischen zwanzig und vierzig Jahren, die hier geduldig warten, sondern die Opernliebhaber zwischen Mitte sechzig und Mitte achtzig. Und diese Menschen haben so viel zu erzählen. Ihre Freude ist wahrhaft ansteckend und es macht wirklich großen Spaß ihnen zuzuhören. 

Und ja, es lohnt sich durchaus sich anzustellen, wenn man es mit seiner Arbeitszeit vereinbaren kann. Während die Freundinnen sich zu Hause an das Telefon hängen, kann man sich selbst gleichzeitig vor dem Kartenbüro platzieren. So hat man zusammen die Kräfte gebündelt und die Chancen verdoppelt. Das Erlebnis und ein erfolgreicher Abschluss sind die Sache auf jeden Fall wert, und ein kleiner Adrenalinkick ist auch immer mit dabei. Besonders die letzten zehn Minuten erzeugen ein gewisses Kribbeln im Bauch, das durchaus süchtig machen kann. 

In Wien ist die Sache mit dem Anstehen ein wenig anders, oder auch ganz speziell. Nachahmung ausdrücklich empfohlen. Nachzulesen in einem Beitrag vom April 2016 innerhalb meines Blogs. Also einfach mal austesten und eigene Erfahrungen machen. 

Einige Punkte seien noch bezüglich München zu erwähnen. Die Tickets für die Vorstellungen der Bayerischen Staatsoper kann man je drei Monate vor dem Aufführungstermin schriftlich bestellen und je acht Wochen vorher per Internet, am Telefon und am Schalter erwerben. Es gibt zwei Ausnahmen: Bevor es am 31. Juli jedes Jahres bis zum 15. September in die Theaterferien geht, startet der Vorverkauf für die ersten Vorstellungen der neuen Saison Ende September und für den Oktober. Und es gibt noch eine zweite Besonderheit bezüglich der Opernfestspiele im Sommer: Erster Verkaufstag mit einer vor allem zeitlich aufwendigen Anstellprozedur ist jeweils an einem bestimmten Tag im Januar. An diesem Datum kann man ausschließlich Karten der Preiskategorien 5–8 erwerben. Und auch nur, wenn man sich direkt zum Ticketschalter begibt. Die schriftliche Bearbeitung beginnt am 1. Februar und der Restkartenverkauf ist schließlich am 1. April. Dort besteht wieder die Möglichkeit sich anzustellen, zu telefonieren oder per Internet die verbliebenen Tickets für die Festspiele in seinen Besitz zu bringen. In der Regel sind dann aber zumindest die Karten für die begehrten Vorstellungen nicht mehr erhältlich. Was bleibt, ist das Kartenforum der Bayerischen Staatsoper. 

Viel Erfolg wünsche ich.

Meine Lieblingsopernmagazine für Oktober sind da

München, 01.10.2017

Wieder beginnt ein neuer Monat und mittlerweile ist es Herbst geworden, auch hier in meiner neuen Heimat München. So ist es Zeit, dass mit dem Monatswechsel auch die aktuellen Ausgaben meiner zwei Lieblingsopernmagazine auf dem Markt erscheinen: Das Opernglas und Oper! Das Magazin. Es gibt wie immer die neusten Kritiken nachzulesen, genauso wie Interviews und Porträts der unterschiedlichen Künstler, Musiker und Sänger zu entdecken. Außerdem zu sehen, vor allem bei Oper! Das Magazin, sind schöne Fotostrecken, die von den stattgefundenen Premieren lebendig berichten oder dem einen oder anderen Event in der Welt der Oper. Neuerscheinungen auf dem Musikmarkt wie DVDs und CDs werden ebenfalls ausführlich besprochen. Und natürlich gibt es eine Vorschau auf das, was der Lieblingssänger, die Lieblingssängerin in der kommenden Saison so geplant hat. 

Also auf zum Zeitungshändler des Vertrauens und das bevorzugte Magazin gesichert oder auch beide. 

Wie immer wünsche ich Euch viel Freude beim Stöbern, Lesen und Entdecken. 

Ausflug in die Welt der Grand Opéra:
L´Opéra, das neue Album von Jonas Kaufmann ist auf dem Markt

München, 18.09.2017

Endlich ist es soweit: Am Freitag, dem 15. September, erschien das neue Album des Münchner Startenors Jonas Kaufmann auf dem Musikmarkt. Gespannt haben Fans und Kritiker auf seinen Ausflug in die Welt der französischen Oper gewartet, und kaum ist die neue CD anzuhören, macht sich wieder bemerkbar, wie unterschiedlich die Erwartungen und die Meinungen zwischen den Fans und den Kritikern in der Musikwelt sind. Auch ist wieder einmal zu erleben, wie sehr der Opernsänger in seiner Heimat Deutschland um eine Anerkennung kämpfen muss, bei denen, die angeblich so viel Ahnung haben und sich für unantastbar halten. Im europäischen Ausland und auch sonst auf der Welt gibt es Lob und Zuspruch, nicht nur von den Fans, sondern auch von den angesehenen Musikkritikern. Dort spürt man, wie verehrt dieser Künstler ist und wie sehr man seine Kunst und sein Können schätzt, seine Einzigartigkeit, seine Stimme mit dem baritonal gefärbten Timbre. Seitdem er vor 20 Jahren dank eines großartigen Lehrers seine Gesangstechnik änderte und seine Art zu singen und die Besonderheit seiner Stimme annahm, begann die Karriere dieses wunderbaren Sängers wirklich.

Fotos: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Kaum ein anderer Sänger seines Stimmfachs ist so vielseitig in dem, was er macht. Verdi, Wagner, Puccini gehören genauso zu seinem Repertoire wie die französischen Komponisten Bizet, Massenet oder Berlioz, die die Hauptakteure seines neu erschienen Albums L´Opéra sind. Gerade dieses vielfältige Repertoire macht diesen Künstler neben seiner Stimme zu einer Ausnahme in der Opernwelt. Dazu kommen seine Ausdruckskraft, nicht nur im Gesang, sondern auch in seiner Bühnendarstellung. Jonas Kaufmann ist ein sehr intelligenter und feinfühliger Musiker, der sich bis ins Detail mit seiner Rolle der betreffenden Oper auseinandersetzt, genauso wie mit dem Komponisten, der das Werk geschaffen hat. Und genau das kann man dann auf der Opernbühne erleben und man kann es auf jeder seiner CD-Aufnahmen hören. 

So habe ich nun auch genau hingehört, als ich mir das neue Album des sympathischen Münchners zu Gemüte führte und mich mitnehmen ließ in die Welt der Grand Opéra. 

Ein paar Worte zur CD-Variante Deluxe. Ich finde die äußere Form gelungen, die Fotos scheinen dieses Mal sehr natürlich, sind kaum bearbeitet und vermitteln, passend zu den Inhalten der CD, eine elegante Atmosphäre wie auch eine melancholische Stimmung. Das obligatorische Interview vorweg zwischen Thomas Voigt und Jonas Kaufmann vermittelt einen guten Eindruck über die Beziehung des Opernsängers zu dieser Musik und zeigt die persönlichen Verbindungen auf, die es zwischen dem Künstler und den unterschiedlichen Werken gibt, welche Wertigkeit sie in seiner Karriere hatten, welche Erlebnisse er damit verbindet und auch seinen Blick auf die unterschiedlichen Figuren mit ihrem Handeln und Denken. Dann gibt es noch einen größeren Textteil zum musiktheoretischen Hintergrund, den ich insgesamt als sehr lang empfunden habe. An dieser Stelle hätte ich mir noch ein paar Worte und Eindrücke von Jonas Kaufmann gewünscht, zum Beispiel ein wenig über die Geschichte der Pariser Oper, ihre Komponisten und die entsprechende Zeit. Aber es gibt ja das Making of zu diesem Album, das ebenfalls gelungen ist und wo man genau diese Informationen erhält auf eine sehr sympathische und persönliche Art und Weise.

Im letzten Teil des Booklets sind die Texte jeder Arie zu finden, jeweils ins Englische und Deutsche übersetzt. Übersichtlich nebeneinander stehen die Inhalte, die eine wichtige Grundlage bieten, sich dieser Musik zu nähern und sie noch besser, im zweideutigen Sinne zu verstehen. 

Nun komme ich endlich zu den Hauptdarstellern dieser Musik, den Opern, ihrem Interpreten, dem Orchester und seinem Dirigenten. Einige der schönsten Arien und Duette aus der Welt der französischen Oper, Jonas Kaufmann, einer der besten Tenöre und Opernsänger, die es zur Zeit gibt,   das Orchester der Bayerischen Staatsoper, immer wieder ausgezeichnet, und Bertrand de Billy, der die musikalische Leitung innehatte: Was für eine wunderbare und hochkarätige Kombination. Als ich das Album zum ersten Mal hörte, war ich erstaunt, in so großem Maße die tenorale Färbung der Stimme des Münchner Opernsängers zu hören. Da nicht nur ich, sondern die ganze Fangemeinde wie seine Kritiker sich an das Baritonale in seiner Stimme gewöhnt hatten, musste man diesbezüglich umdenken. Das ist aber in keiner Weise negativ gemeint. Die Stimme klingt erstaunlich rein und klar, ohne dabei dünn oder kraftlos zu wirken. Und die Art der Stimmführung, diese Klarheit ist perfekt geeignet, um die Charaktere dieser CD in den Mittelpunkt zu stellen und ihre Art zu Denken und zu Handeln zu unterstreichen. Ich finde die Mischung sehr gelungen und habe wieder einmal wunderschöne, neue Musik für mich entdeckt, mit der ich mich vorher nicht oder nur am Rande beschäftigt habe. Persönliche Highlights sind die Arie des Don José, die von Werther, die bewegende Arie aus La Juive, das wunderschöne Duett aus den Perlenfischern von George Bizet sowie die zwei Duette aus Massenets Oper Manon. An der Seite des Münchners zwei großartige Kollegen: der französische Bariton Ludovic Tézier, mit dem ihn seit langem eine enge Freundschaft verbindet, und die bildhübsche bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva. Mit beiden wird Jonas Kaufmann ab dem 10. Oktober auf der Bühne der Opéra Bastille in einer Neuproduktion von Giuseppe Verdis Urversion des Don Carlo zu sehen sein, aufgeführt in französischer Sprache und über die volle Länge von fünf Akten. 

Hervorheben sollte man noch, dass es auch einige Werke der Opernwelt auf der CD gibt, die deutlich weniger zu Gehör kommen wie zum Beispiel Carmen, Werther, Romeo et Juliette oder auch Les Contes D´Hoffmann. Das hat sicher auch etwas mit der persönlichen Auswahl des Tenors zu tun, der mit einem Großteil der Opern eine bestimmte Erfahrung verbindet, oder die eine Station in seiner seit 20 Jahren andauernden Karriere markieren. 

Noch einmal zurück zu den auf dieser CD hörbaren Interpretationen der französischen Opern-Helden und Antihelden. Auch auf dieser Aufnahme sind es die Feinheiten, die ganz zarten Nuancen, die seine Figuren zum Leben erwecken, die Charakterzüge offenlegen, dem Zuhörer näherbringen und ihn mitnehmen auf eine Reise in die Tiefe der Seele. Aufwühlend, ergreifend, mitreißend und einfach nur wunderschön, das ist die Musik und die Stimme auf diesem Album. Zurücklehnen, die Augen schließen und einfach nur genießen, heißt die Devise. 

Begleitet wird der Ausnahmekünstler von einem wunderbaren und mehrfach ausgezeichneten Orchester, dem Orchester der Bayerischen Staatsoper, und einem Dirigenten, der Dank seiner langjährigen Erfahrung, gerade auf dem Gebiet der französischen Oper, mit großer Sorgfalt und ebenso großer Sensibilität die Musiker durch diese Aufnahme führt und so Jonas Kaufmann einen optimalen Klangteppich bietet, damit seine Stimme sich so entfalten kann, dass sie in all ihren Feinheiten zur Geltung kommt, in den Höhen strahlt und in den tieferen Lagen kraftvoll zu hören ist. Und dann dieses unglaublich zarte Piano und Pianissimo, das man in jedem Opern- und Konzerthaus bis in die letzte Reihe hört, jedes Wort versteht.  

In genau dieser Zusammensetzung wird es, passend zum Erscheinen der CD, am 10. Dezember ein Konzert mit dem Namen „O Paradis“ im Münchner Nationaltheater geben. Ob zufälligerweise zwei liebe Kollegen als Gäste zu Besuch sind? Wer weiß das schon. Lassen wir uns mal überraschen. 

Der Ansturm auf die Eintrittskarten hat bereits begonnen und das neue Album ist ganz sicher schon in zahlreichen Haushalten seiner Fans eingetroffen. Zum Beispiel geliefert von Amazon. Vorteil mit der Amazon Music App: beim Kauf des Albums gibt es per AutoRip den Download aufs Smartphone gratis. 

So wünsche ich nun allen viel Freude beim Anhören und Genießen und freue mich auf einen persönlichen Austausch in den Opernhäusern in Wien, München oder Paris.

Musik Events bei Ludwig Beck:
Freitag, 22.09.2017, 18 Uhr

München, 11.09.2017

Am 22. September sind die Opernsängerin Marina Rebeka und der Dirigent Ivan Repušić zu Gast im Kaufhaus der Sinne am Marienplatz in München. 

Die lettische Sopranistin, dieses Jahr „Artist in Residence“ beim Münchner Rundfunkorchester, und der designierte Chefdirigent genau dieses Orchesters stellen sich in einem Gespräch den Fragen von Maximilian Maier und präsentieren ihre beiden neuen Alben, die genau an diesem Datum beim BR Klassik Label erscheinen werden. Gleichzeitig startet die neue Konzertsaison des Münchner Rundfunkorchesters. 

Eine sehr schöne und sicher lohnenswerte Empfehlung gibt es für Sonntag, den 24. September. Dort wird Marina Rebeka die Titelpartie in Guiseppe Verdis Musikdrama Luisa Miller konzertant auf der Bühne des Münchner Prinzregententheaters singen. Unter der Leitung von Chefdirigent Ivan Repušić und dem Münchner Rundfunkorchester. An ihrer Seite unter anderem Judith Kutasi, Ivan Magri und George Petean. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr, die entsprechende Einführung findet um 18 Uhr statt.

Alle weiteren Informationen sind mit Hilfe der Links zu den interessanten Websites zu finden.

br-chor.de/luisa-miller

theaterakademie.de/luisa-miller

muenchen.de/veranstaltungen

ludwigbeck.de/events

ludwigbeck.de/musiknews

TV-Tipps für September

München, 09.09.2017

Auf Arte heißt es seit letztem Sonntag Sternstunden der Musik: die größten Sänger unseres Jahrhunderts im Porträt. Am 3. September machte einer der besten Tenöre aller Zeiten den Anfang: Luciano Pavarotti. Am morgigen Sonntag gibt es um 18:20 Uhr und 00:40 Uhr Maria Callas zu erleben. Im Jahre 2017 jährt sich der Todestag der wohl bekanntesten Operndiva zum vierzigsten Mal. 1964 war das Jahr mit den meisten Skandalen und und Affären und ein Tiefpunkt in der Karriere der Primadonna assoluta. Gleichzeitig markierte die unvergessliche und grandiose Tosca am Royal Opera House in London, ebenfalls in diesem Jahr, den Höhepunkt ihrer unvergleichlichen Gesangslaufbahn. Arte zeigt nun der Operndiva zur Ehre und Erinnerung eine fünfzigminütige Dokumentation und spät abends noch eine Aufzeichnung des zweiten Aktes der bereits erwähnten legendären Tosca aus dem Londoner Opernhaus. Es ist eine digital restaurierte Fassung der BBC-Aufzeichnung von 1964. Ein Muss nicht nur für alle Bewunderer dieser wunderbaren und außergewöhnlichen Künstlerin und Opernsängerin, die mit ihrer Ausstrahlung und Bühnenpräsenz und vor allem mit dem Ausdruck in ihrer Stimme die Menschen auf der ganzen Welt berührte und in ihren Bann zog. 

Hier sind einige Links, die von Interesse sein könnten, um sich näher mit dieser Weltkarriere und ihren Folgen zu beschäftigen: 

arte.tv/maria-callas-tosca (Arte Dokumentation)

arte.tv/de/videos (Tosca 2. Akt)

amazon.de/Maria-Callas (Die Künstlerseite von Maria Callas bei Amazon)

youtube.com (Maria Callas auf Youtube)

amazon.de (Maria Callas Amazon-Literatur)


Hier kommt ein weiterer TV-Tipp bezüglich Operndiva und unverwechselbar: Auch am morgigen Sonntag zu sehen, dieses Mal im ZDF um 22:00 Uhr, der russische Gesangsstar Anna Netrebko. Zu erleben ist die allseits bekannte Opernsängerin in einer Aufzeichnung ihres Konzertes auf der Waldbühne in Berlin vom 31. August dieses Jahres. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Tenor Yusif Eyvazov, gab sie ein Programm zum besten mit den schönsten Arien und Duetten der Operngeschichte (siehe Programm Waldbühne). Viele dieser Opernhits sind auch auf der neuen CD des Paares zu hören, die unlängst auf dem Musikmarkt erschien. Der Titel des neuen Albums lautet Romanza. Die passenden Links zu dieser Empfehlung: 

zdf.de/anna-netrebko (ZDF Programmhinweis)

waldbuehne-berlin.de (Programm Waldbühne)

amazon.de/Romanza (CD Netrebko/Eyvazov)


Das waren Sie, meine TV-Tipps für den Monat September. Viel Freude beim Anschauen und Genießen. In Anbetracht des nicht gerade spätsommerlichen Wetters ist das doch eine gute Möglichkeit, es sich mit einem hochkarätigen Musikprogramm zu Hause gemütlich zu machen. Bei der Gelegenheit lohnt sich auch noch ein gezielter Blick ins Internet auf das gemeinsame Klassikmusikportal von ORF und Unitel Classica mit dem Namen Fidelio. Vor einem Jahr ging dieses neue Klassikportal an den Start und ist weltweit rund um die Uhr zu nutzen. Ich habe hierzu einige Informationen zusammengetragen: 

myfidelio.at

der.orf.at

diepresse.com

salzburg.com

horizont.at

KlassikStreams


Zwei Zitate habe ich gefunden und ich gebe sie gerne an euch weiter. Ich mag beide Gedanken, da sie das ausdrücken, was auch ich empfinde. 

„ Musik ist die wahre allgemeine Menschensprache“ (Karl Julius Weber, 1767-1832)

„Musik wäscht die Seele vom Staub des Alltags rein“ (Berthold Auerbach, 1812-1882)

Ein spannender Einblick:
Tag der offenen Tür in der Wiener Staatsoper am 3. September 2017

München, 05.09.2017

Kurz nach 14 Uhr hieß es an den Eingängen zur Wiener Staatsoper „Herzlich willkommen“ zu einem spannenden Nachmittag vor und hinter den Kulissen eines der traditionsreichsten und erfolgreichsten Opernhäuser Europas und der Welt. Staatsoperndirektor Dominique Meyer, der höchstpersönlich auf der Bühne war, und sein gesamtes Team hatten sich viel einfallen lassen, um große und kleine Besucher zu unterhalten, zu überraschen, zu faszinieren und mitzunehmen in eine Welt, die man sonst so nicht zu sehen bekommt.


Zur Eröffnung spielten in den Aufgängen der Wiener Staatsoper Mitglieder des Bühnenorchesters eine Eröffnungsfanfare, was den Besuchern dieses Tages ein wunderbares Entree bot. Dann hieß es ausschwärmen und auf Erkundungstour gehen. Überall und an jeglichem Ort traf Mann, Frau und Kind auf ausgesprochen aufmerksame und hilfsbereite Mitarbeiter des Opernhauses und so wurde man jederzeit freundlich und liebenswert in die richtige Richtung gelenkt. Man konnte in die Solistengarderoben der Damen schauen, um mal einen Einblick zu gewinnen, wie wenig luxuriös es in Wahrheit auch bei den sogenannten Stars der Opernszene zugeht, ohne dass es an etwas mangeln würde. Nebenbei war ein angeregter Plausch mit einer der schon lange im Dienste stehenden Damenschneiderinnen drin, die ein wenig von ihrer Arbeit berichtete. Zusätzlich gab es wunderschöne Kostüme aus der Oper Andrea Chénier von Umberto Giordano zu sehen. Viele weitere Kostüme gab es auf der Hauptbühne, wo zahlreiche Mitarbeiter diese sehr charmant zwischen den ganzen Besuchern präsentierten und auf unzähligen Fotos verewigt wurden. Des weiteren gab es auf der Hauptbühne, die für mich zu einem der spannendsten Plätze in einem Opernhaus gehört, Darbietungen zum Thema Bühnentechnik und eben Mitarbeiter dieser Bühnentechnik präsentierten die Funktion von Scheinwerfern, Nebel- und Dampfmaschinen. Es gab auch eine Schneemaschine und es regnete Lametta vom Himmel. Besonders bei diesen Dingen waren die zahlreichen Kids Feuer und Flamme und zeigten dieses unübersehbar ihrem Umfeld. Aber nicht nur die Kinder hatten ihre Freude, auch die Erwachsenen waren fasziniert von all den Einblicken und nahmen dankbar jedes Angebot wahr. Es gab eine öffentliche Orchesterprobe, eine ebenso öffentliche Probe der Chorakademie, eine Ballettprobe oder eine Probe der Kinder von der Schule der Wiener Staatsoper. Auch Kostbares aus dem Safe war zu sehen, historisches Notenmaterial aus dem Archiv der Wiener Staatsoper.

Damit ist immer noch nicht alles aufgezählt, was an diesem Nachmittag und Abend, denn es gab zwei Durchgänge, zu sehen war. Zum Schluss fand auf der Hauptbühne eine abschließende Bühnen- und Technik-Show mit Mitgliedern des Ensembles, des Balletts, der Statisterie, des Bühnenorchesters und der Technik statt. Amüsant, mit einem Augenzwinkern, zum Staunen, Schmunzeln, Begeistern und mit der unbedingten Absicht wieder zurückzukehren an diesen wunderbaren Ort. 


Den Zauber der Oper, hier kann man ihn spüren. Die Magie dieser kostbaren Kunstform, hier ist sie wahrhaft zuhause. Wer an so einem Tag nicht Feuer gefangen hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Für mich ist der Blick hinter die Kulissen mindestens so spannend wie das, was auf der Bühne am Abend während der Vorstellung passiert. Es ringt mir eine unglaubliche Menge Respekt ab, was jeder einzelne in so einem großen Betrieb leistet und was hinter all der Magie steckt, die wir dann auf der Bühne erleben dürfen. Jeder hat seinen Platz und niemand tut eine unwichtige Arbeit. Nur wenn alle ihre Arbeit mit dem gleichen Herzblut ausüben und mit der gleichen Gewissenhaftigkeit, kann ein Opernhaus oder auch Theater so erfolgreich sein. 

So sage ich von ganzem Herzen Dankeschön all den Menschen, die genau das möglich machen. Ihr seid großartig! Ich verneige mich vor jedem einzelnen. Vom Direktor bis zur freundlichen Dame oder Herrn, der dafür sorgt, dass am stillen Örtchen alles so schön ist wie an jedem anderen Ort im Haus. 

Diese Danksagung gilt selbstverständlich nicht nur für die Wiener Staatsoper, sondern auch für jedes andere Opernhaus. Und so freue ich mich jetzt auf viele wunderbare Vorstellungen, egal in welcher Stadt, und werde, bevor sich der Vorhang öffnet, einen Augenblick die Menschen in mein Herz holen, die genau das möglich machen.

Meine Lieblingsopernmagazine September sind da

München, 04.09.2017

Mit dem Start der neuen Saison sind auch die neuen Opernmagazine für den Monat September auf dem Markt. Und es gibt etliches nachzuholen. Immerhin sind seit den letzten Ausgaben ganze zwei Monate vergangen. 
In der Zwischenzeit ist einiges passiert und diverse Festspielveranstaltungen sind im wahrsten Sinne über die Bühne gegangen, so zum Beispiel in Salzburg, Bayreuth und München. Und auch eine Vorschau auf die neue Spielzeit gibt es. Dazu schöne Interviews, Porträts, Making-ofs und 
Fotostrecken von den unterschiedlichen Veranstaltungen und Premieren, oder einfach nur ein paar sympathische Schnappschüsse von den Opernsängern und Sängerinnen der Welt. Ein Blick hinein lohnt sich wie immer auch, wenn man nicht mit jeder Kritik einverstanden ist. 
Viel Spaß beim Lesen, Stöbern, Schmunzeln, Nachfühlen und Entdecken!
Hier sind die Links zu den beiden Opernmagazinen, die ich regelmäßig lese und hier vorstelle:

Das Warten hat ein Ende:
Morgen startet die Opernsaison in  
die neue Spielzeit 2017/18 und die Wiener Staatsoper macht den Anfang

München, 03.09.2017

Gute vier Wochen gab es nun zumindest für die Opernfans in Europa und den USA keine Opernvorstellungen. Nun ist es soweit, mit einem Tag der offenen Tür startet heute das Haus am Ring in die neue Spielzeit 2017/18. Vor vier Wochen startete die Vergabe der kostenlosen Zählkarten an den Bundestheaterkassen in Wien. Für mich ist es der erste Besuch eines Tags der offenen Tür in Wien, aber natürlich nicht der erste Besuch an diesem Opernhaus insgesamt. Ich liebe die Wiener Staatsoper. Dieses Traditionshaus, das in zwei Jahren seinen 150. Geburtstag feiert, gehört neben der Bayerischen Staatsoper in München, dem Royal Opera House in London und der Mailänder Scala zu den schönsten in Europa. Die Oper in Paris werde ich das erste Mal im Oktober dieses Jahres zu Gesicht bekommen und, viel wichtiger, eine Opernvorstellung dort erleben.

Aber bleiben wir erst einmal in Wien und der heutigen Veranstaltung, über die ich im Anschluss gesondert berichten werde. Ich habe mir vorgenommen, der Wiener Staatsoper in dieser Spielzeit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, auch wenn der Aufwand trotz der deutlich verkürzten Anreise, ehemals Hamburg–Wien, immer noch recht hoch ist. Aber Wien bietet einfach so viel und vor allem die Möglichkeit, auch spontan einen Besuch zu planen und trotzdem eine Eintrittskarte sicher zu haben durch den Verkauf der Stehplatztickets am selben Tag.

Ansonsten werde ich mich, insbesondere in den ersten drei–vier Monaten, der Bayerischen Staatsoper zuwenden, die ebenfalls ein vielfältiges und spannendes Programm zu bieten hat. Eine reizvolle Mischung aus Neuinszenierungen und Repertoire, alles wie immer hochkarätig besetzt mit den Opernstars, Dirigenten und Regisseuren aus aller Welt. Das erste Mal erhebt sich in München am 29. September der Vorhang im Nationaltheater und es kommt Cosi fan tutte zur Aufführung. 

Ergänzend dazu werde ich versuchen, weitere Opernhäuser kennenzulernen und vorzustellen und die geplante Auswahl der Vorstellungen noch interessant zu ergänzen. Vor der Sommerpause habe ich einen ausführlichen Beitrag dazu geschrieben und Vorschläge gemacht sowie Empfehlungen gegeben. 

Ich freue mich nun mit euch zusammen auf eine spannende neue Saison 2017/18 und eine abwechslungsreiche und wunderschöne Reise in die Welt der Oper und ihrer tragischen und tragisch-komischen Figuren, die uns gleichfalls zum Weinen und zum Lachen bringen werden, und ihre Darsteller, die uns die Menschen, die sie verkörpern, näher bringen und uns mit ihren Stimmen verzaubern werden. 

Vorfreude

München, 08.08.2017

Während sich die einen Opernliebhaber noch in Bayreuth oder Salzburg amüsieren, freuen sich die anderen schon auf die neue Saison.

Und die Kaufmann-Fans freuen sich auf eine neue CD, die gleich nach der Sommerpause und kurz vor Beginn der neuen Saison erscheint. L'Opéra, das neue Album des Münchner Opernsängers, auf dem der sympathische Künstler sich dieses Mal der französischen Opernliteratur widmet, enthält Arien u.a. von Bizet, Massenet, Offenbach, Gounod und Berlioz. Außerdem werden als Gastsänger zwei wunderbare Kollegen von Jonas Kaufmann zu hören sein: Sonya Yoncheva und Ludovic Tézier. Ein weiterer Grund, diese CD käuflich zu erwerben oder sich schenken zu lassen.

Es ist das erste Album des Münchner Publikumslieblings, das ausschließlich Musik des französischen Opernrepertoires enthält. Als Erscheinungsdatum ist aktuell der 15. September 2017 vorgemerkt. Das Album ist u.a. wieder bei Amazon erhältlich und jetzt schon vorbestellbar. Aber auch jede andere gut sortierte Klassik-Abteilung, ebenso wie jeder gute sortierte Klassik-CD-Laden wird dieses Album im Sortiment führen.

Links zu dieser Neuerscheinung Mitte September: 

amazon.de

newalbum.jonaskaufmann.com

facebook.com/kaufmannjonas

Und hier ist die Tracklist zu L´Opéra, der neuen CD von Jonas Kaufmann:

  • 01 Massenet: Werther „Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps“ 
  • 02 Massenet: Manon „Toi! Vous! Oui c’est moi…N’est-ce plus ma main“ (avec Sonya Yoncheva) 
  • 03 Massenet: Manon „Instant charmant, où la crainte…En fermant les yeux“ 
  • 04 Massenet: Le Cid „Ah! Tout est bien fini… Ô souverain, ô juge, ô père“ 
  • 05 Bizet: Les Pêcheurs de perles „C’est tout …au fond de temple saint“ (avec Ludovic Tezier) 
  • 06 Bizet: Carmen „La fleur que tu m‘avais jetée“ 
  • 07 Gounod: Roméo et Juliette „L’amour! L’amour!... Ah! Lève-toi soleil” 
  • 08 Offenbach: Les Contes d‘Hoffmann „O Dieu. De quelle ivresse“ 
  • 09 Berlioz: La Damnation de Faust „Merci, doux crépuscule“ 
  • 10 Berlioz: Les Troyens „Inutiles regrets” 
  • 11 Meyerbeer: L‘ Africaine „Pays merveilleux“ 
  • 12 Lalo: Le Roi d‘Ys „Vainement ma bien-aimée“ 
  • 13 Halévy: La Juive „Va prononcer ma mort….Rachel, quand du Seigneur la grâce tutélaire” & Cabaletta 
  • 14 Thomas: Mignon „Elle ne croyait pas dans sa candeur naïve“ 

Zum Schluss noch der Hinweis – wobei die Fans von Jonas Kaufmann das Ticket sicher schon längst geordert haben: Am 10. Dezember gibt es als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk noch das passende Konzert mit französischen Arien im Münchner Nationaltheater zu erleben. Dann nimmt uns der sympathische Künstler mit auf eine ausdrucksstarke und gefühlvolle Reise in die Welt der Oper und ihrer Helden und Antihelden. O Paradis heißt der Titel für diesen Abend und er könnte treffender nicht sein. Unter der Leitung von Bertrand de Billy spielt das Bayerische Staatsorchester, mit dem der Münchner Tenor auch das Album aufgenommen hat. Der Vorverkauf beginnt wie immer drei Monate vor dem Veranstaltungstermin. Ich vermute mal, dass der Ansturm auf die Karten nicht gering sein wird, aber jeder hat die gleiche Chance dabei zu sein. Ganz günstig ist das Vergnügen nicht, aber definitiv den Preis wert. 

Ich werde mit Freuden davon berichten und natürlich auch meine Eindrücke und Gedanken zum neuen Album L´Opéra hier wiedergeben. 

Das war es nun wirklich erst einmal. Ich melde mich wieder in ungefähr vier Wochen und widme mich jetzt ein paar anderen wichtigen Projekten, die ich dringend auf den Weg bringen muss und auch möchte. 

Also macht es gut, habt eine gute Zeit und bis bald! 

Nachrichten und Musikempfehlungen zum Schluss

München, 07.08.2017

Bevor es jetzt endgültig für einige Wochen in die Sommerpause geht, hier noch schnell einige interessante Nachrichten, TV-Hinweise, DVD- und CD-Empfehlungen. Alles zum Vormerken für die kommende Saison.


Als erstes kommt hier eine schöne DVD-Empfehlung: Im November erscheint Ganz große Oper, das wunderbare Portrait über die Bayerische Staatsoper, im Handel und auf DVD. Die Liebeserklärung von Toni Schmid an das Münchner Opernhaus, die seit dem 1. Juni im Kino läuft, ist ein Muss für alle Münchner Opernfans und auch jeden anderen Liebhaber dieser wunderbaren und kostbaren Kunstform und natürlich des Nationaltheaters am Max-Joseph-Platz. Der Erscheinungstermin ist derzeit auf den 23. November datiert. Auch als Weihnachtsgeschenk ist diese DVD eine sehr schöne Idee. Ok, das Weihnachtsfest ist noch ein wenig hin, kommt aber meistens schneller, als man denkt.


Die Gewinner des Klassik Echo sind bekanntgegeben. Seit einigen Wochen ist sie raus, die Liste der Klassik Echo Gewinner 2017. Der Link zur offiziellen Website, wo jeder einsehen kann, wer eine der begehrten Trophäen mit nach Hause nehmen darf: echoklassik.de. Unter anderem freuen sich über eine Ehrung: Jonas Kaufmann für den Bestseller des Jahres und seine CD Dolce Vita, Joyce DiDonato als Sängerin des Jahres, Matthias Goerne als Sänger des Jahres, Kent Nagano als Dirigent des Jahres oder Pretty Yende als Nachwuchskünstlerin Gesang. Die Verleihung des diesjährigen Klassik Echo findet 2017 passenderweise in Hamburg statt, in der Anfang Januar eröffneten Elbphilharmonie. Die festliche Zeremonie am 29. Oktober wird zeitversetzt im ZDF übertragen. Die Moderation übernimmt, wie auch 2016, Thomas Gottschalk. Anfang Oktober gibt es noch einmal genauere Informationen zur Übertragung und den entsprechenden Link zur Website des ZDF.


Jonas Kaufmann wird neuer Botschafter der José Carreras Leukämie-Stiftung. Und die diesjährige Gala findet in München statt und wird live im Fernsehen auf Sat1 Gold übertragen.

Zwei der besten Opernsänger und Tenöre unserer Zeit, die sich zudem sehr schätzen, verbinden ihre Bekanntheit im gemeinsamen Engagement für eine außergewöhnlich gute Sache, die seit über zwei Jahrzehnten Gutes tut, wichtige medizinische Fortschritte ermöglicht und damit viele Menschenleben rettet. Seitdem der außergewöhnliche Opernsänger und Künstler José Carreras vor vielen Jahren selbst an Leukämie erkrankte und dank einer Knochenmarkspende gerettet werden konnte, hat er sich der Erforschung und Heilung dieser Krankheit gewidmet. Jedes Jahr sammelt er Spenden in Millionenhöhe und engagiert sich aktiv im Kampf gegen den Blutkrebs. 

Und jedes Jahr gibt es in der Vorweihnachtszeit eine große Gala, bei der ihn prominente Kollegen aus den unterschiedlichen Branchen von Kunst, Kultur, Musik und Fernsehen tatkräftig unterstützen. So auch dieses Jahr bei der Gala am 14.12., die in den Bavaria Studios in München stattfindet und live auf dem Sender Sat1 Gold übertragen wird. Nachdem die ARD vor zwei Jahren die Zusammenarbeit aufgekündigt hatte, musste der wunderbare Sänger sich einen neuen Sender suchen, der bereit ist, dieses Herzens- und Lebensprojekt den Menschen weiter zugänglich zu machen. Dieses Jahr bekommt der katalanische Opernsänger Unterstützung von einem seiner Kollegen, der schon seit Jahren zu den besten Opernsängern und Tenören der Welt gehört: Jonas Kaufmann wird offizieller Botschafter der José Carreras Leukämie-Stiftung. Schon seit einiger Zeit unterstützt er dieses großartige Projekt, nun macht er seinen Einsatz öffentlich. Selbstverständlich wird der sympathische Münchner auch einen Gesangsauftritt in der Sendung haben, der nach Aussage von José Carreras der musikalische Höhepunkt sein wird. Wer persönlich dabei sein möchte, sollte sich beeilen, um noch ein Ticket zu erhalten. 

Ansonsten gibt es ja, wie bereits erwähnt, die Chance, alles im Fernsehen anzuschauen und zu genießen. Zu gegebener Zeit, spätestens Anfang Dezember, gibt es noch als Erinnerung den passenden Link dazu. 

Der Abschluss der Opernsaison 2016/17 und eine Vorschau auf die Spielzeit 2017/18

München, 06.08.2017

Und wieder endet eine weitere Opernsaison und wir müssen Abschied nehmen von verschiedenen Opernproduktionen, bestimmten Besetzungen, Sängern und Sängerinnen in speziellen Rollen, Dirigenten, die weiterziehen, oder auch Intendanten, die an ein anderes Haus wechseln und doch ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Aber das Ende der alten Saison bedeutet auch die Vorfreude auf eine neue Spielzeit mit neuen Produktionen und Wiederaufnahmen, mit neuen jungen Talenten und den geliebten und bekannten Stars der Opernszene. Es heißt, die Vorfreude und die Spannung zu genießen und zu warten, was die kommende Saison uns bringt. Die Programme sind weitgehend alle preisgegeben und im August folgen nur noch zwei der großen Opernfestivals: Die Salzburger Festspiele und die Festspiele in Bayreuth. 

Ansonsten ist ab Ende Juli überall Sommerpause und auch die besten Sänger und Künstler haben dann Zeit sich zu erholen und frische Energie zu tanken, Zeit mit der Familie und den Freunden zu verbringen und erholt in die nächste Saison zu starten. Die Vorbereitung wird ganz sicher schon im Hintergrund weiterlaufen, aber das gehört zu dieser Branche mit ihren Berufen dazu. Auch der Opernfan kann sich von dem Reisestress erholen, die Zeit nach der Sommerpause planen und ein wenig Geld bei Seite legen, um sich dieses zwar unglaublich schöne, aber doch insgesamt recht kostspielige Hobby leisten zu können.

Was uns in der Saison 2017/18 erwartet und einige der Höhepunkte werde ich im Folgenden zusammenfassen. Auch wenn ich versuche, so objektiv zu bleiben wie möglich, haben die Empfehlungen auch meine ganz persönliche Note. Wie immer handelt es sich nur um eine kleine Auswahl von dem, was nach der Sommerpause auf den Opernfan, vor allem in Europa und den USA, so zukommt. 

München, Bayerische Staatsoper: Einer der Höhepunkte wird sicher sein Il Triticco von Puccini als Erstaufführung in München unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Dieser wird auch die Neuproduktion des Rings übernehmen, der dreimal zur Aufführung kommen wird im Januar, Februar und zu den Opernfestspielen 2018. Dort wird es auch eine eine Neuinszenierung des Parsifal geben mit Publikumsliebling Jonas Kaufmann in der Titelrolle. Auch hier übernimmt Maestro Petrenko die musikalische Leitung. Es gibt noch weitere Neuinszenierungen, so zum Beispiel Le nozze di Figaro mit Christian Gerhaher und Les Vêpres siciliennes mit Erwin Schrott. Auch das Repertoireprogramm ist hochkarätig besetzt und bietet eine vielfältige Auswahl an Opernproduktionen. Es wird zweimal die Carmen geben, in der ersten Auflage mit Anita Rachvelishvili und in der zweiten mit der lettischen Mezzosopranistin Elina Garanca. Lucia di Lammermoor mit Diana Damrau, Ludovic Tézier, Juan Diego Florez oder Piotr Beczala wird es in zwei Aufführungsreihen geben. Auch für die Fans von Jonas Kaufmann und Anja Harteros gibt es Chancen auf ein Wiedersehen. Zum einen sind sie noch einmal in Umberto Giordanos Oper Andrea Chénier gemeinsam auf der Bühne zu erleben, und die bezaubernde Halbgriechin wird ein weiteres Mal als Tosca zu sehen sein und zwar schon im November dieses Jahres. An ihrer Seite stehen dann Joseph Calleja als ihr Cavaradossi und Zeljko Lucic als Polizeichef Scarpia. In der Auflage der Festspiele ist Opernstar Anna Netrebko zu erleben, zusammen mit Joseph Calleja und Thomas Hampson. Insgesamt gibt es in der Saison 2017/18 sechs Premieren zu sehen und 32 Repertoirevorstellungen, und das sind nur die Opern. Die Ballettaufführungen sind noch nicht mit einberechnet. 

Da ich in München lebe, bin ich auf das Programm ein wenig ausführlicher eingegangen. Die entsprechenden Links: Zeig mir deine Wunde - Le nozze di Figaro - Les Vêpres siciliennes - Parsifal - Carmen - Tosca - Lucia di Lammermoor - Andrea Chénier

In der Wiener Staatsoper, deren Saison schon am 4. September beginnt, gibt es auch Einiges zu entdecken, das die Vorfreude schürt. Einer meiner persönlichen Höhepunkte werden die Auftritte von Dmitri Hvorostovsky sein, der als Renato in Verdis Un ballo in maschera zu erleben sein wird und zwar im November. Dann wird es reichlich Begegnungen auf der Bühne mit Frau Netrebko geben, in unterschiedlichen Produktionen, so zum Beispiel in Verdis Il Trovatore gleich zu Beginn der Saison. Vittorio Grigolo wird in Wien zu Gast sein genauso wie Placido Domingo, Piotr Beczala, Kristine Opolais, Rene Pape, Zeljko Lucic, Vesselina Kasarova, Angela Gheorghiu, Elīna Garanča, und auch Anja Harteros wird zusammen mit ihrem Kollegen und Traumpartner Jonas Kaufmann auf der Bühne sein. Sie geben auch in Wien das tragische Liebespaar in Andrea Chénier, in einer wunderbar plüschigen Inszenierung von Otto Schenk aus dem Jahre 1981. Ich habe diese Inszenierung das erste Mal im Jahre 2015, damals noch mit Johann Botha erlebt. Mehr Infos auf der Seite der Wiener Staatsoper, auf der es sich zu schnuppern lohnt: Ensemble und Gäste - Spielplan-Tickets - Piotr Beczala - Pavol Breslik - Elīna Garanča - Anja Harteros - Dmitri Hvorostovsky - Jonas Kaufmann

Ich werde in der kommenden Saison auf jeden Fall mein Augenmerk neben dem Opernhaus in meiner Heimatstadt München auch zur Staatsoper nach Wien wenden. Mit dem Bus ist die Reise machbar oder auch mit Zug und Flieger, die Unterkünfte sind durchaus gut bezahlbar und wenn man einen ganzen Tag mit einplant, hat man auch ein sehr gutes Stehplatzticket sicher. Und das für max. 4 Euro. 

Weiter geht es in meine Geburtsstadt Hamburg, in der ich die letzten 20 Jahre gelebt habe. Ich denke und hoffe, dass die Staatsoper Hamburg langsam etwas aufholt in Sachen Oper und einem internationalen Status, auch was die großen Sängerstars angeht. Das Ballett mit seinem Ballettdirektor John Neumeier hat ja schon lange diesen Status erreicht. Und dieses Jahr sind doch einige bekannte und wirklich international gefeierte Opernsänger und Sängerinnen in der Hansestadt zu Gast. Werfen wir einfach einen Blick in Richtung Norden. Am 16. September eröffnet die Saison mit der ersten Premiere: Achim Freyer inszeniert in Hamburg den Parsifal, die musikalische Leitung übernimmt wie in München der musikalische Chef selbst, in diesem Fall Kent Nagano. Die Titelpartie gehört dem österreichischen Tenor Andreas Schager, die Rolle des Amfortas singt Wolfgang Koch, der bereits in der letzten Saison mehrfach an der Staatsoper aufgetreten ist und letztes Jahr als Hans Sachs in Wagners Meistersingern am Münchner Nationaltheater gefeiert wurde. 

Dann wird Kristine Opolais wie auch an der Wiener Staatsoper in Madama Butterfly zu sehen sein, Jonas Kaufmann und Anja Harteros geben eine gemeinsame Tosca zusammen mit Franco Vassallo, der den Baron Scarpia übernehmen wird. Der Ansturm auf diese Vorstellung im April 2018 wird gigantisch sein. Ähnlich wie bei Madama Butterfly im November mit Kristine Opolais. Auch sie singt nur diese eine Vorstellung. Bei der  Tosca handelt es sich um die Inszenierung aus Zürich, von der es sogar eine DVD-Aufnahme gibt mit Jonas Kaufmann, Emily Magee und Thomas Hampson. 

Weiter geht’s in Hamburg. Philip Stölzl, dessen Neuproduktion von Andrea Chénier aus diesem Jahr im November/Dezember in der dritten Auflage an der Bayerischen Staatsoper läuft, inszeniert ebenfalls an der Elbe. Im Rahmen des internationalen Musikfestes im Mai wird es eine Uraufführung von Jan Dvoraks Frankenstein anlässlich des 200-jährigen Jubiläums geben. Für einen Filmregisseur wie Philipp Stölzl sicher eine wahre Fundgrube für Effekte und eine Chance, sich so richtig auszutoben. Bestimmt ein spannendes Projekt.

Ach ja, Calixto Bieito inszeniert Guiseppe Verdis Requiem im März 2018. Was dabei rauskommt? Ich habe keine Ahnung, es wird aber sicher keine normale klassische Aufführung, so viel ist sicher.

Unsere Reise geht weiter und führt uns in Frankreichs Hauptstadt. An der Opéra National de Paris ist einer der Saisonhöhepunkte ganz am Anfang zu vermerken. Dann kommt unter der musikalischen Leitung von Philipp Jordan, der, wie viele sicher schon mitbekommen haben, im Jahre 2020 an die Wiener Staatsoper wechselt, die Neuinszenierung von Verdis Urfassung des Don Carlos auf die Bühne. Gespickt mit den besten Sängern, die es zur Zeit gibt, ist dieses Ensemble hochkarätig besetzt und verspricht höchsten Musikgenuss. Die Titelpartie übernimmt Jonas Kaufmann, zur Zeit einer der besten und vielseitigsten Opernsänger in der Branche und außerdem die perfekte Besetzung für diese Rolle. An seiner Seite geht es genauso großartig weiter, seine Elisabeth wird verkörpert von Sonya Yoncheva, die auch Anteil an seiner neuen CD mit französischen Arien hat. Ludovic Tézier, ebenfalls auf dieser CD-Aufnahme vertreten und einer der zur Zeit besten Verdi-Baritone, ist endlich an der Seite des Münchners als Marquis de Posa zu sehen, nachdem er recht fragwürdig in London aus der Otello-Produktion herausgedrängt worden war. Die Principessa Eboli wird verkörpert von der wunderbaren Elīna Garanča, und als König Philippe der II. tritt der russische Bass-Bariton Ildar Abdrazakov in Erscheinung. Das ist die Besetzung der ersten sieben Vorstellungen, dann wechselt der Cast zum Teil. Nachzulesen auf der offiziellen Website der Pariser Oper. Nicht vergessen, dass der Don Carlos zum einen live am 19. Oktober auf der Kinoleinwand zu sehen sein wird und zeitversetzt auf dem Programm von Arte. Eine hervorragende Möglichkeit übrigens, sich gleich diese ganz besondere Übertragung zu sichern und aufzuzeichnen. Meine Eindrücke gibt es dann zu gegebener Zeit an entsprechender Stelle. Die Stichworte werden sein der 19. Oktober im Kino und am 25. Oktober direkt vor Ort in Paris. Und hier ist der Link zum gesamten neuen Programm der Saison 2017/18.

Zum Beispiel zu sehen La Traviata mit der wunderbaren Marina Rebeka im Wechsel mit Anna Netrebko, neben Charles Castronovo und Placido Domingo. Oder Un ballo in maschera mit meiner Lieblingssopranistin Anja Harteros als Amalia, Simone Piazzola als Renato und Marcello Alvarez als Amalias Geliebter Riccardo. Auch hier ist die Auswahl groß, sowohl an heraussragenden Künstlern wie auch an Neuproduktionen und Repertoireprogramm. 

Als nächstes machen wir uns auf den Weg nach London und Mailand bevor uns die Reise zum Schluss noch an die Metropolitan Opera nach New York bringt.

Aber erst einmal zu London. Da singt u.a. Kristine Opolais an der Seite von Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld in einer Neuinszenierung, ihre erste Elsa. Elīna Garanča ist in Cavalleria rusticana als Santuzza zu erleben, Bryn Terfel gibt den Falstaff, Ilebrando D´Arcangelo und Mariusz Kwiecien stehen zusammen in Don Giovanni auf der Bühne, Zeljko Lucic ist in Macbeth zu hören, zusammen mit Anna Netrebko und ebenfalls Ilebrando D´Arcangelo. Auch die Tosca darf natürlich nicht fehlen, Angela Gheorghiu ist hier in ihrer Paraderolle zu erleben. Als Mario Cavaradossi stehen u.a. Joseph Calleja und Massimo Giordano auf der Bühne und auch Marco Vratogna darf sich wieder als Polizeichef Scarpia austoben. Placido Domingo übernimmt einige der Vorstellungen in seiner Funktion als Dirigent. Das gesamte Programm mit allen Details ist auf der Website des Londoner Opernhauses zu finden. 

Weiter geht es nun an die Mailänder Scala. Da habe ich doch direkt den Andrea Chénier entdeckt; und nein, nicht mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros, die singen eine weitere Produktion in Barcelona, sondern mit Anna Netrebko und ihrem Ehemann Yusif Eyvazov. Ein weiteres bekanntes Gesicht gibt es noch: Luca Salsi, der zuletzt die zweite Festspielaufführung von Andrea Chénier krankheitsbedingt absagen musste, übernimmt in Mailand wieder den Part des Carlo Gérard. 

Juan Diego Florez ist neben der deutschen Sopranistin Christiane Karg in Christoph Willibald Glucks Oper Orphée et Eurydice auf der Bühne der Mailänder Scala zu sehen. Dann gibt es eine Aida mit Krassimira Stoyanova und Marcello Alvarez, und Stuart Scelton, den ich während der Opernfestspiele in der Produktion der Jenufa sah und der mir sehr gut gefiel, wird den Fidelio singen. An seiner Seite Luca Pisaroni als Don Pizzarro. Das gesamte Programm der Saison in Mailand, das deren Neubeginn immer mit dem Inaugurazione Anfang Dezember beginnt, ist hier nachzulesen. 

Zu guter Letzt geht es nach New York an die MET und an die Carnegie Hall. Dort singt der Münchner Opernsänger Jonas Kaufmann nach Boston konzertant und in Ausschnitten seinen ersten Tristan. Es wird der zweite Akt sein, der zur Aufführung kommt. Andris Nelson wird die musikalische Leitung übernehmen. Zu hören sind Camilla Nylund als Isolde und Georg Zeppenfeld als König Marke. Jonas Kaufmann hatte gerade erst bei einem Interview im Rahmen seiner Parsifal-Aufführungen in Sydney bestätigt, auf jeden Fall die Rolle des Tristan singen zu wollen. Es käme nur auf seine Bühnenpartner an, und die musikalische Leitung, die Produktion und der Ort spielen sicher eine genauso wichtige Rolle. Wir werden Ort und Zeitpunkt rechtzeitig erfahren. Auch zur abgesagten Produktion der Tosca hatte sich der Opernsänger nochmals geäußert, nachzulesen im aktuellen Interview der Limelight.

An der MET hat sich bezüglich des Ensembles der Tosca noch einiges mehr geändert. Statt Jonas Kaufmann singen Vittorio Grigolo und Marcello Alvarez die Partie des Cavaradossi, die Titelrolle singt statt Kristine Opolais ihre Kollegin Sonya Yoncheva und später wie geplant Anna Netrebko, und die Partie des Scarpia teilen sich Bryn Terfel, Michael Volle und Zeljko Lucic. 

Es gibt selbstverständlich noch weitere Produktionen wie Il Trovatore mit Luca Salsi, Yonghoon Lee und Maria Agresta. Oder eine Lucia di Lammermoor mit Olga Peretyatko-Mariotti und Vittorio Grigolo. Und Verdis Luisa Miller, eine wunderschöne Oper, die ich vorletztes Jahr an der Staatsoper in Hamburg sah. Hier singen Sonya Yoncheva, Piotr Beczala, Luca Salsi und Placido Domingo. Diese Produktion wird auch als HD-Übertragung live im Kino zu sehen sein. Zum Schluss der Link zur Website, um sich über all die unzähligen weiteren Produktionen und Übertragungen zu informieren: metopera.org.

Damit endet diese kleine Reise durch Europa und die USA, und ich lasse euch jetzt einfach stöbern und entdecken, was es die nächsten Monate zu sehen und zu erleben gibt. Das ist und kann nur ein ganz kleiner Ausschnitt sein, selbstverständlich mit meiner persönlichen Note. Ich wünsche trotzdem viel Freude und einen wunderbaren Sommer. Wir hören uns dann Anfang September wieder, ausgeruht und voller Tatendrang, Neues zu entdecken und Altes wiederzufinden. 

Wunderschöne Musik, ein traumhafter Sommerabend und ein Hauch Wehmut in der Luft

München, 02.08.2017

Das alles erfüllte die Luft zum Abschluss der Münchner Opernfestspiele 2017, der gleichzeitig auch der Saisonabschluss an der Bayerischen Staatsoper ist.

Einen letzten Abend im Rausch der Musik und in der Welt der Oper bescherte uns der 31. Juli 2017. Ein letztes Mal in Abendkleid, elegante Schuhe oder Smoking geworfen, die Vorfreude im Herzen, die Leichtigkeit in der Seele, und dann hinein in eine Welt aus Magie, Zauber und tausend Gefühlen. Durch die Oper wandeln, Freunde begrüßen und das Glück teilen, hier zu sein an diesem Abend mit diesen wunderbaren Künstlern und der berauschenden Musik von Umberto Giordanos Musikdrama Andrea Chénier. Und es war ein wunderschönes Erlebnis, zumal ich dieses Mal über einen wirklich schönen Sitzplatz verfügte. Und so genoss ich einen ungestörten Blick auf das Geschehen auf der Bühne und erlebte so ein weiteres Mal die Geschichte vom Poeten Andrea Chénier und seiner großen Liebe Maddalena di Coigny.

Eine Änderung gab es allerdings an diesem Abend: Die Rolle des Carlo Gérard übernahm der italienische Bassbariton Ambrogio Maestri für seinen erkrankten Kollegen und Landsmann Luca Salsi. Ein sehr kurzfristiger Einspringer, den der erfahrene Sänger aber mit Bravour meisterte und dafür nicht nur von seinen Kollegen, sondern auch vom Publikum große Anerkennung erfuhr. Das Kostüm dieser Inszenierung hatte aber so kurzfristig nicht mehr so umfangreich, man verzeihe mir dieses Wortspiel, geändert werden können. Das tat der Sache aber keinen Abbruch, wenn man auch schon einiges an Fantasie benötigte, um dieses Outfit der französischen Revolution zuzuordnen. Anja Harteros in der Rolle der Maddalena di Coigny war auch in dieser letzten Vorstellung der Saison bestens bei Stimme und verkörperte die junge Gräfin wie schon zuvor bezaubernd und berührend zugleich. Ihre tragische Geschichte und das Opfer, das sie für ihre große Liebe bringt, sind der schönen Halbgriechin auf den Leib geschrieben. Auch das La mamma morta am 31. Juli 2017 war zum Weinen schön. Und das tat vermutlich ein Großteil der weiblichen Zuschauer auch, möglicherweise auch einige der Herren. Dirigent Omer Meir Wellber meinte es an diesem Abend vielleicht ein wenig zu gut mit seiner Leidenschaft und der Kraft des Orchesters, das war leider an einigen Stellen so laut, dass selbst die stimmgewaltige Sopranistin Anja Harteros Probleme hatte, nicht unterzugehen. Ihrem Bühnenpartner Jonas Kaufmann, vielleicht aufgrund einer nahenden Erkältung oder dem Marathon der letzten Wochen Tribut zollend, merkte man eine gewisse Kraftanstrengung und Ermüdung der Stimme an. Er hatte dementsprechend noch mehr Kraft nötig, um gegen die Lautstärke anzukämpfen. Hinzu kam, dass es gerade am Tage der Abschlussvorstellung unglaublich heiß war, was die Angelegenheit nicht gerade leichter machte. 

Trotzdem sei gesagt: Das ist Klagen auf hohem Niveau und ich möchte den sehen, der, in irgendeiner Weise angeschlagen, noch immer so eine Leistung abliefert. Vermutlich war der Münchner Opernsänger aber erleichtert, als die Vorstellung zu Ende war, die letzten Töne gesungen und gespielt und der begeisterte und wohlverdiente Schlussapplaus einsetzte. Einen Tag später, am 1. August um ca. 13:20 Uhr, hat der Tenor folgendes Foto auf seiner Facebookseite gepostet. Offensichtlich und gut zu sehen wieder erfrischt und mit Vorfreude im Flieger auf dem Weg nach Australien, wo er noch dreimal an der Oper in Sydney konzertant den Parsifal singen wird. Für den sympathischen Künstler ist die Saison also noch nicht ganz beendet. Danach gibt es aber hoffentlich die verdienten Ferien für ihn. Also eine gute Reise, lieber Jonas, viel Erfolg in Sydney und vor allem kehren Sie gesund, erholt und wohlbehalten zurück. 

Was seine Kollegen wohl machen? Hoffentlich ein wenig Urlaub mit der Familie und den Freunden, um Kraft und Energie zu tanken für die neue Saison, die in Wien bereits am 4. September beginnt. 

Anja Harteros verriet im Interview auf Staatsoper live nach dem Schlussapplaus, dass sie sich im Garten betätigen wolle, Muskeltraining mal anders mit Unkraut zupfen, Bäume beschneiden und Rasen mähen. Auf der Gartenliege wird es sich die hübsche Halbgriechin aber auch gemütlich machen, das eine oder andere Buch lesen und einfach die Seele baumeln lassen.

In München geht es erst Ende September wieder so richtig los. Mehr dazu in der nachfolgenden Saison-Vorschau. 

Den Abschluss der vergangenen Saison, nach unzähligen wunderbaren und gemeinsamen Opernerlebnissen, habe ich zusammen mit meinen Freundinnen noch einmal in unserem Stammlokal gefeiert, ebenso uns und das Leben und die berauschende Wirkung der Musik. Ein Sommerabend unter einem klaren Sternenhimmel, ein Aperol Spritz, eine kleine Stärkung, das Erlebte miteinander teilen und die Melodien des Abends noch lange nachwirken lassen. Gemeinsam lachen und sich freuen auf das, was war und was kommt. Dankbarkeit spüren und das große Glück, dabei gewesen zu sein. Danke, liebes Universum! 

Und nun, liebe Sänger, Musiker, Dirigenten, Künstler, Regisseure, Mitarbeiter der gesamten Opern dieser Welt, habt eine gute Zeit, erholt euch gut und kehrt dann gesund und mit der gleichen Freude in die Opernhäuser und auf die Opernbühnen zurück. Wir freuen uns auf euch und warten gespannt, womit ihr uns in der neuen Spielzeit überraschen werdet. 

Auch all meinen Lesern wünsche ich eine gute und entspannte Zeit, eventuell noch einige schöne Konzerte und Opernabende in Bayreuth und Salzburg, und hoffentlich erholsame Ferien. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit euch Anfang September. 


Auf, ihr Brüder, Ehrt die Lieder!

Sie sind gleich den guten Taten.

Wer kann besser als der Sänger

Dem verirrten Freunde raten?

Wirke gut, so wirkst du länger,

Als es Menschen sonst vermögen.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Endlich erklingt es wieder:
Viva la morte insieme

München, 30.07.2017

Und so beginnt sie erneut, die tragische Geschichte vom Poeten Andrea Chénier und seiner großen Liebe Maddalena di Coigny. Am 28. Juli 2017 um 19 Uhr, im Rahmen der Münchner Opernfestspiele, gab es die zweite Auflage von Umberto Giordanos veristischer Oper in der Neuinszenierung von Regisseur Philipp Stölzl. Die Premiere und die folgenden sechs Vorstellungen waren umjubelt gewesen und diese große Begeisterung war auch bei der ersten Festspielaufführung deutlich zu spüren. Die Besetzung war identisch mit der während der Premierenserie. In den drei Hauptpartien: Jonas Kaufmann in der Titelrolle, Anja Harteros in der Partie der Maddalena und Luca Salsi in der Rolle des Carlo Gérard. Die musikalische Leitung hatte erneut der junge israelische Dirigent Omer Meir Wellber. Es spielte des Orchester der Bayerischen Staatsoper, der Chor der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Stellario Fagone übernahm einen wichtigen Anteil bestimmter Passagen und rundete das Gesamtbild entsprechend ab. Das Nationaltheater war am Freitag Abend ausverkauft bis auf den letzten Stehplatz. Wenn eine so schöne Musik geboten, eine solch mitreißende Geschichte erzählt wird und drei der zur Zeit besten Opernsänger in den Hauptpartien zu erleben sind, ist das wohl auch kein Wunder. Und so wurde es, wie zu erwarten, ein wunderbare und für die Künstler über alle Maßen erfolgreiche Aufführung. Es war die erste Vorstellung seit dem Ende der Premierenserie am 2. April und so konnte man auch hier wieder gespannt sein, was sich an Details geändert hat und wie das Zusammenspiel zwischen den Sängern, dem Orchester und dem Dirigenten funktionierte und harmonierte. Und alle Beteiligten waren in begeisterter Spielfreude und bestens bei Stimme. Der erste Chénier nach dem Otello-Debüt hatte auch hier eine Veränderung in der Intensität und Tiefe der Darstellung sowie der stimmlichen Interpretation von Jonas Kaufmann erfahren. Schon der erste Auftritt und die erste Arie Un di all´ázzurro spazio ließen den Unterschied spüren. Mit großer Leidenschaft bot der sympathische Sänger seine Rolleninterpretation dar, hatte sich in den Poeten verwandelt und stellte so sehr glaubwürdig die Geschichte dieses Menschen und Künstlers dar, so wie Umberto Giordano ihn sich erdacht hatte.

Fotos: © W. Hösl

Etwas unbeholfen und tolpatschig inmitten der feinen Gesellschaft, schüchtern bei der ersten Begegnung mit Maddalena, hinreißend dargestellt von Anja Harteros, die schon vom ersten Betreten der Bühne, ohne einen Ton gesungen zu haben, das gesamte Publikum in ihren Bann zog. Zusammen sind beide Publikumslieblinge, die als Traumpaar der Opernbühne gelten und eine unglaubliche Harmonie und Freude verbreiten, einfach unschlagbar. Während die schöne Halbgriechin im ersten Akt noch die leichten Teile ihrer Partie singen durfte, musste der Münchner Opernsänger bereits Farbe bekennen mit seiner ersten Arie. Und genau das tat er; plötzlich war aus dem schüchternen Poeten ein bekennender Gegner der aristokratischen Gesellschaft geworden, der mit Inbrunst und Leidenschaft für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einsteht und die feine Gesellschaft hart und offen kritisiert. Kraft und Stärke und eine strahlende Höhe wechselten sich ab mit den zartesten Piani, die auch noch jede Stelle im Innenraum des Nationaltheaters erreichten. Und auch Anja Harteros verzauberte mit ihrer Stimme binnen weniger Augenblicke ihre Zuhörer und ganz sicher auch ihre Partner auf der Bühne. Ihre Maddalena darf im ersten Akt noch so leicht und unbeschwert sein, ein wenig frech und auch naiv.

Kommen wir zum dritten Hauptsolisten des Abends, dem italienischen Bariton Luca Salsi, der bereits vor den ersten Auftritten von Jonas Kaufmann und Anja Harteros zu hören und zu erleben war. Er hatte schon in der Ersten Aufführungsreihe begeistert; durch seine warme, kraftvolle und ausdrucksvolle Stimme wie auch durch seine authentische Darstellung seiner Figur. 

Und so war es auch am Abend des 28. Juli. Vom ersten Moment an war der Opernsänger präsent, die Stimme auf den Punkt da. Der sympathische Italiener hat die Rolle mittlerweile wirklich sehr gut verinnerlicht und hat große Freude daran, diese Partie zu gestalten. Und so hat Luca Salsi natürlich neben seinen zwei Hauptbühnenpartnern einen gleichberechtigten Anteil am überwältigenden Erfolg. 

Kommen wir zum zweiten Akt. Vorweg sei gesagt, dass es leider nach wie vor, wenn auch in abgemilderter Form, das Problem gibt, dass, wenn man höher als auf dem Balkon platziert ist, leider zum Teil die Darsteller ohne Kopf zu sehen bekommt. Glücklicherweise ist man aber wohl drauf gekommen, die Handlung deutlich nach vorne zu ziehen, raus aus dem Keller, um möglichst allen Zuschauern im Saal einen guten Blick zu ermöglichen. Bei den Ticketpreisen nicht ganz unberechtigt. So ging es also mit besserer Sicht weiter, und damit auch die tragische Liebesgeschichte von Andrea Chénier und Maddalena und letztendlich auch Carlo Gérard.

Nachdem der Poet der aristokratischen Gesellschaft den Rücken zugekehrt und sich im Untergrund für die Sache der Revolution eingesetzt hat, um sich dann aber von der radikalen Bewegung abzuwenden, wird er jetzt gesucht und muss sich vor Verfolgung und Inhaftierung schützen. Die zweite Arie des Münchner Tenors erklingt: Credi al destino. Und auch dieses Bekenntnis ist wunderschön gesungen, mit großer Leidenschaft und zarten Piani. 

Andrea Chénier muss sich entscheiden; flieht er oder wartet er und trifft endlich die Schreiberin der ganzen Briefe, die ihm schon so lange so leidenschaftlich ihre Gefühle offenbart. Und er entscheidet sich für die Liebe und begegnet endlich Maddalena wieder. Es ist demzufolge auch die nächste Szene von Jonas Kaufmann und seiner Bühnenpartnerin Anja Harteros. Das gemeinsame Duett, in dem sie sich ihre Liebe schwören und von einem gemeinsamen Tod träumen, ist atemberaubend schön von beiden gesungen. Wenn diese beiden Künstler auf der Bühne ihre Stimmen vereinenn steht die Welt still. Beide kreiren eine Atmosphäre auf der Bühne, die man nur als pure Harmonie bezeichnen kann, auch wenn die dargestellte Situation noch so tragisch oder dramatisch ist. Man kann einfach spüren, wie sehr sich die beiden als Freunde und Künstler verbunden sind und wie sehr sie einander vertrauen. Das macht die Magie dieser zwei Sänger aus, wenn sie zusammen auf der Bühne stehen. Jeder für sich allein hat diese Kraft und Energie, aber gemeinsam erschaffen sie einen Zauber, dem sich niemand entziehen kann. Das Duett, das eigentlich kaum sichtbar im Keller spielt, wurde bereits beim Livestream am 18. März auf den vorderen Teil und raus aus den Kästen gezogen, in denen sich fast das gesamte Geschehen abspielt. So bot sich sich auch an diesem Abend für fast jeden Zuschauer die Gelegenheit, das Traumpaar mit diesem wunderbaren Liebesduett zu erleben; innig gesungen und dargestellt und mit einem filmreifen Kuss beendet. Ora Soave. Eingeleitet durch ein wunderschönes und zartes Piano von Jonas Kaufmann, das langsam anschwoll. Und den ganzen Raum erfüllte. Als Zugabe gab es noch eine kleine leidenschaftliche Liebesszene, die jäh unterbrochen wird vom Erscheinen Carlo Gérards. Das ist das Ende des zweiten Aktes.

Im dritten Akt nimmt das Drama um Liebe, Hass, Eifersucht und die Wirren und den Terror der französischen Revolution Fahrt auf. Es wird sehr dramatisch. Dieser Akt hat es in sich, gleich drei traumhafte Arien sind zu hören, gerecht verteilt auf alle drei Hauptdarsteller, drei musikalische Höhepunkte. Zu Beginn ist die wunderschöne Arie Nemico della patria zu hören, in der Luca Salsi seinen großen Auftritt hat. Es ist für mich, neben La mamma morta und Come un bel di di Maggio, eines der schönsten Musikstücke dieser Oper. Der italienische Bariton offenbart in seiner Darstellung und mit den Worten dieser Arie die zerrissene Seele von Carlo Gérard, seine Verzweiflung, einen Weg zu gehen, den er so niemals beschreiten wollte und jetzt nicht mehr anders kann. Luca Salsi ist stimmgewaltig und mit intensivem Ausdruck in Gestik und Mimik zu erleben und erntete dafür zu Recht einen langen und begeisterten Zwischenapplaus. 

Dass unten Jonas Kaufmann/Andrea Chénier brutal gequält und gefoltert wird, kann möglicherweise etwas ablenken, da der Münchner Tenor natürlich, auch wenn er nicht singt, sehr authentisch leidet, Schmerzen erlebt und sich verzweifelt gegen seiner Widersacher zu Wehr setzt. Er zuckt zusammen, gibt stumme, aber trotzdem deutlich vernehmbare Schmerzensschreie von sich und bricht letztendlich zusammen. Die Arie von Luca Salsi/Carlo Gérard passt vom Inhalt sehr stimmig zum parallel stattfindenden Foltergeschehen. Kaum sind diese dramatischen Augenblicke vorbei, geht es gleich weiter: Anja Harteros/Maddalena di Coigny betritt die Bühne auf der Suche nach Carlo Gérard und in der Hoffnung, ihren Geliebten zu retten. Mal abgesehen von der ersten Begegnung zwischen Maddalena di Coigny und Carlo Gérard, die von Emotionen aufgeladen ist, ist die folgende Arie ein weiterer Höhepunkt, für mich eine der schönsten Arien in der Welt der Oper und von der schönen Opernsängerin dargeboten, kaum zu übertreffen. Wer noch nie La mamma morta, von Anja Harteros gesungen, gehört hat, der hat etwas ganz Wesentliches verpasst. Einfach die Augen schließen und und genießen. Es gibt wenig, was mich mehr bewegt hat, als diese Arie, die tragische und grausame Geschichte von Maddalena die Coigny und ihrer Familie. Die Mutter, ermordet auf der Schwelle ihres Zimmers. Sie mit einer Narbe im Gesicht schlimm entstellt, auf der Flucht, allein und ohne Schutz.

Nachdem die junge Aristokratentochter ihre Geschichte erzählt hat, entscheidet Carlo Gérard reumütig ihr zu helfen und ihren Geliebten zu retten. In der nächsten Szene findet die Gerichtsverhandlung statt, die damals nur ein Schauprozess war, ohne Aussicht auf ein gutes Ende für die Angeklagten. So ergeht es auch Andrea Chénier, der, schwer von der Folter gezeichnet, auf der Anklagebank Platz nimmt. Die Maske hat dieses Mal ganze Arbeit geleistet und im Vergleich zu den ersten Malen die Anzeichen der Folter deutlicher auf dem Körper und im Gesicht des Münchner Opernsängers vermerkt. Erschöpft und verzweifelt wartet der Angeklagte, bis er aufgerufen wird. Sein Aufbegehren wird jäh unterbrochen und er rüde zu Boden geschmissen. Jonas Kaufmann darf in seiner dritten Arie die Verzweiflung seiner Figur „herausschreien“. Sein Poet kämpft mit dem Mut eines Todgeweihten, der nur einen Wunsch hat: Man möge ihm nicht auch noch seine Ehre nehmen - Si, fui soldato.

Am Ende sinkt er erschöpft auf die Bank zurück und erwartet das Urteil. Es folgt eine der emotionalsten Szenen. Carlo Gérard, der ihn zuvor selbst des Verrats beschuldigt, versucht mit allem, was ihm an Worten zur Verfügung steht, ihn vor dem Tod durch die Guillotine zu retten. Tief gerührt von soviel Einsatz, fällt Andrea Chénier dem ehemaligen Feind mit Tränen in den Augen um den Hals. Carlo Gérard fängt ihn tief bewegt auf und schließt ihn in seine Arme. Zu spät, Andrea Chénier wird vom Tribunal zum Tode verurteilt. Vorher erblickt er im Publikum seine Maddalena und glaubt verzweifelt, sie ein letztes Mal zu sehen. Als das Urteil fällt und der Poet abgeführt wird, bricht die junge Grafentochter, vom Schmerz überwältigt, zusammen.Der vierte Akt beginnt still und im dunklen Verlies, wo der Poet angekettet auf seine Hinrichtung wartet. Nur sein bester Freund leistet ihm Gesellschaft. Andrea Chénier kniet auf dem Boden vor einem kleinen Tisch, nur ein kleines Licht bescheint den dunklen Raum, und versucht ein paar letzte Verse niederzuschreiben. Immer wieder bricht er ab, schlägt verzweifelt die Hände vor das Gesicht. Sein Freund fordert ihn auf, ihm die letzten Zeilen vorzulesen. Der Dichter willigt ein und von tiefer Traurigkeit und großem Schmerz erfüllt, beginnt der Münchner Opernsänger diese Arie zu singen, die meine persönliche Lieblingsarie in dieser Oper ist. Von diesem wunderbaren Sänger vorgetragen, der, wie auch seine zwei Bühnenpartner, Gefühle direkt in die Seele seiner Zuschauer tragen kann, ist das fast immer eine tränenreiche Angelegenheit. Es gibt nur wenige Sänger und Künstler, die in der Lage sind, sich so in ihren Charakter hinein zu versetzen, sich mit dem Menschen zu verbinden und dadurch die Gefühle lebensecht zu vermitteln. Nicht nur durch die Stimme, sondern in allen Bereichen. Mimik, Gestik, der ganze Ausdruck des Körpers sind stimmig und passen zur jeweiligen Gefühlssituation. So auch bei dieser Arie. Andrea Chénier leidet, erträgt die seelischen Schmerzen, wird schließlich überwältigt von ihnen und bricht in den Armen seines Freundes zusammen. Nichts ist übertrieben, kein auffälliger Schluchzer, nur ein leises Weinen ist zu hören.


Dann folgt der dramatische Höhepunkt mit einem wunderschönen und emotionalen Schlussduett, gesungen vom Traumpaar der Opernbühne. Vicino a te erklingt, und die beiden Liebenden, die sich am Ende wiederfinden, beschließen, wie im ersten Duett besungen, in den Tod zu gehen. Vielmehr hat Maddalena diese mutige Entscheidung getroffen, die den Geliebten zunächst verzweifeln lässt. Nach und nach aber steigern sich die beiden in einen unaufhaltsamen Rausch bis zu der Vorstellung, für immer vereint zu sein im Tod. Ich glaube nicht, dass es etwas Schöneres gibt. In den letzten Augenblicken sind die beiden Geliebten oder Jonas Kaufmann und Anja Harteros auf dem Weg zum Schafott zu erleben. Ein dramatischer Abschied, dann besteigt Andrea Chénier nach einer letzten Umarmung mit seiner Maddalena die Guillotine und Jonas Kaufmann lässt seine Figur mit einem heftigen Zucken des gesamten Körpers diesen furchtbaren Tod sterben. Die verzweifelte Maddalena steht erstarrt neben ihm. Ganz rührend übrigens, wie Anja Harteros ihrem Bühnenpartner in den letzten Augenblicken fest die Hand hält. 

Ende. Vorhang. Applaus! Ja, und was für ein begeisterter Applaus, immer und immer wieder mussten die Künstler auf die Bühne, um sich zu verbeugen. Das Getrappel hunderter Füße war zu hören, rhythmisches Klatschen, Bravo!-Bravo!-Rufe. Ich muss sagen, darum liebe ich auch unter anderem die Besuche im Münchner Nationaltheater. Ok, gestern standen alleine mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann zwei Superstars der Opernszene auf der Bühne, zwei der absoluten Publikumslieblinge und zwei wunderbare Künstler und Sänger. Dazu Luca Salsi, den das Publikum in München auch sehr ins Herz geschlossen hat. Zu Recht! Und auch das Bayerische Staatsorchester unter Leitung von Omer Meir Wellber und der fantastische Chor der Bayerischen Staatsoper erhielten ihren wohlverdienten Applaus. 

Am 31. Juli gibt es eine weitere Vorstellung von Andrea Chénier, die gleichzeitig die laufende Saison in München abschließt, ebenso wie die diesjährigen Opernfestspiele. Wir hören uns also noch einmal wieder, bevor es zumindest für mich in die wohlverdiente Sommerpause geht. Die Vorfreude auf das, was kommt, schwingt aber gleichzeitig schon mit. Dazu aber mehr nach dem morgigen Montag.

La forza del destino mit dem Traumpaar der Opernbühne Jonas Kaufmann & Anja Harteros am 19. Juli 2017

München, 28.07.2017

Nach mehr als zwei Jahren gibt es für zwei Vorstellungen wieder die Gelegenheit, diese großartige Inszenierung von Martin Kušej, die am 22. Dezember 2013 Premiere hatte, im Nationaltheater zu erleben. Mit ihm kehrt auch nach dem 2. April das Traumpaar der Oper, Jonas Kaufmann und Anja Harteros, für insgesamt vier gemeinsame Vorstellungen, zweimal La forza del destino und zweimal Andrea Chénier, auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper zurück. Da für die nächste Saison zumindest in München keine gemeinsamen Auftritte geplant sind, sollte man die Chance ergreifen und genießen, beide Künstler zusammen zu erleben. Sowohl für Anja Harteros als auch für Jonas Kaufmann sind es meiner persönlichen Meinung nach Traumrollen und den beiden wie auf den Leib geschrieben. Charaktere, mit denen sich die zwei Opernsänger sehr wohl fühlen und die sie ganz und gar ausfüllen. Wobei sie das Eintauchen in ihre Rollen jedes Mal intensiv betreiben und ihnen so Leben und eine unglaubliche Authentizität geben.

Während man bei der wunderbaren Sopranistin eigentlich fast hundertprozentig sicher sein kann, dass sie eine traumhafte Leistung abliefert, war ich bei dem Münchner Tenor gespannt, wie es ihm nach seinem Rollendebüt als Otello gegangen ist. Nur  so kurze Zeit danach zweimal die Rolle des Alvaro und des Andrea Chénier zu übernehmen, Partien, die es sicher nicht weniger in sich haben als die des Otello. Aber man muss sagen, dass es offensichtlich genau der richtige Zeitpunkt für dieses Debüt gewesen ist und dass es seiner Person, seiner Interpretation, seiner Stimme und seinem ganzen Ausdruck unwahrscheinlich gut getan hat. Der erste Alvaro nach dem ersten Otello war überraschend intensiv, es hatte eine Veränderung gegeben, die ich gar nicht so leicht in Worte fassen kann, aber alles hatte eine noch größere Tiefe und Intensität als zuvor: Darstellung, Stimme, Gestik, Mimik. 

Anja Harteros, die mit Sicherheit zu einer der besten Verdi-Sopranistinnen gehört, überstrahlte mit ihrer Stimme die ganze Breite und Tiefe der Bühne und verzauberte ihr Publikum binnen weniger Augenblicke mit ihrer Ausstrahlung und ihrer leuchtenden und ausdrucksstarken Stimme. Wenn diese wunderbare Künstlerin die ersten Töne in den Raum schickt, verstummt die Welt um sie herum und die Menschen halten inne und lauschen ihr verzückt. Und dabei ist die Sängerin so bescheiden, zurückhaltend, freundlich und ganz und gar mit der Erde verhaftet. Keine CD-Erscheinungen, keine offizielle Website, kein Facebook oder Twitter hat sie nötig. Die Menschen lieben sie und bewundern und schätzen sie, glaube ich, auch genau deswegen. 

Außerdem mit von der Partie bei der bereits dritten Wiederaufnahme dieser Produktion ist auch Simone Piazzola in der Partie des Don Carlo de Vargas. In der Premierenserie und den Opernfestspielen 2014 übernahm diese Rolle der Franzose Ludovic Tézier. Der Bariton war sehr gut bei Stimme, deutlich ausdrucksstärker und intensiver in seiner Interpretation und ist zudem deutlich erschlankt, welches ihm ausgesprochen gut steht. Ich muss zugeben, dass ich nicht die einzige war, die mehr als einmal überlegt hat, ob es sich tatsächlich um den italienischen Opernsänger handelt. Es könnte natürlich auch noch an dem neuen Bart liegen, den er sich, vielleicht für diese Rolle, zugelegt hat. Auf jeden Fall war das Zusammenspiel mit Jonas Kaufmann sehr viel intensiver und der Charakter und die Zerrissenheit von Don Carlo di Vargas trat deutlich mehr zutage als noch im Mai 2015. 

Fotos: © W. Hösl

Und drei weitere bekannte Gesichter waren auf der Bühne zu sehen: Bis auf Ambrogio Maestri, der erst im Mai 2015 dazugekommen ist, waren Vitalij Kowaljow als Vater von Leonora und Don Carlo sowie als Padre Guardiano und Nadja Krasteva als Preziosilla von Beginn an im Ensemble. Und auch am 19. Juli waren die drei mit einer großartigen Leistung zu erleben und hatten genauso Anteil an einer bejubelten Vorstellung. 

Die musikalische Leitung hat von Beginn an Asher Fish inne, der das Orchester der Bayerischen Staatsoper solide dirigierte. Immer wieder erwähnen muss ich den Chor der Bayerischen Staatsoper, der für mich zu einem der besten Opernchöre gehört. Eine Freude und ein Genuss zu jeder Zeit und in jeder Vorstellung. Alles unter der Leitung von Sören Eckhoff, der eine wirklich großartige Arbeit leistet. 

Kommen wir nun noch detaillierter zur Vorstellung am Abend des 19. Juli 2017 im Münchner Nationaltheater, die ich dieses Mal, das erste Mal, von der Galerie aus miterlebt habe. Die Akustik dort oben ist wirklich außergewöhnlich gut und ich kann jetzt gut nachvollziehen, warum der Musikprofi bevorzugt dort oben sitzt oder auch steht. Ich hatte dieses Mal einen Stehplatz, der mir nach einer kleinen aber nachhaltigen Korrektur einen hervorragenden und ungetrübten Blick auf die Bühne bot. Dank meines geschätzten und in London vor zweieinhalb Jahren erworbenen kleinen und leistungsstarken Fernglases war die Entfernung und Sicht überhaupt kein Problem und die Sänger waren erstaunlich nahe vor meinem Auge. So erlebte ich eine wunderbare, emotionale und musikalisch hochkarätige Vorstellung. Nach der dritten Wiederaufnahme werde ich mich zur Produktion, abgesehen davon, dass sie für mich zu einer der besten in München gehört, nicht äußern. Videomagazin und Trailer sind auf der Website der Bayerischen Staatsoper einzusehen, ebenso die Fotos aus der ersten Serie. Abgesehen davon, existiert mittlerweile längst eine DVD-Aufnahme, die auf einer Aufzeichnung vom 28. Juli 2015 beruht. 

Nicht nur letzte Vorstellungen sind interessant und besonders, sondern auch Wiederaufnahmen mit einer gewissen Zeitspanne dazwischen. Und wenn es die gleichen Hauptdarsteller/Solisten sind, dann ist das noch ein wenig spannender; was hat sich geändert, welche Details sind verändert, wie haben die Künstler ihre Rollen weiterentwickelt, welchen Einfluss hatten die letzten Produktionen und Partien auf die Wiederaufnahme. Ist der Cast anders, gibt es neue Kollegen oder ist alles beim Alten geblieben. Wie haben sich die Partner auf der Bühne verändert. Was ist neu entstanden und was noch vorhanden. Bei den immer wieder benannten Sängerdarstellern, die immer wieder an sich und ihrer Rolleninterpretation arbeiten, hat diese Beobachtung einen besonderen Reiz. In der Inszenierung von La Forza del destino gab es einige geänderte bzw. neue Details zu sehen, die vor allem dann ins Auge fallen, wenn man diese spezielle Produktion von Beginn an immer wieder miterlebt hat. Darauf hier allerdings einzugehen, würde den Rahmen vollkommen sprengen. Dieses hier sind meine Eindrücke vom 19. Juli 2017. Vorher gibt es an dieser Stelle noch das Videomagazin, den Trailer sowie einige Ausschnitte von der Bayerischen Staatsoper.

Der erste Akt ist ja irgendwie noch der leichteste und zumindest kurzfristig der unbeschwerteste von allen vier. Für mich ist, abgesehen von Anjas Harteros Arie, der schönste Augenblick der Moment von Alvaros Erscheinen oder auch der erste Auftritt des Tenors, in dem Fall von Jonas Kaufmann. Es gibt ja leider in dieser Oper nur wenig gemeinsame Zeit von Tenor und Sopran, umso mehr erfreut einen das, was man im ersten und letzten Akt miterlebt. Der Münchner Opernsänger, der gekonnt das machohafte Gehabe in dieser Rolle verinnerlicht hat, flirtet und spielt sich mit dunkler Langhaarperücke, eng anliegender Hose, Lederjacke und seiner Rolex (!) am Handgelenk durch seinen ersten Auftritt. Die Harmonie mit seiner langjährigen Bühnenpartnerin ist von der ersten Sekunde an spürbar. Die gibt die zurückhaltende brave Tochter mit schlechtem Gewissen und der Sehnsucht nach Freiheit, die in Liebe entbrannt ist zu einem fremdländischen und charismatischen Mann, der ihr den Himmel auf Erden verspricht und eine gemeinsame Zukunft. Leonora zögert, und ihr Geliebter ist aufgebracht ob der Verzögerung. Das Auf-den-Tisch-steigen fällt an diesem Abend weg, das Kreuz stößt der Opernsänger immer noch um, gießt sich ein Glas Wein und Wasser ein, während seine Geliebte zu seinen Füßen kauert und ihm ihre Liebe schwört. Dann am Ende eine leicht überhebliche und triumphale Geste und ein süffisantes Lächeln von Alvaro, das Jonas Kaufmann recht gut beherrscht. Kurz danach der erste dramatische Höhepunkt, die Entdeckung der zwei Liebenden durch Leonores Vater, der Schuss, der sich aus der Waffe von Alvaro löst und Marchese tödlich trifft. Bevor er stirbt, verdammt er seine Tochter, die sinkt entsetzt zu Boden, während ihr Geliebter vor Schreck und Verzweiflung über dieses Unglück auf die Knie sinkt und die Hände vor das Gesicht schlägt. Ende des ersten Aktes. Die Waffe bleibt dieses Mal am Boden liegen.

Im zweiten Akt hat der Bariton und damit Don Carlo di Vargas seine Einführung; unter einer falschen Identität erzählt er die abgeänderte Geschichte seiner Suche nach der Schwester und ihrem Liebhaber und Mörder seines Vaters. Der Krieg wird besungen und Leonora flüchtet verängstigt vor ihrem Bruder. Dann kommen die Momente, die Anja Harteros gehören; als verzweifelte Frau gelangt sie an die Pforte des Klosters, in dem sie Hilfe und Schutz sucht und hofft. Sie fleht zu Gott und betet und bittet darum, dass er sie erhören möge. Sie ist verzweifelt über den Tod des Vaters, die Rachsucht ihres eigenen Bruders und darüber, dass Alvaro sie verlassen und vor ihr geflohen ist. Und keiner betet so schön und innig wie die sympathische Sopranistin; so schön wie ihr langjähriger Bühnenpartner verwundet leidet, sich suizidiert, ermordet, hingerichtet wird und stirbt. Am Ende wird die verzweifelte Leonora aufgenommen und ihr Name für immer begraben. 

Im dritten Akt begegnen wir dann Jonas Kaufmann als Alvaro wieder und Simone Piazzola als Don Carlo di Vargas. Alvaro ist in seinem Schmerz um den Verlust seiner Geliebten zur Armee gegangen und schlägt sich müde und erschöpft durch die Wirren des Krieges. In seiner wunderschönen Arie im dritten Akt und dem vorangehenden wunderschönen Klarinettensolo erklingt die traurige Geschichte Alvaros und seine flehende Bitte an die totgeglaubte Geliebte. Das erste Mal an diesem Abend ist so richtig die Veränderung in der Stimme und im Ausdruck des Münchner Opernsängers zu hören und zu genießen. Die Pianostellen waren besonders zart und leise und intensiv. Die verzweifelten Ausbrüche um so dramatischer als Ausdruck der Hilflosigkeit. Ja, es hat sich wirklich etwas verändert beim Sänger, Darsteller und Künstler Jonas Kaufmann. Am Ende sinkt Alvaro erschöpft nieder, steckt sich die Pistole in den Mund bzw. an die Schläfe und will abdrücken. Eine Situation, die sicher nicht so leicht darzustellen ist. 

Dann die erste Begegnung von Alvaro und Don Carlo, die sich ihre wahren Identitäten nicht verraten. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf, an dessen Ende Alvaro schwer verwundet ist und um sein Leben ringt. Wie schon erwähnt: niemand leidet so schön und echt verwundet wie der sympathische Münchner. Vor Schmerz stöhnend, krümmt sich der Verwundete, hält die Hand fest auf die stark blutende Wunde am Bauch gepresst. Mühsam versucht er sich aufzurichten. Schon sehr geschwächt vom großen Blutverlust, bittet er den neu gewonnenen Freund, der eigentlich sein größter Feind ist, sein Geheimnis, das er mit sich trägt, für immer zu vernichten. Nun könne er beruhigt in den Armen seines Freundes seinem Ende entgegen blicken. Sowohl in Alvaros Arie als auch im sehr innig gesungenen Duett zwischen beiden Männern, sind es vor allem von Jonas Kaufmann die zarten und leisen Stellen, die besonders berühren.

Aber auch Simone Piazzola hat seine Rolle verändert, seine Interpretation, seine Darstellung. Er hat seiner Figur seine ganz persönliche Note gegeben, ohne dabei den Charakter des Menschen, den er verkörpert, völlig zu verändern. Großer Höhepunkt nach dem Duett mit Jonas Kaufmann sind die zwei folgenden Arien, in denen er dem Zuschauer die Figur des Don Carlo näherbringt, seine Beweggründe und seine Gedanken. Auch gesanglich weiß der italienische Opernsänger zu überzeugen und legt dar, wie er an sich und dieser Rolle gearbeitet hat. 

In Anbetracht der Länge dieser Oper von Guiseppe Verdi, springe ich jetzt ein wenig. Wir steigen ein bei der nächsten Begegnung der zwei Männer. Alvaro ist müde und erschöpft vom Krieg. Don Carlo hat, nachdem er erfuhr, wen er gerettet hat, die Verfolgung aufgenommen und stellt den gehassten Feind. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, und reagiert gleichzeitig entsetzt und von Freude überwältigt auf die Anschuldigungen Don Carlos und auf die Nachricht, dass Leonora noch lebt. Wieder folgt ein intensives Duett der beiden Sänger, in dem Jonas Kaufmann wieder die leisen warmen Töne erklingen lässt und Simone Piazzola als Don Carlo vor Wut die Kontrolle verliert. Aber auch bei dem Tenor tauchen immer wieder die kraftvollen Passagen auf, sein Alvaro ist auch bereit zu kämpfen, lässt sich aus der Reserve locken und sein südländisches Temperament hervorblitzen. Am Ende aber fleht er um die Gnade von Frieden und Erlösung durch Buße in einem Kloster, während Don Carlo abgeführt wird. 

Und weiter geht es mit einem kleinen Zeitsprung und zum Ende des dritten Aktes, in dem sich die zwei Männer ein weiteres Mal treffen. Dieses mal hat der von Hass erfüllte Bruder Leonores den verzweifelten Alvaro bis in das Kloster verfolgt, in dem der, von Reue erfüllt, Schutz und Abgeschiedenheit gefunden hat. Wieder muss er sich dem Hass und der eigenen Vergangenheit stellen und hat doch nur den Wunsch, endlich Frieden zu finden. Das letzte Duett der zwei Opernsänger ist zu erleben und eines der schönsten außerdem. Die Melodie und die Worte, von Jonas Kaufmann gesungen, sind flehend und bittend. Die Arme ausgestreckt nach dem Mann, der ihn so sehr verabscheut, schließlich betend niederkniend, versucht Alvaro Leonores Bruder von seiner Unschuld und Liebe zu überzeugen. Vergeblich. 

Auch hier erklingt wieder der Gegensatz zwischen Liebe und Hass, zwischen Rache und Reue. Don Carlo will kämpfen, seinen Rachedurst stillen und, wenn notwendig, dabei sterben. Don Alvaro sehnt sich nach seiner geliebten Leonora, nach Ruhe, Frieden und Vergebung. Letztendlich erniedrigt er sich selbst, indem er sich zu Boden wirft, den Kopf in einer demütigen Geste nach unten gebeugt, die Arme ausgestreckt wie ein Büßer vor Gott. Noch einmal provoziert ihn Don Carlo, indem er ihn einen Feigling ohne Ehre schimpft. Es ist der letzte Kampf zwischen den beiden Männern. 

Zu Beginn des vierten Aktes hatte Anja Harteros mit ihrer wunderschönen Arie ihren Wiedereinstieg in dieser Oper. Strahlend erklang ihre Stimme und bewies erneut, warum sie zu den besten ihres Fachs gehört. Leonora, die sich in die Einsamkeit eines Eremiten geflüchtet hat, begegnet plötzlich ihrem Geliebten wieder, der ihr verzweifelt gesteht, gerade ihren Bruder getötet zu haben. Während Leonora zu ihrem sterbenden Bruder eilt, sinkt Alvaro, vom Schmerz überwältigt, nieder. Im Augenblick der Begegnung mit seiner Schwester ersticht Don Carlo sie und stirbt. Der verzweifelte Alvaro muss alles miterleben und hilflos zusehen, wie auch das dritte Familienmitglied der Vargas sein Leben aushaucht und seine große Liebe für immer von ihm geht.

Im letzten Akt wiedervereint, gibt es noch einmal die großen emotionalen Momente, die beide Künstler nicht schöner, intensiver und berührender hätten vermitteln können. Jonas Kaufmann verzweifelt und schmerzerfüllt, und Anja Harteros betend und mit tröstenden Worten für den Geliebten. Diese zwei Stimmen, vereint, sind für mich das Schönste, was es gibt. 

Am Schluss stirbt Leonora in Alvaros Armen. Dieser greift sich das Kreuz auf dem Tisch und verlässt gebrochen und unter Tränen den Ort, der ihm das Liebste genommen hat. Licht aus, Vorhang fällt...

Einen Augenblick der Stille wäre, wie auch nach vielen anderen Opern, ein großer Wunsch gewesen. Leider gibt es diese Momente nur selten. So auch an diesem Abend. Kaum war die letzte Note verklungen, brach ein begeisterter Jubelsturm los und das Münchner Publikum feierte die Sänger auf der Bühne und das Orchester im Graben. Und ich muss sagen, dass ich nach dem viel zu kurzen Schlussapplaus in London diese Begeisterung und vor allem die Länge genossen habe. Und sicher nicht nur ich. Und die Hauptprotagonisten, allen voran Anja Harteros, Jonas Kaufmann und Simone Piazzola ließen sich immer wieder auf die Bühne locken, um sich ein weiteres Mal den hoch verdienten und liebevollen Dank des Publikums abzuholen. Danke! Das war ein traumhafter Opernabend mit wundervoller Musik und ganz besonderen Künstlern.

Und schon bald geht es ja weiter. Die eine oder andere Vorstellung steht ja noch aus. Wir hören uns auf jeden Fall noch einmal nach dem 31. Juli mit der Abschlussveranstaltung der diesjährigen Opernfestspiele und der letzten Vorstellung der Saison. Dieses Jahr wird es Andrea Chénier sein, der bereits Ende November und Anfang Dezember wieder zu sehen sein wird. Dann gibt es auch ein Wiedersehen mit dem Traumpaar der Opernbühne: Jonas Kaufmann und Anja Harteros.


Jonas Kaufmann - Interview über Kollegin Anja Harteros:

Der Otello in London und das gelungene Rollendebüt von Jonas Kaufmann

München, 12.07.2017

Nun gibt es mit ein wenig Abstand auch meine Eindrücke und Gedanken zur Neuinszenierung des Otello am Royal Opera House in London vom Juni und Juli 2017 und dem lang erwarteten Rollendebüt des Münchner Publikumslieblings Jonas Kaufmann. Seit zwei Jahren fieberte alles diesem Ereignis entgegen und der Tenor einem seiner ganz großen Höhepunkte in seiner bisherigen Gesangskarriere. Alles unter der Leitung des Dirigenten, dem der Opernsänger mit am meisten vertraut und mit dem er schon einige Debüts am Londoner Opernhaus vorbereitet und gemeinsam absolviert hat. Jedes Mal mit einem großen Erfolg und gefeiert vom Publikum. Nun also das Debüt als Otello mit der Premiere am 21. Juni 2017.

Ich selber habe die Übertragung am 28. Juni live im Kino miterlebt sowie die letzten beiden Vorstellungen direkt im Royal Opera House. Die Vorstellung am 6. Juli war aber zum Teil von der Sicht eingeschränkt, am 10. Juli in der letzten Vorstellung war alles perfekt und ein voller Genuss. So werde ich versuchen, eine Art Zusammenfassung zu erstellen sowie ein Gesamtbild dieser Neuproduktion und aller Beteiligten. Die Kinoübertragung werden die meisten von euch gesehen haben und sind daher mit dem Bühnenbild und den Kostümen vertraut. Wenn nicht, gibt es über die Links zu den Videos auf Youtube reichlich Eindrücke über diese Neuinszenierung von Keith Warner. Mir persönlich hat das stark reduzierte Bühnenbild und das Arbeiten mit den unterschiedlichen Lichtinstallationen sehr gut gefallen; allerdings in erster Linie als Live-Erlebnis in der Oper. Ich muss gestehen, dass die Wirkung im Kino nicht einmal annähernd so gut war wie direkt vor Ort und mit dem Gesamtbild auf der Bühne. Gerade die Persönlichkeiten der Hauptcharaktere wurden durch die Verwendung von Licht und Schatten sehr gut unterstrichen, ihre Seelenzustände und Lebenssituationen verdeutlicht. Die Kostüme waren in Ordnung, aber nicht außergewöhnlich. Im Laufe der letzten zwei Vorstellungen gab es insbesondere bei Jonas Kaufmann eine deutliche Veränderung, in meinen Augen eine gute Entscheidung und in jedem Fall sehr gut nachvollziehbar. Die Pluderhose aus dem dritten Akt verschwand gänzlich und die figurnahe Hose mit den langen Stiefeln begleitete den Sänger bis zum Ende des dritten Aktes. Der Feldherr Otello wurde hier die gesamte Handlung der Oper über unterstrichen, das Kriegerische blieb erhalten. Warum Jonas Kaufmann im dritten Akt einen Schal um den Hals drapiert und mit den Enden in die Hose gesteckt trug, blieb unklar. Das sind aber letztendlich Kleinigkeiten, die keinen weiteren Ausschlag hatten. Der Rest des Cast, sieht man mal von der ein wenig eigentümlich gestalteten Hochsteckfrisur von Kai Rüütel in der Rolle der Emilia ab, war stimmig gekleidet und rundete das Gesamtbild ab.

Kommen wir zur Besetzung, bevor wir uns der Handlung und der drei Hauptdarsteller widmen. Das Ensemble war durchgehend sehr gut besetzt, stimmlich wie darstellerisch. So zum Beispiel Frédéric Antoun in der Rolle des Cassio, der wirklich überzeugen konnte und von dem hoffentlich bald mehr zu sehen sein wird. Auch die bereits erwähnte Kai Rüütel in der Rolle der Emilia hat mir gut gefallen und vervollständigte das Gesamtbild mit einer überzeugenden Leistung. Genauso Thomas Atkins in der Rolle des Rodrigo. Der Chor, der besonders zu Beginn großartige Auftritte hat, bereitete viel Freude beim Zuhören. Der Eingangschor in Verdis Otello ist sicher einer der schönsten und eindrucksvollsten. Und Sir Antonio Pappano am Dirigentenpult leitete und geleitete sein wunderbares Orchester und alle auf der Bühne Beteiligten, Chor und Solisten sicher, einfühlsam und mit großer Leidenschaft durch jeden Abend. Es ist eine wahre Freude und ein Genuss, ihn zu beobachten, wie er alles zusammenhält und zusammenführt. 

Bevor es endlich weiter zur Handlung geht noch ein paar Worte zur Sichtweise. Der entscheidende Unterschied zwischen Kino und Live-Erlebnis: die Wahl des Blickwinkels und die zum Teil sehr intensiven Nahaufnahmen der Darsteller. Das ist natürlich ein besonderer Genuss, wenn man solche Sängerdarsteller auf der Bühne hat wie Jonas Kaufmann, Marco Vratogna oder auch Maria Agresta. In der Oper entscheide ich, was ich anschaue, wohin und wie viel von der Bühne ich sehen möchte, dafür fehlen mir gewissermaßen die Großaufnahmen der Gesichter, dafür gibt mir das Kino aber vor, was ich zu sehen bekomme. Es ist also letztendlich schön, beides erlebt zu haben und alles zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. 

Nun also zu den Hauptakteuren dieser Opernproduktion und Verdis Drama um Liebe, Hass und Eifersucht, das mit dem Tod zweier Menschen endet, die zumindest in weiten Teilen unschuldig sind an ihrem Schicksal, dort hin getrieben durch einen Abgrund von Hass, Neid, Missgunst und dem Inbegriff des Bösen. In den drei Hauptrollen: Jonas Kaufmann als Otello, Marco Vratogna als Jago und Maria Agresta als Desdemona.

Alle Fotos: © 2017 ROH / Photographs by Catherine Ashmore

Vom ersten Auftritt bis zum letzten Atemzug war diese Inszenierung und die intensive und eindringliche Darstellung der drei Hauptprotagonisten fesselnd, aufwühlend und berührend. Marco Vratogna in der Rolle des Jago hatte offensichtlich eine große Freude daran, diesen teuflischen Charakter zu verkörpern, der seine perfide Intrige spinnt und sein böses Spiel mit den Menschen trieb, indem er sie wie wehrlose Marionetten gebrauchte oder wie Schachfiguren auf dem Spielbrett hin- und herschob. Der Bariton war in der Lage, Jago, den Spielleiter des Teufels, wie er auch schon genannt wurde, erschreckend realistisch auf die Bühne zu bringen. Alleine auf der Bühne, war Jagos dunkle Seele zu erblicken, in der Nähe seiner Opfer, insbesondere bei Otello, trägt er eine Maske, hinter der er seine ganze Grausamkeit verbirgt. Er manipuliert, sät Zwietracht und den Keim des Bösen in die Herzen der Menschen, die er für seine Zwecke missbraucht oder die er plant zu zerstören. Der italienische Opernsänger scheint dafür eine gelungene Besetzung zu sein, stimmlich, darstellerisch und auch optisch. Ein Gesamtbild, das wirklich überzeugt hat.

Von Maria Agresta in der Partie der Desdemona war ich von Beginn an nicht überzeugt und ich halte sie auch jetzt nicht für die Idealbesetzung dieser Rolle. Allerdings habe ich mittlerweile meine Meinung etwas revidiert und muss ergänzend hinzufügen, dass diese Anmerkung nicht ihre wunderbare und klare Sopranstimme an sich betrifft. Aber es gibt Sängerinnen, die dem Typ und dem Charakter von Otellos Ehefrau mehr entsprechen. Darstellerisch hat sich die italienische Opernsängerin aber immer mehr gesteigert und in der letzten Vorstellung am 10. Juli, auch wenn letzte Vorstellungen ihre eigenen Regeln haben und immer etwas Besonderes sind, hat sie mich dann doch noch in ihrer Darstellung überzeugen können. Zart, zerbrechlich, ein wenig naiv, aufrichtig liebend, tief gläubig und ein Mensch, der an das Gute im Menschen glaubt. Die stärksten Augenblicke habe ich im dritten und besonders im vierten Akt vorgefunden. Im dritten Akt die harte Begegnung mit Otello, die Demütigungen und Beleidigungen, die körperlichen Übergriffe, die Brutalität, die Verwandlung ihres Ehemanns, seine Ausbrüche von Eifersucht, sein sicher immer weiter steigernder Wahn, aber auch seine Verzweiflung und Zerrissenheit, die Desdemona miterleben muss. Machtlos steht sie daneben, kann nur noch agieren, nicht reagieren, hat keine Lösung, keinen Ausweg, hofft auf ein gutes Ende mit Gottes Hilfe und weiß doch, dass alles in einer Katastrophe für beide enden wird. Im vierten Akt, wenn Desdemona Abschied nimmt von Emilia, ihrer Freundin und Zofe, wenn sie auf die Rückkehr ihres Ehemanns wartet und auf ihren Tod, den sie bereits vorausahnt, erlebte man die Sopranistin unglaublich berührend und zart und die zerbrechliche Seele ihrer Figur erfüllte den Raum. Das Ave Maria genauso wie das Lied von der Weide erklangen als ein Ausdruck der Verzweiflung, der Angst, aber auch der Hoffnung, ihrem Schicksal doch noch zu entgehen. Das in weiß gehaltene Schlafgemach könnte man als Symbol für ihre Reinheit und Unschuld sehen, während die schwarz-graue und dunkle Gestaltung der restlichen Inszenierung für die teuflische Seite von Jago stand und das düstere Seelengefängnis von Otello spiegelte.


Jonas Kaufmann in der Rolle des Feldherrn hat in dieser Oper von Verdi, diesem Drama um Liebe, Hass und Eifersucht, die größte Wandlung und die stärksten Gefühlsausbrüche zu vollziehen. Eine Gratwanderung zwischen Ekstase und Kontrolle über die eigenen Empfindungen und die seiner Figur. Eine Verwandlung bis zu einer Grenze des Machbaren, immer mit der Gefahr, mitgerissen zu werden von dem extremen Erleben und der Macht der Musik und der Gefühle. Und es gibt derzeit kaum einen Opernsänger, der diese Kunst besser beherrscht als Jonas Kaufmann. Kaum einer lässt sich so auf die von ihm verkörperte Person ein, taucht tief ein in die Seelenlandschaft dieses Menschen und schafft so eine intensive Verbindung, die den Zuschauer und auch ihn selber glauben lässt, genau dieser Mensch zu sein und so zu fühlen und zu denken wie er. Bei Otello ist das ganz sicher eine besondere Herausforderung gewesen, selbst für einen erfahrenen Sänger wie den Münchner. Aber dieser Drahtseilakt ist ihm auf eindrückliche Art und Weise gelungen. In seiner ganz persönlichen Interpretation hat er diese Rolle auf die Bühne gebracht, sich abhebend von vielen seiner Vorgänger und Mitstreiter. Sein Otello ist nicht der ausschließlich starke Feldherr und Krieger, als Mann im Umgang mit den Frauen, in Sachen Beziehung und Liebesdingen ist er unerfahren (was Otello auch selbst im zweiten Akt offenbart), unbeholfen und ein wenig ungeschickt. Er ist diesbezüglich leicht beeinflussbar und ein leichtes Opfer für Jago. Diese Zartheit und seine Angst, das Glück und die Liebe nicht zu verdienen oder auf Dauer nicht in seinem Leben halten zu können, zeigte der sympathische Tenor im Liebesduett mit Maria Agresta am Ende des ersten Aktes. In diesen Momenten gewährte der Opernsänger einen Einblick in die zerbrechliche Seite seiner Figur und schuf damit einen Gegensatz zu den folgenden Akten, wenn Otello vergiftet durch die Worte und Taten von Jago immer mehr im Dunkeln versinkt.

Zu Beginn des zweiten Aktes beginnt die Verwandlung und Zerstörung eines Menschen, der zwar ein starker Feldherr und Führer ist, aber ansonsten die Schwäche der Eifersucht in sich trägt. Mimik und Gestik verändern sich langsam, erste Ausbrüche unterstreichen die Hilflosigkeit von Otello, mit dem Gehörten umzugehen und zu einer logischen Erklärung zu kommen. Der Münchner Opernsänger, der hier in ganz ungewohnten Posen zu erleben war, unterstrich durch seine Darstellung die beginnende und voranschreitende Eifersucht und den Wahn Otellos, der nach und nach Fahrt aufnimmt und am Ende in einer Katastrophe endet. Das Racheduell am Ende des zweiten Aktes mit Marco Vratogna zeigt, wie tief sich der Keim des Bösen in Otellos Seele und seinem Verstand festgesetzt hat. Der Wutausbruch, als Zeichen der Hilflosigkeit gegen Jago, und der entsetzte Blick am Schluss in den Spiegel, als der Feldherr seiner dunklen Seite entgegentritt, sind nur zwei Momente, die der Münchner Opernsänger nutzt, um die Zerrissenheit seiner Figur zu offenbaren. Die Akte drei und vier sind sicher nicht nur für Maria Agresta, sondern auch für Jonas Kaufmann die emotionalsten in dieser Oper. Eine Achterbahn der Gefühle. Otello zwischen Eifersucht, Misstrauen, Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Diese Zerrissenheit und die extremen Gefühlsausbrüche waren sicher eine besondere Herausforderung, nicht die Kontrolle zu verlieren und trotzdem der Rolle und diesen Situationen gerecht zu werden und sie so authentisch wie möglich auf der Bühne zu verkörpern. Und genau das ist dem Münchner Tenor bestens, eigentlich muss man sagen: erschreckend gut gelungen. Der Wechsel zwischen den Wutausbrüchen, körperlichen Übergriffen und Demütigungen seiner Frau gegenüber und den Augenblicken der Verzweiflung und der Tränen zeigten eindringlich die Zerrissenheit der Titelfigur, die sich nicht anders zu helfen weiß, außer um sich zu schlagen und sich immer weiter hineinziehen lassen.

Einer der ganz bewegenden Augenblicke und besonders eindringlich von Jonas Kaufmann vermittelt, ist der Zusammenbruch von Otello am Ende des dritten Aktes. Der starre Blick, der extreme Schmerz im Gesicht, der Wahn, der ganz und gar von ihm Besitz ergriffen hat. Die Hand an die Schläfen gepresst, die Hände vor das Gesicht geschlagen, auf die Knie fallend, stößt er alle von sich, schlägt verbal um sich und verflucht seine Frau, die eigentlich sein ganzes Glück bedeutet. Am Ende kommt der völlige Zusammenbruch, Panik, Verzweiflung, ein Aufschrei des Schmerzes, zum Schluss liegt der starke Krieger wimmernd am Boden und Jago presst ihm als Zeichen seines Sieges eine schwarze Maske auf sein Gesicht. Gegenwehr gibt es kaum mehr, Otellos Seele ist zerstört. Nachdem Desdemona ihr Gebet gesprochen hat am Beginn des vierten Aktes und erschöpft niedergesunken ist, betritt ihr Ehemann auf leisen Sohlen das Schlafgemach mit dem festen Plan, seine geliebte und gehasste Ehefrau umzubringen. Der Blick ist leer, wie eine Raubkatze umkreist Otello seine Beute. Desdemona erwacht und hofft auf Einsicht ihres Ehemanns, aber der hat nur ein Ziel. Er beschuldigt sie erneut des Ehebruchs, fordert sie auf, für ihre Sünden um Vergebung zu bitten, da er nicht ihre Seele sondern nur ihren Körper töten will. Die Eifersucht und die Wut sind auf ihrem Höhepunkt angekommen und steuern auf die unausweichliche Katastrophe zu. Und Jonas Kaufmann sicher auf einen seiner schwierigsten Momente in dieser Oper, den brutalen Mord seiner Titelfigur. Als Desdemona in ihrer Verzweiflung Cassio um Hilfe anruft, verzerrt sich Otellos Gesicht zu einem diabolischen Grinsen und er antwortet ihr leise und mit eiskalter Stimme: Tod! Ihr Entsetzen lässt ihn vollkommen durchdrehen und er erstickt sie mit einem Kissen: Stirb!


Der Münchner Opernsänger hat eine erschreckend authentische Darstellung hingelegt, so extrem wie in der gesamten Vorstellung. Zum Schluss wurde es nochmal sehr leise, zart und berührend. Ganz sicher eine der besonderen Stärken von Jonas Kaufmann. In dem Augenblick, wo Otello bewusst wird, dass er seine unschuldige Frau getötet und damit für immer verloren hat, kehrt seine verlorene Seele zurück und zerbricht bei dem Schmerz um den Verlust und seine Schuld ein weiteres Mal. Sein Weg ist zu Ende, es gibt nur noch einen Weg, für immer vereint zu sein mit der Frau, die das ganze Glück in seinem Leben war. Mit schmerzerfülltem Blick sinkt er nieder, kauert neben seiner toten Frau, deckt sie zärtlich mit der Decke zu und tiefe Trauer macht sich breit. Unter Tränen ruft er ihren Namen und muss erneut begreifen, was er getan hat. Ergreifende Augenblicke, die betroffen machen, weil sie so echt und intensiv vermittelt werden. Und dann Otellos verzweifelte Tat, sein Selbstmord als einziger Ausweg aus dieser Schuld und der Einsamkeit. Er steht schluchzend auf, greift einen Dolch und stößt ihn sich mit beiden Händen und größter Heftigkeit in den Unterleib. Er bricht zusammen, kriecht mühsam, sich den Bauch haltend und vor Schmerz stöhnend, hinter der Kommode hervor, schleppt sich zum Bett, zieht sich hoch und versucht mit den letzten Atemzügen seine Desdemona zu erreichen, mit einem letzten Kuss Abschied von ihr zu nehmen. Vergeblich; während das Blut aus seiner Wunde fließt, schwinden seine Kräfte. Mit ersterbender Stimme bittet er ein letztes Mal um diesen Wunsch, sinkt nieder und stirbt. Ich muss es einfach sagen, auch wenn die Situation des Sterbevorgangs in kaum einer Oper realistisch ist, wenn der Münchner Opernsänger auf der Bühne sein Leben aushaucht, ist das jedes Mal sehr ergreifend dargestellt. So auch in dieser Inszenierung und an den Abenden, die ich miterleben durfte.

So endet nicht nur die letzte Vorstellung am 10. Juli mit dieser berührenden Darstellung und hängt noch lange nach. Eine großartige und wunderbare Leistung aller Beteiligten, Solisten, Chor und Orchester unter der wundervollen Leitung von Sir Antonio Pappano. Der Applaus war wie immer im Royal Opera House begeistert, enthusiastisch, aber leider extrem kurz. Wer schon einmal das Glück hatte, dort eine Vorstellung zu erleben, dem wird diese Tatsache bewusst sein. 

Zum Abschluss sei mir verziehen, dass ich mich bei seinem Debüt auf den Münchner Opernsänger konzentriert habe, aber es war mit Sicherheit einer der ganz großen Höhepunkte in seiner Karriere und eine Rolle, auf die auch seine Fans lange Zeit warten mussten. Ansonsten versuche ich meine Aufmerksamkeit möglichst gut zu verteilen. Wenn „Lieblingssänger“ wie Jonas Kaufmann, Anja Harteros oder Ludovic Tézier auf der Bühne stehen, fällt das aber nicht immer ganz leicht. 

Weitere Links:

Die schwierige Rolle des Otello

Einblicke in Verdis Otello

'Everest' for opera singers

Jonas Kaufmann and Antonio Pappano

Jonas Kaufman is Otello

Insights into Otello

Otello masterclass

roh.org.uk

roh.org.uk/otello-by-keith-warner


Im Anschluss gibt es noch die Eindrücke zum ersten Auftritt des sympathischen Künstlers nach seinem ersten Otello als Alvaro während der Münchner Opernfestspiele am 19. Juli. In der fantastischen Inszenierung von La forza del destino an der Bayerischen Staatsoper ist das Bühnentraumpaar Kaufmann/Harteros wieder vereint (zweite Vorstellung am 23. Juli).

Bevor es in die wohlverdiente Sommerpause geht, werde ich noch von der Abschlussvorstellung am 31. Juli berichten, dann gibt es wie zuvor am 28. Juli ein Wiedersehen mit den zwei Publikumslieblingen in der wunderschönen Neuproduktion von Andrea Chénier. Bevor auch ich dann in die Ferien gehe, schließe ich mit einer kleinen Vorschau und meinen nächsten Planungen für die kommende Saison 2017/18. 

Ein bewegender Abend im Nationaltheater mit Leoš Janáčeks Jenufa

München, 24.07.2017

Mit diesem Werk von Leoš Janáček, das mir namentlich bekannt war, hatte ich mich bisher nicht besonders eingehend befasst. Nur den groben Inhalt hatte mir vor einiger Zeit eine ebenso begeisterte Arbeitskollegin kurz umrissen. So wusste ich, nachdem ich zusätzlich das Programmheft vor der Vorstellung am Donnerstag, dem 14. Juli, studiert hatte, was mich erwarten würde. Die Besetzung versprach musikalisch einen großartigen Abend, und genauso war es auch.

Eva-Maria Westbroek in der Titelpartie, Karita Mattila das erste Mal in der Rolle der Küsterin und Stuart Skelton und Pavel Černoch in den Partien des Laca Klemen und Števa Buryja. Auch die ganzen kleinen und kleineren Rollen waren sehr gut besetzt und rundeten das Bild ab. Wieder einmal muss ich den außergewöhnlich starken Chor erwähnen, der für mich zu einem der besten Opernchöre der Welt gehört, Leitung Stellario Fagone.

Das Haus war wie fast jeden Abend, insbesondere während der Festspiele, weitgehend ausverkauft und auch der Chef der Bayerischen Staatsoper, Intendant Nikolaus Bachler, saß in seiner Loge und genoss eine wunderbare und die meiste Zeit sehr bewegende Vorstellung des Musikdramas des tschechischen Komponisten, der sein Libretto übrigens selbst geschrieben hat. An dieser Stelle gibt es noch die gewohnten Links zum Opera Guide, Wikipedia und der offiziellen Youtube-Seite der Bayerischen Staatsoper mit den Videoeindrücken. Die Bühnenfotos sind innerhalb des Beitrages zu finden.

Alle Fotos: © W. Hösl

Nun aber zu diesem Abend, der mich persönlich emotional sehr angefasst hat. Jenufa, dargestellt von Eva-Maria Westbroek, ist ungewollt schwanger von ihrem Cousin Števa, dem Liebling aller Dorfschönen und Lieblingsenkel der alten Buryja. Sie betet darum, dass Števa, den sie sehr liebt, nicht zum Militärdienst eingezogen wird, sondern sie heiraten wird, bevor man die Zeichen der ungewollten Schwangerschaft sieht. Dieser denkt aber gar nicht daran, sondern verspottet Jenufa, stark angetrunken, vor der ganzen Dorfgesellschaft.

Die Küsterin Buryja, Jenufas Ziehmutter, beobachtet alles mit großer Sorge, sieht sie doch ihr eigenes Leben an sich vorbeiziehen. Sie erlegt Števa und Jenufa ein Jahr Trennung auf und knüpft die Bedingung daran, dass Števa die gesamte Zeit keinen Alkohol anrühren darf. Jenufa ist verzweifelt, sie fürchtet die Schande eines unehelichen Kindes. Laca, der Halbbruder ihres Geliebten, verehrt und liebt die Ziehtochter der Küsterin seit Kindheitstagen, drängt sich Jenufa auf, die ihn aber abweist. Aus Eifersucht schlitzt ihr der Abgewiesene mit einem Messer die Wange und zerstört damit für immer die von Števa gepriesene Schönheit. Jenufa torkelt verletzt und traumatisiert davon, Laca bleibt verzweifelt über seine Tat zurück und muss sich schwere Vorwürfe gefallen lassen. Schon im ersten Akt deutet sich das herannahende Drama an, dass die Menschen in diesem Stück im weiteren Verlauf erwartet. Die Situation scheint schon zu Beginn der Geschichte aussichtslos und ein guter Ausgang ohne Zukunft.

Im Mittelpunkt stehen starke Frauen, gebildete Frauen, Jenufa und ihre Ziehmutter, die Küsterin Buryja, sie sind aufgrund ihrer persönlichen Kraft und Stärke von der Männerwelt gefürchtet, die mit ihnen völlig überfordert zu sein scheinen. Die kleingeistige Gesellschaft, in der sie leben, bestimmt auch ihr Schicksal. Es gibt den Wunsch nach Nähe und Geborgenheit vor allem bei Jenufa, und den unbedingten Willen von Unabhängigkeit bei der Küsterin, die ihre Erfahrungen im Leben gemacht hat und ihre Ziehtochter davor bewahren möchte. Die Musik Janaceks ist extrem, extrem kraftvoll, emotional, aufwühlend, intensiv. Es gibt selten einen Moment des Innehaltens, des Luftholens. Wie ein Sturm peitscht er die Protagonisten vor sich her, zeigt gnadenlos die Ausweglosigkeit und das Gefühlschaos auf, in dem sie sich befinden und dem sie nicht entrinnen können. Die Darsteller und Sänger, allen voran Eva-Maria Westbroek, Karita Mattila, Stuart Skelton und Pavel Cernoch, waren in der Lage, diese intensiven Situationen, in der sich ihre Charaktere befinden, eindringlich zu vermitteln. Die Stimmen überzeugten allesamt, wobei für mich die von Karita Mattila und Stuart Skelton noch ein wenig mehr hervorstachen.

Im zweiten Akt wird es sowohl für den Zuschauer als auch für die Gesangssolisten auf der Bühne ganz besonders emotional. Die Situation könnte wohl bedrückender nicht sein. Die Küsterin hat ihre Ziehtochter die letzten Monate in ihrem Haus versteckt, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen hätte, hat den Sohn Jenufas mit auf die Welt gebracht, ihn abgenabelt und getauft. Eine glückliche Familie ist es deswegen aber nicht; der Kindsvater Števa weiß bisher nichts von der Schwangerschaft seiner Ex-Geliebten und der Geburt seines Sohnes. Die Küsterin Buryja sieht in dem Kind eine Gefahr für das Glück ihrer Ziehtochter, macht ihr große Vorwürfe und wünscht sich, dass ihr Enkel endlich sterben solle. Sie schickt Jenufa mit einem starken Schlafmittel zu Bett und empfängt Števa, um ihn anzuflehen, ihre Ziehtochter zu heiraten und das Kind anzuerkennen. Ihr Neffe ist aber vollkommen überfordert mit der ganzen Sache; er fürchtet sich, so sagt er, nicht nur vor der Küsterin, sondern auch vor seiner ehemaligen Geliebten, bezeichnet beide als Hexen. Außerdem ist das, was er an Jenufa verehrt habe, ihre Schönheit, für immer verloren. Zudem sei er nun mit Karolka, der Tochter des Dorfrichters verlobt. Er verlässt das Haus, ohne Jenufa oder seinen Sohn gesehen zu haben. Im Anschluss taucht Števas Halbbruder Laca auf, um sich nach dem Wohl von Jenufa zu erkundigen. Er erfährt die Wahrheit, fast jedenfalls, denn den kleinen Števa erklärt die Küsterin kurzerhand für gestorben, um die Chance einer Hochzeit zwischen Laca und ihrer Ziehtochter zu wahren. Sie schickt Laca erst einmal davon.

Nun folgt der emotionalste Teil dieser Oper. Während ihre Ziehtochter tief und fest schläft, fasst die Küsterin einen grausamen Entschluss: In der Überzeugung, nur ohne das Kind hätte die junge Mutter eine reelle Chance auf eine halbwegs glückliche Zukunft, beschließt sie, ihren Enkelsohn zu töten. Auch für ihn, so redet sie sich grausam ein, wäre diese Entscheidung die beste. Er würde kein erfülltes Leben haben. Immer weiter steigert sie sich in diesen Wahn hinein, betritt Jenufas Schlafzimmer und verlässt mit dem kleinen Števa das Haus, um ihre grauenvolle Tat auszuführen. 


Die finnische Opernsängerin Karita Mattila leistete hier wirklich Großes, ging sicherlich auch gefühlsmäßig bis an ihre Grenzen, war stimmlich unglaublich ausdrucksstark, kraftvoll, berührend und darstellerisch intensiv und glaubwürdig. Aber auch Eva-Maria Westbroek in der Titelpartie bot eine überzeugende Leistung an diesem Abend. Auch sie konnte die unterschiedlichen Facetten ihrer Figur authentisch auf die Bühne bringen, ihre Interpretation berührte genau wie ihre Stimme, und die schlanke Siluette ihres Körpers unterstrich perfekt die Zartheit und Zerbrechlichkeit von Jenufas Charakter, die besonders im zweiten Akt deutlich wird.

Nachdem die Küsterin verschwunden ist, erwacht ihre Ziehtochter und wird von schrecklichen Visionen geplagt. Sie ist verwirrt, kann nicht nachvollziehen, was geschehen ist, und sucht verzweifelt ihren Sohn, als sie sein Verschwinden bemerkt. Als die Küsterin zurückkehrt, erzählt sie der jungen Mutter, sie hätte zwei Tage im Fieber gelegen und in der Zeit sei ihr Sohn gestorben. Zudem erzählt sie ihr von Števas Verlobung mit einer anderen, und als Laca erneut auftaucht, um um Jenufas Hand anzuhalten, nimmt diese an. Die Küsterin Buryja, von Grauen erfasst, bricht vor den entsetzten Augen der jungen Menschen zusammen und bleibt regungslos liegen.

Jetzt muss ich noch einige Worte zu Stuart Skelton in der Rolle des Laca sagen. Der Tenor hat wirklich eine wunderbare, ausdrucksstarke Stimme, eine angenehm warme Tonlage, kraftvoll und zart zugleich, und vermag die Gefühlslage seiner Figur glaubwürdig auszudrücken. Nicht ohne Grund ist der sympathische Opernsänger schon einige Male, u.a. auch für den Münchner Jonas Kaufmann, eingesprungen und erobert nach und nach die Opernhäuser in Europa und der ganzen Welt. Trotz seiner doch recht üppigen Körperfülle ist er auf der Bühne sehr beweglich und lässt sich nicht davon abhalten, der Figur, die er verkörpert, auch durch seine Darstellung die notwendige Lebendigkeit und Authentizität zu verleihen.

Im dritten Akt erlebt man eine insgesamt bedrückende und recht brutale Situation. Die Hochzeit von Jenufa und Laca steht an; die junge Mutter, in schwarz gekleidet und in tiefer Trauer um den Verlust ihres Kindes, darf ihre Gefühle nicht zeigen und wird deswegen u.a. vom Dorfrichter und seiner Frau gerügt. Es sei alles so trist und schlicht, halt keine richtige Feier. Die Küsterin, die seit der Nacht ihrer grausamen Tat einen seelischen Schaden erlitten hat, versucht die Situation zu retten. Das Dorf kommt, um das junge Paar zu feiern, auch Števa und Karolka, die nichts von allem weiß, sind mit dabei. Die Rolle der Karolka hatte an diesem Abend die junge Sopranistin Laura Tatulescu inne, die ich bei der Festspielwerkstatt catarsi als Leonore erlebt habe. Auch jetzt hat sie mich wieder sehr überzeugt und es war eine große Freude ihr zuzuhören und sie agieren zu sehen. Während das Dorf feiert, findet man den toten Körper des kleinen Števa. Jenufa identifiziert ihn anhand der Kleidung. Als die Menge die junge Mutter lynchen will, gesteht ihre Ziehmutter die Tat, alle sind entsetzt, nur Jenufa ist in der Lage, ihr zu verzeihen. Karolka löst die Verlobung mit Števa, dessen Verantwortungslosigkeit sie einfach nicht nachvollziehen kann, und die Küsterin übergibt sich den Händen des Gesetzes. Zurück bleiben Jenufa und Laca, der nach wie vor den Wunsch auf eine gemeinsame Zukunft hat und für den die zwei Worte Liebe und Glück nicht nur leere Phrasen sind. Jenufa nimmt an und ist bereit, es mit Laca zu versuchen. Wahrscheinlich ist es ihre einzige reelle Chance auf ein gesichertes Leben, aber sie weiß auch, dass es den Versuch wert ist und sie Laca vertrauen kann.

Ein bewegender und mitreißender Abend im Nationaltheater geht zu Ende und hinterlässt einige nachdenkliche Augenblicke und den Gedanken, ob es diese Situationen heute auch noch so gibt. Ist das wirklich alles Vergangenheit? Wie selbstbestimmt sind wir heute wirklich, und was lassen wir uns bewusst oder unbewusst an Konventionen aufzwingen? Was bedeutet die Akzeptanz in der Gesellschaft oder in der eigenen Familie? Eine Menge Fragen, die kürzer oder länger beschäftigen und die wir möglicherweise auch ein Stück weit mit in unseren Alltag nehmen.

Musikalisch war es ein großartiger Abend, intensiv, mitreißend, aufwühlend, bewegend. Das Ensemble hochkarätig besetzt, der Chor und das Orchester wie immer überzeugend. Und so verwundert es auch nicht, dass es im vollbesetzten Nationaltheater einen lange anhaltenden und begeisterten Schlussapplaus gab, der die Leistung aller Beteiligten verdient honorierte. Es gibt während der Festspiele nur diese eine Vorstellung, während der kommenden Saison überhaupt keine Aufführung dieser Oper und dieser Inszenierung; diese Tatsache ist wirklich bedauerlich. So bin ich froh, mit dabei gewesen zu sein, und hoffe, mit meinem Beitrag das Interesse an diesem Werk geweckt zu haben.

Signierstunde bei Ludwig Beck am 27.07.2017:
Elīna Garanča, Matthew Polenzani, Mariusz Kwiecień

München, 22.07.2017

Am Donnerstag, den 27.07.2017, geben sich anlässlich der DVD-Veröffentlichung am 21.07.2017 die drei Hauptprotagonisten der Neuinszenierung von La Favorite Elīna Garanča, Matthew Polenzani und Mariusz Kwiecień bei Ludwig Beck die Ehre. Nach einem Gespräch über diese Produktion an der Bayerischen Staatsoper, die im letzten Jahr Premiere feierte und dieses Jahr erneut zweimal bei den Münchner Opernfestspielen zu erleben ist, wird es eine Signierstunde mit den drei Künstlern geben. Der Eintritt dazu genauso wie für das Künstlergespräch ist frei. Die gesamte Veranstaltung findet in der Musikabteilung bei Ludwig Beck in der 5. Etage statt. Der Beginn ist für 17 Uhr geplant. Ein rechtzeitiges Kommen ist vermutlich ratsam, um zumindest für das Interview der drei Opernsänger einen guten Platz zu erhalten. Durchführen wird das Gespräch laut Informationsblatt Andreas Kluge von der Deutschen Grammophon.

Die zwei Termine während der Festspiele mit den drei Künstlern sind der 26.07. & 27.07. Karten gibt es aber sicher nur noch sehr kurzfristig oder an der Abendkasse direkt am Veranstaltungstag. 

stueckinfo/la-favorite

Ich wünsche allen, die das Glück haben eine Karte zu besitzen, viel Freude bei der Begegnung mit diesen drei wunderbaren Sängern und einen großartigen Abend in der Welt der Oper. Für alle anderen gilt die Vorfreude auf die bald erscheinende DVD und den Genuss vor dem eigenen Bildschirm oder möglicherweise sogar mit einem Beamer auf die Leinwand projiziert. Das ist zumindest eine kleine Entschädigung für das entgangene Live-Erlebnis. 

Und hier der Link zur Website von Ludwig Beck in München:

kaufhaus.ludwigbeck.de

stories.ludwigbeck.de

ludwigbeck.de/events

DVD-Empfehlungen für den Monat Juli

München, 21.07.2017

Gleich drei Opernproduktionen erscheinen im Laufe des Juli auf DVD und Blueray, alle drei bei der Deutschen Grammophon. Da ist zum einen La Favorite in einer Inszenierung von Amelie Niemeyer an der Bayerischen Staatsoper mit Elina Garanca, Matthew Polenzani und Mariusz Kwiecien. Diese Neuproduktion gibt es am 26. und 29. Juli noch einmal während der diesjährigen Münchner Opernfestspiele zu erleben geben. Erscheinungsdatum ist der 21. Juli.

Ebenfalls am 21. Juli wird es den Parsifal von den Bayreuther Festspielen aus dem Jahre 2016 auf DVD geben. In der Titelrolle ist Klaus Florian Vogt zu erleben, mit dabei sind außerdem noch Elena Pankratova und Georg Zeppenfeld. Alle drei Künstler sind auch während der Münchner Opernfestspiele zusammen im Tannhäuser am 9. Juli zu sehen und vor allem zu hören.

Georg Zeppenfeld spielt auch in der dritten DVD-Erscheinung eine Rolle: Der Lohengrin aus Dresden mit Piotr Beczala in der Titelpartie und Anna Netrebko in ihrem Rollendebüt als Elsa. Bereits am Freitag dieser Woche gibt es diese Produktion im Handel zu kaufen. 

Das ist doch mal ein wahrer Regen an neuen Opern-DVDs! Viel Freude bei der Auswahl, beim Kauf und vor allem beim Anschauen. 

Hier sind die direkten Links zu Amazon, wo ihr diese Aufnahmen bestellen könnt. Aber auch ein Gang in den Klassik-DVD-Shop eures Vertrauens ist möglich, genau wie in die Klassikabteilungen ausgewählter Kaufhäuser. 

amazon.de/La-Favorite

amazon.de/Richard-Wagner-Parsifal

amazon.de/Richard-Wagner-Lohengrin

Der Otello in London und weitere Empfehlungen

London, 11.07.2017

Jetzt bin ich schon einige Tage in Großbritanniens Hauptstadt und habe bereits die erste Vorstellung der lange erwarteten Neuproduktion mit dem Rollendebüt von Jonas Kaufmann gesehen, die zweite und letzte Vorstellung werde ich morgen erleben. Dann gibt es den entsprechenden Bericht dazu, meine ganz persönlichen Eindrücke und Gedanken. Es wird ein Gesamtbild werden, das den 6. Juli und die Kinoübertragung zu Hause in München mit einbindet. Vorher soll es aber noch meine Empfehlungen für eine der besonders spannenden und schönen Metropolen in Europa und der Welt geben, die neben Rom, Wien und meinen zwei Heimatstädten München und Hamburg zu meinen Lieblingsorten und Reisezielen gehört.

Ich bin jetzt das insgesamt 7. Mal in London und jedes Mal entdecke ich neue Blickwinkel, Ecken, Aussichten und Orte. Genauso aber freue ich mich auf Altbekanntes und schon Gesehenes und selbstverständlich gibt es auch Lieblingsorte oder Gebäude. 


Zu meinen Lieblingsgebäuden zählt, wen wird es überraschen, das Royal Opera House, das definitiv eine Besichtigung wert ist, genau wie die direkte Umgebung Covent Garden Market. In den Markthallen kann man sich wunderbar treiben lassen, bummeln, in den zahlreichen Shops einkaufen gehen oder sich gemütlich irgendwo niederlassen, zum Beispiel mit einem leckeren Essen oder einem Kaffee, und die vielen Straßenkünstler beobachten, die ihr Können zum Besten geben. Es gibt aber auch genug Restaurants und Cafés in der Nähe, die man besuchen kann. Meine Empfehlung für ein spontanes Picknick ist der Einkauf bei Marks and Spencer gegenüber der U-Bahn Station Covent Garden. Dort kann man auch nach Herzenslust Lebensmittel shoppen.

Wer auf Eis steht, dem sei das Gelatorino in der Russel Street 2 ans Herz gelegt und gleich mitgegeben, ruhig zu bleiben bei der Bestellung, die einzelnen Eiskugeln haben gewaltige Ausmaße, schmecken aber himmlisch gut. Eine italienische Leckerei in London. Die Entfernung zum Royal Opera House ist nicht weit.

Wer übrigens so in Britanniens Hauptstadt ankommt, dass er spätestens Freitag morgen fertig eingecheckt hat, mindestens bis zum Dienstag bleibt und zudem gerne einmal zu einem, wenn möglich, geringen Preis eine Opernvorstellung besuchen möchte, für den ist der Friday Rush sehr von Interesse. Ab 13 Uhr jeden Freitag Mittag werden am Ticketshop eine Anzahl von Karten der günstigen Kategorien zum Verkauf angeboten. Man kann also relativ spontan und ohne ganz große Kosten eine der zahlreichen Vorstellungen, Oper oder Ballett besuchen, und den Blick in den Innenraum gibt es quasi gratis dazu. Und einen wunderbaren Blick über Covent Garden Market von der Galerie aus. 

Bevor wir uns ein wenig wegbewegen, noch einige letzte Tipps rund um Covent Garden. Da ist zum einen der Opernshop des ROH, der bedauerlicherweise zur Zeit geschlossen ist. Er ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Dort gibt es alles rund um Oper und Ballett, das Opernhaus und zahlreiche CD- und DVD-Aufnahmen. Eine weitere Empfehlung ist eine Besichtigung des London Transport Museum gegenüber der Markthallen, in dem man alles über die Entstehung und das bestehende berühmte Verkehrsnetz Londons lernen und erfahren kann. Die letzten Tipps betreffen wieder die kulinarische Seite, hier kommen noch drei Restaurants in denen man es sich nach oder auch schon vor einer Veranstaltung gut gehen lassen kann: balthazarlondon, palmcourtbrasserie und giovannislondon

Unbedingt sollte man die Gelegenheit nutzen, da noch immer viele Museen in London kostenfrei zu besuchen sind. Gleich in der Nähe befindet sich das British Museum mit einer der bedeutendsten Sammlungen von über 6 Millionen Exponaten und Ausstellungsstücken menschlicher Geschichte. Besonders die umfangreiche Mumien-Sammlung ist ein großer Anziehungspunkt für die Besucher. Aber das ist natürlich nur ein winziger Ausschnitt dieser umfangreichen Sammlung. Beeindruckend ist auch die Eingangshalle mit ihrem riesigen Glasdach, entworfen von Architekt Sir Norman Foster. Der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde das Museum im Jahre 1759. Bitte daran denken, sich auf die meist immer vorhandenen Menschenmassen einzustellen. Besonders natürlich im Sommer, wenn London überfüllt ist mit Touristen. 

Ein weiterer Publikumsmagnet ist selbstverständlich Tate Britain mit u.a den zahlreichen beeindruckenden Werken William Turners. Einer meiner Lieblingsorte in London. Auch hier ist der Besuch kostenfrei. 

Ansonsten sollte man sich vorher genau erkundigen und planen, ob und wieviel die unterschiedlichen Eintritte kosten und wo es vermutlich sehr voll werden wird. Es empfiehlt sich, am besten schon im voraus den Londonpass zu buchen, um sich langes Anstehen und teure Eintrittspreise zu ersparen. Um erste Eindrücke Londons zu sammeln, ist die Tour mit einem Hop-On-Hop-Off-Bus übrigens gar nicht so verkehrt. Man gelangt unkompliziert zu den unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten, kann jederzeit ein- und aussteigen und erfährt während der Fahrt noch einiges über die Geschichte Londons. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die sich vermutlich insgesamt ähnlich sind, die Preise können ein wenig variieren. Bei mir war es während dieses Aufenthaltes der Big Bus London

Unbedingt sollte man mal einen Five Afternoon Tea genossen haben. Das ist ein wirklich sehr schönes, wenn auch nicht ganz kostengünstiges Erlebnis. Eine Möglichkeit ist, eines der zahlreichen Luxushotels zu nutzen, die genau hierzu ihre Pforten auch für die Öffentlichkeit öffnen. Aber bitte daran denken, dass eine gepflegte äußere Erscheinung Pflicht ist und für die Herren eine Krawatte vorausgesetzt wird. Also bitte erst gar nicht versuchen in Shorts, T-Shirt und Flip Flops Einlass zu finden. Eine andere Möglichkeit ist, den Afternoon Tea in einem der Luxuskaufhäuser einzunehmen. Meine Empfehlung ist der Besuch von Fortnum & Mason. Dieses wunderschöne altehrwürdige Kaufhaus bietet eine stilvolle Umgebung für diesen Genuss. Ein Bummel durch die unterschiedlichen stilvoll gestalteten Etagen lohnt sich ebenfalls. Eine Reservierung für die Tea Time ist besonders am Wochenende sehr anzuraten.

Wer es etwas lockerer möchte, der geht in einem der vielen Supermärkte und Coffee Shops einkaufen und veranstaltet ein Picknick in einem der zahlreichen Parks. Das gehört ohnehin, besonders am Wochenende, zum guten Ton. Die gesamte Familie versammelt sich und lässt es sich gut gehen, genießt die Natur und die frische Luft. Natürlich finden hier zahlreiche Veranstaltungen statt, die auf der Hompage nachzulesen sind. 

Wer das erste Mal London besucht, der wird sicher erst einmal die klassischen Sehenswürdigkeiten anschauen. Nach und nach wird man sich aber andere Ziele suchen und entdecken. Einen Besuch wert und für Pflanzen- und Blumen-Liebhaber Pflicht ist der Columbia Flower Market, der ausschließlich am Sonntag von 8-14 Uhr stattfindet. Wer etwas mehr Zeit einplanen möchte, fährt nach Kew Gardens. Das ist eine Empfehlung einer netten Londonerin, die ich gerade getroffen habe und die mir diesen Ausflug sehr ans Herz gelegt hat. Dort befindet sich auch der beeindruckende botanische Garten Londons.

Als Reiseführer ist mein Favorit der von Dumont, den ich auch für meine anderen Reisen gerne benutze. Aber das ist nur meine ganz persönliche Wahl. 

Am Ende wird es aber so sein, dass man bei seiner ersten Reise in Großbritanniens Hauptstadt nur einen kleinen Eindruck erhalten wird und vieles erst einmal auf den nächsten Besuch warten muss. Eine Reise ist diese Stadt in jedem Fall wert, mit oder ohne Besuch einer Opernvorstellung! 

Die Gezeichneten
Bayerische Staatsoper München am 4. Juli 2017

München, 10.07.2017

Bevor ich mich dem Otello im Royal Opera House widme, hier noch meine Eindrücke von der Vorstellung der Gezeichneten im Nationaltheater München am 4. Juli 2017.

Von dieser Oper und auch dem Komponisten Franz Schreker hatte ich bisher noch nichts gehört und war daher um so gespannter zu erfahren, was mich erwarten würde an diesem Abend. Das Ensemble war u.a. mit Tomasz Konieczny, Catherine Naglestad und Christopher Maltman prominent und gut besetzt. Und die musikalische Leitung unter Ingo Metzmacher versprach einen hochkarätigen Abend. 

Dieses ist eine der letzten Premieren, die in der laufenden Saison zur Aufführung kommt. Die Uraufführung fand am 25. April 1918 im Opernhaus Frankfurt statt. Hier sind die wichtigsten Hintergründe und der Inhalt nachzulesen: wikipedia.de. Und hier noch der Link zur Seite der Bayerischen Staatsoper mit Informationen zum Stück, dem Trailer und dem Videomagazin. 

Alle Fotos: © Wilfried Hösl

Ich muss sagen, dass ich insgesamt sehr positiv überrascht war von der Musik. Das lag in erster Linie an den hervorragenden Sängern und Darstellern und einer sehr guten, einfühlsamen und angenehmen musikalischen Leitung vom Dirigenten des Abends, den ich das erste Mal live erlebt habe. Catherine Naglestad in der Rolle der Carlotta Nardi und John Daszak in der Partie des Alviano Salvago, in dieser Oper und Produktion im Mittelpunkt, konnten intensiv die Charaktere vermitteln und ihre Gedanken und Gefühle dem Publikum näherbringen. Christopher Maltman als Graf Andrea Vitelozzo Tamare hat mir besonders gut gefallen und bot stimmlich und in der Rollenführung einen guten Gegenpol zu John Daszak als Alviano Salvago. Tomasz Konieczny fühlte sich sichtbar wohl in seiner Partie als Herzog Antoniotto Adorno ebenso wie als Capitano di giustizia. Beides sind Partien, die dem Opernsänger wie auf den Leib geschrieben sind.

Das Bühnenbild hat für mich, wie schon erwähnt, zumindest insgesamt einen schlüssigen Eindruck gemacht. Alles verstehen zu wollen, habe ich aufgegeben. Wenn mich eine Inszenierung, eine Interpretation berührt und ich für mich einen Weg finde, sie mit meinen eigenen Gedanken und Vorstellungen zu verbinden, dann ist es gut. Jede Aktion und Interpretation der Regisseure nachzuvollziehen, ist in der Regel nicht möglich. Die Musik aber sollte ohnehin im Mittelpunkt stehen. Diese Musik, die an das Musikdrama von Wagner und mich vor allem an Strauss erinnert, ist sehr intensiv und bietet alles, was man braucht, um die Oper von Franz Schreker zu begreifen.


Insgesamt war es ein gelungener Abend, musikalisch in jedem Fall, was die Inszenierung angeht, nicht immer. Es gab aber auch nichts, was wirklich grundlegend störte. So gab es zum Abschluss der Vorstellung, insbesondere für die Sänger, das Orchester und den Dirigenten viel anerkennenden Applaus. Diese Oper wird sicher nicht einer meiner Favoriten, die ich immer wieder hören werde, aber es war eine gute Erfahrung und ein spannender Opernabend.

Eine Vorstellung gibt es noch am 11. Juli, dann ist diese Premierenserie an der Bayerischen Staatsoper beendet.

Trailer

Preview-Clip

DVD-Empfehlungen für den Monat Juli

München, 07.07.2017

Gleich drei Opernproduktionen erscheinen im Laufe des Juli auf DVD und Blue-ray, alle drei bei der Deutschen Grammophon. Da ist zum einen La Favorite in einer Inszenierung von Amelie Niemeyer an der Bayerischen Staatsoper mit Elina Garanca, Matthew Polenzani und Mariusz Kwiecien. Diese Neuproduktion gibt es am 26. und 29. Juli noch einmal während der diesjährigen Münchner Opernfestspiele zu erleben. Erscheinungsdatum ist der 21. Juli.

Ebenfalls am 21. Juli wird es den Parsifal von den Bayreuther Festspielen aus dem Jahre 2016 auf DVD geben. In der Titelrolle ist Klaus Florian Vogt zu erleben, mit dabei sind außerdem noch Elena Pankratova und Georg Zeppenfeld. Alle drei Künstler sind auch während der Münchner Opernfestspiele zusammen im Tannhäuser am 9. Juli zu sehen und vor allem zu hören.

Georg Zeppenfeld spielt auch in der dritten DVD-Erscheinung eine Rolle: Der Lohengrin aus Dresden mit Piotr Beczala in der Titelpartie und Anna Netrebko in ihrem Rollendebüt als Elsa. Bereits am Freitag dieser Woche gibt es diese Produktion im Handel zu kaufen. 

Das ist doch mal ein wahrer Regen an neuen Opern-DVDs! Viel Freude bei der Auswahl, beim Kauf und vor allem beim Anschauen. 

Hier sind die direkten Links zu Amazon, wo ihr diese unterschiedlichen Aufnahmen bestellen könnt. Aber auch ein Gang in den Klassik-DVD-Shop eures Vertrauens ist möglich, genau wie in die Klassikabteilungen ausgewählter Kaufhäuser. 

amazon.de/La-Favorite

amazon.de/Richard-Wagner-Parsifal

amazon.de/Richard-Wagner-Lohengrin

Lieblingsopernmagazine für den Monat Juli

München, 06.07.2017

Es ist wieder soweit, ein neuer Monat beginnt und meine zwei Lieblingsmagazine zum Thema Oper erscheinen und informieren mit aktuellem Geschehen aus der spannenden Welt dieser wunderschönen und kostbaren Kunstform. Oper! Das Magazin und Das Opernglas.
Beide Magazine habe ihre Schwerpunkte und ergänzen sich sehr gut. Es gibt wie immer interessante Artikel zu lesen, Interviews mit den großen Opernsängern, Dirigenten und Regisseuren unserer Zeit und denen, die noch am Anfang einer erfolgreichen Karriere auf den Bühnen dieser Welt stehen.
Bei Oper! Das Magazin gibt es zusätzlich noch wie immer sehr schön gestaltete Fotostrecken, z.B. zu den stattgefundenen Premieren des letzten Monats. Das Opernglas ist vielleicht ein wenig schlichter und schlanker aufgebaut, enthält aber sehr gute Reviews zu den unterschiedlichen Opernproduktionen in Europa, den USA, Südamerika oder Australien. 
Spezielle Leseempfehlungen für die aktuellen Ausgaben sind: 
Die Premiere des Tannhäuser an der Bayerischen Staatsoper mit Klaus Florian Vogt, Anja Harteros und Christian Gerhaher oder der Otello am ROH in London mit dem lang erwarteten Rollendebüt von Jonas Kaufmann und Maria Argresta als seine Desdemona. Weiter gibt es in Oper! Das Magazin ein ausführliches Interview mit der wunderbaren Anita Rachvelishvili und im Opernglas mit dem Dirigenten Philippe Jordan und der Sopranistin Camilla Nylund. Das sind nur einige wenige Auszüge, es gibt natürlich noch viel mehr…
Ich wünsche euch also wieder ganz viel Freude beim Lesen, Stöbern und Entdecken auf dem Weg durch die Welt der Oper. Die eine oder andere Anregung wird ganz sicher dabei sein und manches Mal ist es sicher auch eine Zusammenfassung eines selbst erlebten Abends in einem der zahlreichen Opernhäuser dieser Welt. 

Die 16. UniCredit Festspiel-Nacht am 30. Juni 2017

München, 05.07.2017

Am Abend des 30. Juni 2017 um 20 Uhr war es wieder soweit, die 16. UniCredit Festspiel-Nacht im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2017 öffnete ihre Pforten und nahm die zahlreichen Besucher mit auf eine Reise in die Welt der Musik und Kunst. Zu erleben waren Highlights aus Oper, Konzert und auch Literatur an den bis zu 17 verschiedenen Spielstätten in der Münchner Innenstadt, u.a. in den Fünf Höfen und drumherum, bei Hugendubel, im Literaturhaus oder der Salvatorkirche. Das Motto: Musik als Teil der Gesellschaft und als Wohlfühlfaktor dieser Stadt, „Oper zum Anfassen“ und zum Entdecken. Eine Veranstaltung, die die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringt und friedlich ein großes Fest der Musik feiern lässt. Begegnungen in einer Nacht, in der alles möglich scheint, ins Gespräch kommen, miteinander genießen und schwärmen. Jedes Jahr besuchen bis zu 15.000 Menschen dieses wunderbare Event, und dieses große Interesse bleibt hoffentlich auch weiter so bestehen.

Auch ich war also in dieser Nacht unterwegs und habe wieder einmal erlebt, wie viel Kraft und positive Energie in der Musik steckt und wie sehr sie die Menschen verbindet. Es war eine friedliche und entspannte Atmosphäre und es gab so viel zu erleben, dass ich nicht einmal annähernd alles gesehen und gehört habe, was ich im abwechslungsreichen Programm für mich entdeckt hatte. Die zahlreichen Künstler gaben mit Freude ihre Kunst und ihr Können an das begeisterte und dankbare Publikum weiter und wurden ihrerseits mit viel Applaus und Anerkennung belohnt. So auch die jungen Sänger des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper, die mich wieder sehr begeistert und erstaunt haben. Viele von ihnen starten hier in München eine erfolgreiche Karriere und sind u.a. bei den unterschiedlichen Konzerten im Cuvillies Theater zu erleben sowie auch in kleinen Rollen in den aufwendigen Opernproduktionen im Nationaltheater. Dieses zu verfolgen ist eine spannende und lohnenswerte Sache. 

Einen kleinen Abstrich gab es leider in dieser Nacht der Musik und Kunst, etwas, das man keinesfalls beeinflussen kann: das Wetter! Auch wenn es glücklicherweise nicht geregnet hat, war es nicht gerade besonders sommerlich, und wer sich nicht sorgfältig präpariert hatte, erlebte das Gefühl, am Ende ziemlich durchgefroren zu sein. Im Vergleich zum letzten Jahr war es dieses Mal leider keine laue Sommernacht, aber ich bin sicher, das hat dieser wunderbaren und wie immer bestens organisierten Kulturveranstaltung keinen Abbruch getan. So sei noch ein großer Dank gesagt, zum einen an die Veranstalter selbst, an die Unterstützer und Sponsoren, an die Stadt München, die Bayerische Staatsoper und ihre wunderbaren Künstler, und an die zahlreichen Mitarbeiter, Ordner und Helfer, die wieder mit viel Freude, Freundlichkeit und Geduld die Fragen beantworteten und die Besucherströme leiteten. Und einen großen Dank sei noch an das zahlreiche Sicherheitspersonal gerichtet, dem gerade in der heutigen Zeit eine enorm wichtige Aufgabe zukommt und das den Menschen das Gefühl gibt, sicher aufgehoben zu sein und miteinander feiern und genießen zu können. 

Ich bin schon sehr neugierig, was uns nächstes Jahr erwartet, und gehe mit Vorfreude in die nächsten Wochen mit zahlreichen Aufführungen aus Oper, Liedgesang, Konzert und Ballett. Fast vier Wochen voller Musik liegen vor uns. So wünsche ich allen eine wunderbare Zeit und melde mich wieder mit einem Erfahrungsbericht zur Neuproduktion am Nationaltheater von Die Gezeichneten, die am Samstag Premiere feierte. 

[catarsi] – Kraft und Macht der Gefühle 
Die zweite Festspielwerkstatt der Münchner Opernfestspiele

München, 03.07.2017

Am Abend des 29. Juni 2017 habe ich die zweite Festspielwerkstatt im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2017 besucht und wurde, wieder durch eine Empfehlung von Stephanie Korte, Pressereferentin der Bayerischen Staatsoper, unglaublich positiv überrascht. Auch die zweite Festspielwerkstatt mit dem Namen [catarsi] findet wieder im Postpalast in der Nähe der Hackerstrasse statt. Dieses Mal aber wurde der Veranstaltungsort auf eine andere ganz besondere Art und Weise genutzt. Verantwortlich für dieses Musik- und Kunstprojekt zeichnet das Musiktheaterkollektiv AGORA. Uraufführung war hier im Rahmen der Festspiele am 28. Juni. 

Kurz zusammengefasst sei hier die Unterteilung dieses speziellen Konzepts in die unterschiedlichen künstlerischen Bereiche:

Musik von Ludwig van Beethoven und Benedikt Brachtel

Libretto von Fidelio Joseph Sonnleitner

mit Revisionen von Georg Friedrich Treitschke 

und mit Texten von Agora

Besetzung

Leonore: Laura Tatulesco

Florestan: Kristofer Lundin

Rocco: Alban Lenzen 

Statistinnen: Monika Ehlscheidt und Felicitas Weiß

Stimme von Pizarro: Lucy Wirth

Sänger und Darsteller begleitete live ein wunderbares kleines Orchester

Violine I: Anton Roters, Klarinette: Sofija Molchanova, Violine II: Ignasi Roca Selles, Fagott: Martynas Sedbaras, Viola: Georg Roters, Klavier: Jean-Pierre Collot, Violoncello: Zoe Karlikow, Synthesizer: Bernhard Geigl, Kontrabass: Anselm Legl, Perkussion: Gabriel Hahn, Flöte: Sarah Pascher, Sound Artist: Richard Eigner.

Es waren noch viele Künstler an diesem Abend beteiligt, die ich aber bedauerlicherweise nicht alle einzeln aufzählen kann, und so seien diese Menschen stellvertretend für das gesamte Team des Musiktheaterkollektivs und dieses Projektes genannt. 

Und worum geht es nun bei Catarsi? Die Bayerische Staatsoper schreibt auf ihrer Website:

„Ein Mann und eine Frau – beinahe das ideale Paar, und doch leben sie in in zwei Welten. „Catarsi“ – für ihn ein Ort, der ihn alle seine Träume leben lässt, für sie der Ort, der ihren Mann ins Gefängnis der eigenen Imagination verbannt. Der Ort, den sie aufsuchen muss, um ihn damit zu konfrontieren. Durch ihren Mut scheint beider Begegnung möglich. Doch in welcher Welt findet sie statt? Im Realen? Im Utopischen? In konkreten Berührungen, in Worten und den im Gesang codierten Gefühlsäußerungen – oder in der Vorstellung, der Simulation davon? Die Gruppe AGORA wählt in den Festspielen nach ihren Untersuchungen in Prozessor I-III für ihre multimediale Stückentwicklung [catarsi] noch einmal Ludwig van Beethovens Oper Fidelio als Matrix, um zu untersuchen, welche Rolle die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers im Musiktheater spielt. AGORA reagiert musikalisch, szenisch und visuell auf Beethovens utopischen Entwurf und lässt die Zuschauer im Postpalast virtuell und ganz real durch Leonores und Florestans Welten wandern.“

Und das sind meine ganz persönlichen Eindrücke und Erfahrungen an diesem ungewöhnlichen musikalischen Abend: 

Über einen Eingang von außen wurden wir in ein Gebäude geführt, das etwas abseits vom Postpalast stand, und von dort aus weiter durch unterschiedliche lange schwach beleuchtete Gänge. Aus runden kleinen Lautsprecherboxen ertönte eine Frauenstimme, unentwegt immer wieder dieselben Worte. Weiter ging es, die Treppen hinunter in ein Kellergewölbe, wieder klangen verschiedene Stimmen aus mehreren im Kreis und von der Decke herabhängenden Lautsprechern. Und erneut ging es um Gefühle. Pizarro, der nur als Stimme in Erscheinung tritt, hat ein akustisches System entwickelt, das Menschen ermöglicht, ihre Emotionen intensiver zu erleben. Im Gegenzug raubt das System deren Gefühle und speichert sie als Stimmen ab, um sie zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder abrufen zu können. So ist die Beschreibung im Programmheft zu [catarsi]. Und außerdem steht dort: Ich lauf durch einen Keller, höre Klänge, Stimmen und Geräusche. War das nicht aus der Oper Fidelio? Wer ist hier gefangen, ich oder die Stimme aus dem Lautsprecher? Wer hat die Kontrolle über diese Boxen? Wird auch meine Stimme geraubt werden? Was ist hier wirklich? Weiter geht es durch die Kellergänge, die Treppen hoch und wieder runter, und irgendwann öffnete sich eine Tür und wir fanden uns im Inneren des Postpalastes wieder und wurden ein Teil des Geschehens. In der Mitte des Raumes ein vom Boden bis an die Decke reichender und im Kreis angeordneter Vorhang, hinter und vor dem sich alles abspielte an diesem Abend. Und wir als Zuschauer bewegten uns um diese Bühne herum, durften hinter den Vorhang schauen, Platz nehmen auf der Tribüne und die Geräusche, die Aktionen der Sänger und Künstler beobachten. 

Dazu steht im Programmheft: Ich sitze auf einer Tribüne. Ich darf jedoch auch stehen und kann mich frei bewegen. Ich verfolge eine Frau, weniger für Freiheit, sondern vielmehr für Wirklichkeit. Beeindrucken mich die Klänge und Geräusche aus den Lautsprechern mehr als das Orchester und die Stimmen der Sänger? Es geht um Florestan und Leonore, die einmal ein Liebespaar waren und jetzt in getrennten Welten leben. Pizarro hält Florestan gefangen und raubt ihm Gefühle – Florestan fühlt sich in Pizarros System jedoch sehr wohl. Leonore, die wegen ihrer Zweifel Pizarros System verlassen hat, möchte Florestan befreien und ein Leben ohne manipulierte Gefühle mit ihm führen. Irgendwann gelingt es Leonore, Florestan in die Realität zurückzuholen. Die Begegnung mit dieser Welt löst bei ihm jedoch einen Schock aus, die Wirklichkeit bleibt ihm fremd. Er trennt sich ein weiteres Mal von Leonore, kehrt zurück zu Pizarro, in die Welt der tausend abgespeicherten Gefühle und bleibt in Wunschvorstellungen von seiner Geliebten gefangen. 

Das ist die Geschichte und wir als Zuschauer dürfen sie unmittelbar miterleben, mittendrin sein, Leonore und Florestan begleiten, ihre Welten betreten und wieder verlassen, ihre Gefühle spüren, unsere eigenen Empfindungen wahrnehmen. Intensives Erleben hautnah. Die wunderschönen Stimmen der Sänger und ihre Darstellung berühren und ziehen uns hinein in eine andere Welt. Das ist Kunst und Musik neu interpretiert, erlebbar gemacht. Die Stimmen der Sänger mischen sich auf eigenartige Weise mit den Stimmen, die aus den Lautsprechern erklingen. Wir erlebten, wie sich die zwei Liebenden begegneten, wiederfanden und wieder verloren, wie sie liebten und litten, glückliche Augenblicke erlebten und schlimme Abschiede. Wir wandelten durch diese ganz besondere Szenerie, mal in Bewegung, mal still lauschend, beobachtend und unseren eigenen Gedanken und Empfindungen nachhängend. Ein Teil eines großen Ganzen. 

Danke, liebe Bayerische Staatsoper, und danke, liebes Team vom Musiktheaterkollektiv AGORA für diese wunderschöne und unvergessliche Erfahrung und einen traumhaften musikalischen Abend voller Gefühle.

IMPRESSUM

Datenschutz

ADRESSE: 
Hannah Klug
Effnerstr. 86
D-81925 München


Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten und bei meni.com

KONTAKT
E-Mail:
hannah.klug@vom-zauber-der-oper.de
Phone: +49 151 15992159